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Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn

Originaltitel: Birds of Prey: And the Fantabulous Emancipation of One Harley Quinn__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2020__Regie: Cathy Yan__Darsteller: Margot Robbie, Mary Elizabeth Winstead, Ewan McGregor, Jurnee Smollett-Bell, Bojana Novakovic, Ali Wong, Chris Messina, Rosie Perez, Steven Williams, Daniel Bernhardt u.a.
Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn Kinoplakat

Harley Quinn erhält einen weiteren filmischen Anlauf: “Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn”

Im Serienkosmos würde man „Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn“ als Backdoor-Pilot bezeichnen. Das bedeutet: In einer etablierten Serie mit vertrauten Figuren taucht auf einmal in einer Folge ein Schwung neuer Figuren auf, die kurz darauf eine Spin-Off- oder sogar eine komplett neue Serie aus dem gleichen Themenkreis erhalten. „Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn“ nimmt dementsprechend die bereits in „Suicide Squad“ etablierte Harley Quinn und zimmert ihr einen beinahe ausnahmslos auf sie zugeschnittenen Film auf den irren Leib, nur um ganz nebenbei eine Art Origin-Story für die Birds of Prey zu lancieren.

Daneben ist „Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn“ ein Film mit einer Mission. Female Empowerment heißt dabei das Codewort. Infolgedessen sind wirklich alle weiblichen Figuren ausnahmslos positiv besetzt, während sämtliche männliche Charaktere einfach nur Dreckschweine sind. Ein einziger Penisträger ist positiv besetzt: Eine Hyäne namens Bruce, die ihrer Herrin nicht nur aus der Hand frisst. Manchmal muss man Hollywood für seine simple Schwarz-Weiß-Malerei einfach lieben. Blöd nur, dass ausgerechnet ein Penisträger extrem schnell zum Showstealer des Filmes mutiert.

Last but not least ist „Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn“ Hollywoods Versuch einer Wiedergutmachung für „Suicide Squad“, das bereits erwähnte, peinlich missratene Debüt der beliebten DC-Figur Harley Quinn. Und soviel vorweg: Besser als „Suicide Squad“ ist „Birds of Prey“ allemal.

Schaut in die Comicverfilmung mit Margot Robbie hinein

Wenngleich der Film handlungstechnisch ähnlich dumpf geraten ist. Alles dreht sich um einen MacGuffin in Form eines Diamanten, der den Zugang zu einem gewaltigen Vermögen ermöglichen soll. Dieser gerät in die Hände einer kleinen Taschendiebin, die daraufhin auf der Most-Wanted-Liste des Fieswichtes Roman Sionis landet. Der kann das Geld gut gebrauchen, um sich in Gotham endlich aus dem Schatten des als verschwunden geltenden Jokers heraus zu bugsieren.

Sionis setzt unter anderem auch Harley Quinn auf die Diebin an. Harley verarbeitet aktuell die Trennung von Joker und freut sich über jede Beschäftigung. Sionis hofft derweil, Harley so unter Kontrolle bringen zu können und auf seine Seite zu ziehen. Doch Harley entdeckt im Umgang mit der Taschendiebin ihre weibliche Seite und mutiert unverhofft zum Muttertier. Eine geschasste Polizistin, eine Vigilantin namens The Huntress und die Clubsängerin Black Canary, die Birds of Prey, schlagen sich im Verlauf der Handlung auf Harleys Seite.

Die Handlung der Comic-Verfilmung wirkt zu Beginn enorm fahrig, weil sie beständig in der Erzählzeit springt. Dabei kommt durchaus auch Konfusion auf. Was negativ klingen mag, ist eigentlich ein kleiner Coup, weil die Handlung von Harley Quinn höchstselbst erzählt und immer wieder aus dem Off kommentiert wird und in ihrer seltsamen Struktur glaubwürdig dem verrückten Geist ihrer Erzählerin entsprungen scheint. Blöd wird dieses Stilmittel immer dann, wenn es richtig gute Szenen in zu viele Einzelteile zerlegt.

Margot Robbie als Harley Quinn

Margot Robbie darf wieder Harley Quinn geben.

Als Beispiel sei die definitiv beste Actionszene des Filmes genannt. In der stürmt Harley mit ihrer Fun-Gun in ein Polizeirevier und nietet die Cops mit Farbpatronen, Flitterpatronen und Gummigeschossen um. Ein großer Spaß. Grandios inszeniert. Mit tollen Zeitlupensequenzen veredelt. Plötzlich ein Handlungssprung. Irgendwer wird uns vorgestellt. Innerlich verdreht der Zuschauer die Augen. Weil der will eigentlich wissen, wie es in der Actionszene weitergeht.

Endlich kehrt „Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn“ zu der Polizeirevier-Szenerie zurück. Es folgt eine großartige Martial-Arts-Sequenz, in der Harley Quinn gegen einen ganzen Haufen Gefängnisinsassen ran muss und dies mit enormer Körperbeherrschung und teils erstaunlichen Bewegungsabläufen schafft. Nächster Umschnitt auf eine uninteressante Szenerie. Es wird gelabert. Irgendwer eingeführt oder aus der Handlung geworfen.

Erst danach erfährt man endlich, wie die Revierszene endet, wenn Harley Quinn teils wunderbar brutal mit einem Baseballschläger drei plötzlich auftauchende Killer von Sionis umknüppelt. Auch hier gibt es ein paar wunderbar spektakuläre Einlagen zu verzeichnen. Dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass die Szene in einem Rutsch einfach viel unterhaltsamer gewesen wäre. Sie unnötig zerdehnt wurde. Ohne dass man den Figuren nun näher gekommen wäre.

Ewan McGregor in Birds of Prey

Ewan McGregor hatte richtig Spaß an “Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn”.

Das auch insofern schade, weil diese eine gelungene Actionszene ganz vielen eher lahmen Actionmomenten gegenübersteht. Alle Szenen vor der Reviereinlage waren reichlich enttäuschend. Kurz, unspektakulär, im Fall einer CGI-Großexplosion obendrein schwach getrickst. Dabei kein Stück schlitzohrig, witzig oder sonderlich brutal. Das setzt sich dann bis zum Showdown fort. Und selbst der braucht eine ganze Weile, bis er vom uninspiriert und chaotisch wirkenden „Jumphouse“-Gehopse zum ganz unterhaltsamen Massaker gerät. Inklusive wirklich nettem, herrlich überraschend und schnell durchgezogenem Finisher für den Oberfiesling.

Abseits der Action kommt „Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn“ nur reichlich behäbig voran. Auch die Einführung der Birds of Prey ist eher langweilig und unpräzise geraten. Zudem verpasst der Film die Möglichkeit, sich auf seiner Hauptfigur und deren Standing in der Fanbase auszuruhen. Natürlich ist Harley kein zweiter Deadpool, aber im Grunde hätte der Film genau einen solchen Charakter eigentlich gebraucht – Das Potential dafür hätte Harley Quinn. Vor allem im Mittelteil hängt der Film infolgedessen teils gewaltig in den Seilen. Kaum ein Spruch zündet, die Action kickt nicht und die Figuren quatschen gefühlt die ganze Zeit aneinander vorbei. Alles wirkt seltsam verzögert.

Die Schauspieler holen zumindest einige Kohlen aus dem Feuer. Dabei natürlich vor allem Margot Robbie („Once Upon A Time In… Hollywood“). Die trifft den Charakter der Harley Quinn zumindest im Sinne der etwas mutlos wirkenden Drehbuchvorlage ziemlich gut. Leider darf sie aber kaum die gefährlichen und vor allem die irren Seiten ihrer Figur herauskehren. Dass dahingehend großes Potential bestanden hätte, zeigt eine reichlich kaputte Marilyn-Monroe-Hommage. Dennoch hat Frau Robbie in der Figur eine Art Idealrolle gefunden. Es braucht halt nur mal jemanden bei Warner/DC, der Harley Quinn sein lässt, wie sie ist.

Der große, zu Beginn der Kritik schon angeteaste Showstealer, heißt Ewan McGregor („Männer die auf Ziegen starren“). Der entwirft dank herrlich manierierter Auftritte einen schön kaputten Bösewicht, der mit seinem herrlich bedrohlichen Sidekick Victor Zsasz (Chris Messina) Gesichter abziehen und Chaos verbreiten darf. Und auch für ein paar hübsch zynische Lacher sorgt. Leider weiß das Drehbuch in Richtung Showdown nichts mehr mit seiner Figur anzufangen. Auch weil jetzt der Fokus stärker auf der Genese der Birds of Prey liegt.

Birds of Prey mit Harley Quinn

Die Birds of Prey und eine Irre schreiten zur finalen Schlacht.

Die kommen lange Zeit gar nicht im Film an. Jurnee Smollett-Bell („True Blood“) schmeichelt als Black Canary zwar dem Auge, bleibt aber in ihrer Rolle total blass und nichtssagend. Mary Elizabeth Winstead („Gemini Man“) muss als Huntress in einem vorgeblichen Emanzipationswerk einen männlichen Archetypen geben und eigentlich nur cool rüberkommen. Was ganz okay klappt. Und Rosie Perez („Small Apartments“) ist als Bindeglied zwischen Black Canary und Huntress einfach nur stinklangweilig und verschenkt.

Für Actionfans hält der Film zumindest eine interessante Personalie parat: Ein Chauffeur von Sionis wird von einem coolen Daniel Bernhardt („Kill’em All“) gegeben, der insgesamt aber leider nur zwei Szenen bestreiten darf und in beiden keinerlei Gebrauch von seinen Martial-Arts-Kenntnissen machen darf. Wenn man so das Potential verschenkt, muss man sich nicht wundern, wenn die Action am Ende nicht rockt.

In technischer Hinsicht ist „Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn“ ganz nett geraten. Abgesehen von einer hübschen Animationssequenz zur Origin-Story von Harley (Mehr Origin-Storys gingen “leider” nicht in den Film) mutet sie allerdings immer ein wenig zu langweilig für den Hauptcharakter an. Erst in Richtung Finale werden die Bilder auf einem zerfallenen Rummel-Gelände ein wenig abgefahrener. Etwas nervig gerät das Gadget, dass alle neuen Figuren mit einem Standbild vorgestellt werden, in dem Wort-Bild-Gags abgefeiert werden sollen, die so gut wie nie funktionieren. Warum in einem Female-Empowerment-Film ausschließlich weibliche Singstimmen den Soundtrack beherrschen, man(n) weiß es nicht, wippt aber bei einigen Songs dennoch gerne mit. Während der relativ hohe R’n’B-Anteil bei einem Film mit einer sehr punkig angehauchten Figur doch ein wenig verwundert.

„Birds of Prey“: Große Klappe, nicht viel dahinter

Kurzum: So richtig rocken will auch der zweite filmische Anlauf von Harley Quinn nicht. Zumindest ist er keine Vollkatastrophe wie „Suicide Squad“ und macht im Vergleich zu diesem Schwachfug in einigen Szenen tatsächlich Spaß. Auch weil Margot Robbie hier den Ton besser trifft und man zumindest spürt, dass das Drehbuch versuchte, dem Charakter der Comicfigur zumindest ansatzweise näher zu kommen.

Dem Ergebnis fehlt es aber dennoch an Anarchie, Frechheit, Humor, Irrsinn und einer grundlegenden Leck-Mich-Attitüde. Letztere hätte allen Bereichen, vor allem aber der öden Handlung, richtig gut getan. In der Folge bleiben ein paar sehr gelungene Einzelszenen, ein herrlich überdrehender Ewan McGregor sowie ab und an gelungene, weitgehend sehr physische, kaum von CGI verunstaltete Action. Bei letzterer scheint immer wieder die Handschrift von Second Unit Regisseur Chad Stahelski („John Wick 3“) überdeutlich durch. Leider wirkt auch er insgesamt ziemlich ausgebremst.

Sehr knappe

05

Der Film läuft seit dem 6. Februar 2020 in den deutschen Kinos und kommt von Warner Brothers. Mit einer Freigabe ab 16 ist „Birds of Prey“ ungeschnitten.

In diesem Sinne:
freeman

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Copyright aller Filmbilder/Label: Warner Bros. Entertainment Inc.__Freigabe: FSK 16__Geschnitten: Nein__ Blu-ray/DVD: Nein/Nein, seit dem 6.2.2020 in den Kinos

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