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Blue Ice

Originaltitel: Blue Ice__Herstellungsland: Großbritannien/USA__Erscheinungsjahr: 1992__Regie: Russell Mulcahy__Darsteller: Michael Caine, Sean Young, Ian Holm, Bob Hoskins, Bobby Short, Alun Armstrong, Sam Kelly, Jack Shepherd, Philip Davis, Patricia Hayes, Mac Andrews, Alan MacNaughton, Todd Boyce, Peter Forbes u.a.
Blue Ice

In dem Spionagethriller „Blue Ice“ geraten Michael Caine und Sean Young unter der Regie von Russell Mulcahy in eine Intrige

Zwischen den beiden US-Kinoflops „Highlander II“ und „Karen McCoy – Die Katze“ drehte Russell Mulcahy noch die US-britische Co-Produktion „Blue Ice“, an der auch HBO beteiligt war und die in Amerika direkt ins Fernsehen kam, in Europa im Kino und auf Video ausgewertet wurde, aber kaum Nachhall fand.

Was das blaue Eis des Titels ist, das verrät die Anfangsszene, die herzlich wenig mit dem Rest des Films zu tun hat. Ex-Spion Harry Anders (Michael Caine) besucht eine Beerdigung und plauscht am Grab mit einer Frau unter anderem über ungewöhnliche Todesursachen. Darunter ist auch das Erschlagenwerden von gefrorenen Fäkalien, die aus Flugzeugen fallen – das blaue Eis, gefärbt durch das Reinigungsmittel in den Flugzeugklos. Wenn der frühere MI6-Agent nicht gerade Gespräche über arme Knilche führt, die durch gefrorene Pisse ums Leben kommen, dann betreibt er einen Jazz-Nachtclub in London. Nicht nur aufgrund seines Vornamens, sondern auch aufgrund seiner Attitüde und seiner Lebensweise erinnert der Protagonist an den Spion Harry Palmer, den Caine erstmals 1965 in „The Ipcress File“ verkörperte, dann in den Kinofortsetzungen von 1966 und 1967 sowie zwei nachgeschobenen TV-Filmen in den 1990ern.

Auf der Fahrt nach Hause kracht Stacy Mansdorf (Sean Young) in seinen Wagen, die Frau des US-Botschafters in Großbritannien. Trotz Blechschaden ist das Ganze vorteilhaft für Harry, denn er und die attraktive Frau kommen sich schnell näher und beginnen eine Affäre. Young spielt hier mal wieder ihre Rolle als verführerische Versuchung, wie zuvor schon in Filmen wie „No Way Out“ oder später in dem Direct-to-Video-Schlonz „Blue Motel“. Ihr Filmpartner ist zwar fast doppelt so alt wie sie, was vielleicht den Sex-Appeal von Caines Star-Image betonen soll; allerdings scheint die Filmfigur Stacy auf alte Knacker zu stehen, denn ihr Botschafter-Ehemann ist so verwittert, dass Harry fast schon wieder wie ein Jungspund aussieht.

Harry kann dann auch schwer widerstehen, als Stacy ihn um den Gefallen bittet noch etwas von einem Ex-Lover abzuholen. Zusammen mit einem alten Kollegen nimmt sich Harry der Sache an, doch jemand ermordet sowohl Stacys Ex als auch Harrys Kumpel. Als sich die Geheimdienste einschalten, merkt Harry, dass es bei dem vermeintlich simplen Gefallen um wesentlich mehr ging…

Schaut euch den Trailer zu „Blue Ice“ an

Der eher gemütliche Thriller mit Spionage-Anleihen mag für Mulcahy eine Abwechslung gewesen sein, bedeutet allerdings auch, dass er seine inszenatorischen Stärken nur wenig ausspielen kann. Die Optik zeichnet sich eher durch Bodenständigkeit ohne große Mätzchen aus, seine Musikvideo-gestählten Inszenierungsmuskeln kann er nur in der trippigen Sequenz ausspielen, in der man Harry eine Droge verabreicht, um ihn zum Reden zu bringen, und man das Ganze aus seiner Perspektive erlebt. Auch mit Action wird sparsam umgegangen. Eine kleine Ballereinlage im Mittelteil erweist sich als Übung, die Harrys Kumpel Sam Garcia (Bob Hoskins), der mittlerweile eine private Sicherheitsfirma betreibt, veranstaltet. Es gibt ein paar Morde und Mordversuche, Harry darf sein Können auf Sams Schießstand vorführen, aber ein größeres Set Piece gibt es erst beim Finale im Containerhafen. Auch da wird es altersbedingt nicht zu wild, doch ein paar Schauwerte gibt es schon, gerade wenn ein Handlanger Harry mit einem Containerkran zu überfahren versucht oder Held mal kurz zur Maschinenpistole greift.

Doch nicht nur actionseitig, auch sonst braucht „Blue Ice“ allgemein sehr lange, um in die Puschen zu kommen. Die plotstartenden Todesfälle kommen erst nach einem Drittel Spielzeit, zuvor wird viel Zeit auf die Interaktion von Harry und Stacy ver(sch)wendet, die weder so bedeutsam, emotional oder erotisch ist wie sich Mulcahy und Drehbuchautor Ron Hutchinson („Vaterland“) wohl gedacht haben. Danach stolpert Harry ähnlich planlos wie das Publikum durch die undurchsichtige Plotte, in der lauter Geheimdienstler mit nebulösen Motiven auf- und abtreten. Der Hintergrund des ganzen Zinnobers wird dann ebenso lustlos wie lapidar mit zwei, drei Nebensätzen aufgedeckt, deren Bedeutsamkeit aber nicht über „irgendwas mit Waffelhandel“ hinauskommt. Ähnlich undurchsichtig ist die Plotlogik, wenn Stacy ihren Lover über weite Strecken des Films aus konstruierten Drehbuchgründen verleugnet (angeblich fürchtet sie den Skandal, während sie Harry zuvor sogar zu einem Botschaftsempfang mitgeschleppt und sogar ihrem Gatten vorgestellt hat), aber pünktlich zum Finale natürlich aufkreuzt, um entführt werden zu können.

Der Plot jedenfalls zieht selten, ebenso wenig die Figuren, sodass es auch kaum juckt, wenn jemand sein Leben lassen muss. Auch da wählen Drehbuch und Regie nicht immer den effektivsten Weg: Den Tod einer sympathisch gedachten Nebenfigur bekommt Harry beispielsweise nur in einem Dialog erzählt. Immerhin ist das Ganze sonst inszenatorisch solide Handwerkerarbeit, in der manchmal auch britischer Understatement-Humor aufblitzt, etwa wenn sich Harry mit den ermittelnden, wenig kompetenten Polizisten zofft, die ihn für einen möglichen Täter halten, einen Spruch reißt oder auch sonst gern aneckt. „Blue Ice“ ist ein Film, in welchem die Hauptfigur wesentlich besser funktioniert als das ganze Drumherum, aber das liegt vielleicht daran, dass er so auf seinen Star zugeschnitten ist.

Michael Caine („Die Unfassbaren 2“) kann den Film auch tragen, hat sichtlich Spaß an der Rolle als mit allen Wassern gewaschener Spion, der eigentlich nur seine Ruhe und etwas Luxus möchte, sich aber nun nochmal mit dem alten Geschäft rumschlagen muss. Einer, der oft leicht belustigt ist, aber nichts so sehr hasst wie belogen oder verraten zu werden. Sean Young („Crazy Instinct“) spielt ihren Standardpart ganz okay, erhält vom Drehbuch aber auch wenige bekannte Szenen. Bei Bob Hoskins („Falsches Spiel mit Roger Rabbit“), dessen Beteiligung eine Überraschung sein sollte, weshalb er nicht Vor-, sondern nur im Abspann genannt wird, ist es andersrum: Er hat zwar nur wenige Szenen, in denen er aber als Rampensau ordentlich aufspielen kann. Später im Film taucht noch Ian Holm („Das fünfte Element“) als unleidlicher Geheimdienstchef für Edelsupport auf, auch sonst hat das Ensemble ein paar Charakterfressen wie Jack Shepherd („Flucht aus Absolom“) zu bieten, die kleine Akzente setzen, sodass man sich über das Casting kaum beschweren kann.

Doch trotz der guten Besetzung, etwas trockenem Humor und einem brauchbaren Finale ist „Blue Ice“ kaum mehr als kompetent heruntergekurbelte, wenig spannende Routine, die ihren Plot eher stiefmütterlich behandelt, kaum veritable Spannungsszenen besitzt und nie ein Gefühl für Gefahr oder Bedeutung erzeugen kann. Und gerade damit steht und fällt ein Spionagethriller ja, sodass es „Blue Ice“ nicht gut zu Gesicht steht, dass man nie das Gefühl hat, dass es wirklich um etwas ginge.

„Blue Ice“ ist in Deutschland bei Warner auf VHS erschienen, ungekürzt ab 16 Jahren freigegeben. In den USA wurde er von HBO auf DVD veröffentlicht.

© Nils Bothmann (McClane)

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