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Die Heineken Entführung

Originaltitel: De Heineken ontvoering__Herstellungsland: Niederlande __Erscheinungsjahr: 2011__Regie: Maarten Treurniet__Darsteller: Rutger Hauer, Marcel Hensema, Sallie Harmsen, Beppie Melissen, Teun Kuilboer, Gijs Naber, Marjolein Keuning, Reinout Scholten van Aschat, Korneel Evers, Ton Kas u.a.
Die Heineken Entführung

Rutger Hauer gibt den Bierbrauer Alfred Heineken.

Der am 4. November 1923 geborene Alfred Heineken begann ab 1942 in der Brauerei seiner Familie zu arbeiten und war über die Jahre vor allem für die Werbung und den Aufbau der Heineken-Markenidentität zuständig. 1971-1989 war er gar Vorstandschef bei Heineken und machte die Biermarke zu einer der erfolgreichsten der Welt. Mitten in dieser Phase, im November 1983, wurde Alfred Heineken von Cor van Hout und dessen vier Komplizen entführt. Sie erpressten knapp 35 Millionen Gulden von Heinekens Familie. Von dieser Summe tauchte nach der Inhaftierung der Entführer gerade einmal die Hälfte wieder auf. Doch dieser Verlust dürfte für Alfred Heineken zu verschmerzen gewesen sein. Viel schwerer wog, dass sich der bis zu der Entführung sehr kontaktfreudige und offene Mann nach den Ereignissen weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückzog, sie bis zu seinem Tod am 3. Januar 2002 sogar mied…

„Die Heineken Entführung“ nimmt sich des Falles nun an, besteht aber schon zu Beginn darauf, festzuhalten, dass man die Ereignisse eher frei interpretiere. Das merkt man schon daran, dass der eigentliche Chef der Entführer, Cor van Hout, nur eine untergeordnete Rolle spielt. Der Film fokussiert stattdessen auf die Figur des Rem, die auf dem Entführer Willem Holleeder basiert.

Rem wird eines Tages Zeuge, wie ein paar junge Kerle offensichtlich eine Entführung planen. Das lässt ihn aufhorchen und er schlägt den Kerlen vor, doch mit ihm den Bierbrauer Alfred Heineken zu entführen. Der sei ein viel lohnenderes Ziel… Es braucht nicht viel, um die anderen zu überreden, und so entführt man in einer spektakulären Aktion sowohl Heineken als auch dessen Chauffeur. Beide verbringt man in eine Werkhalle irgendwo in Amsterdam und ringt nun ganze drei Wochen mit der Heineken-Familie und den Behörden um das geforderte Lösegeld. Obwohl sie keine groben Fehler begehen, kommt die niederländische Polizei den Entführer nach der endgültigen Lösegeldübergabe auf die Schliche. Die Entführer verstreuen sich in alle Winde. Mit ihnen verschwinden auch die Millionen…

Dies entspricht ungefähr der ersten Hälfte des Filmes. Diese macht es dem Zuschauer nicht leicht. Denn „Die Heineken Entführung“ verzichtet in der ersten Stunde konsequent auf Identifikationsfiguren. Zwar wird angedeutet, dass Rem durchaus auch altruistische Ziele verfolgen könnte, bei genauerem Hinsehen entpuppt er sich aber als unsympathisches, sadistisches Arschloch. So hat man zwar mal einen Film, der seine Hauptfiguren nicht verklärt oder zu Helden stilisiert, der Spannungskurve tut dies aber nicht wirklich gut. Die seltsamen Annäherungsversuche Rems an seinen Love Interest unterstreichen nur den Eindruck, dass man es hier mit einem leicht gestörten Charakter zu tun haben muss. Die anderen Entführer lässt der Film weitgehend unter den Tisch fallen. Er versucht lieber eine starke Fehde zwischen Heineken und Rem aufzubauen, was aber schon alleine deshalb nicht sooo gut funktioniert, weil Heineken viel zu selten in die Handlung eingebunden wird. Das ändert sich dann in der zweiten Filmhälfte…

Die Heineken Entführung

Cor und Rem auf der Flucht.

Der nach seinem dreiwöchigen Martyrium befreite Heineken setzt nun nämlich alles daran, seine Entführer dingfest zu machen. Vor allem will er den jungen und hochgeschossenen Vermummten (Rem) fassen, der ihn wiederholt mit Wonne drangsalierte. Doch Rem und Cor van Hout entziehen sich der niederländischen Staatsmacht, indem sie gen Frankreich fliehen. Jene haben kein Auslieferungsabkommen mit den Niederlanden und sprechen die Verbrecher in einem Gerichtsverfahren sogar frei! Heineken weiß, dass er nun selbst tätig werden muss und er leitet eine fiese List in die Wege…

Die zweite Hälfte von „Die Heineken Entführung“ gehört dann voll und ganz Rutger Hauer („Eureka“). Dieser entwirft mit allem Understatement seinen Heineken, der nach außen eine souveräne und charismatische Fassade aufbaut, in seinem Inneren aber massiv an den Vorkommnissen während seiner Gefangenschaft leidet. Der Film bekommt nun endlich seine Identifikationsfigur, der man alle Daumen drückt, zumal sie die Gelegenheit nutzt, um endlich Ordnung in ihr Leben zu bringen. Denn vor der Entführung war Heineken ein Lebemann, der gar nicht so genau wusste, was in seinem Betrieb Usus war und der sich gerne mit schönen Frauen umgab. Und während er Ungerechtigkeiten in seinem Betrieb ausmerzt, findet er auch zurück zu seiner Frau, die als einzige wirklich in der Lage zu sein scheint, ihm Trost zu spenden, und die verhindert, dass er sich vollends isoliert aus Angst vor den noch freien Entführern.

Das ist alles ohne Schnörkel und in einem sehr nüchternen Stil umgesetzt. Am meisten beeindruckt die stimmige Ausstattung, die die 80s mit grässlichen Frisuren, Modesünden, verbotenen Farbkombinationen und potthässlichen Jogginganzügen wieder auferstehen lässt. Ein echtes Highlight ist der großartige Soundtrack von Tom Holkenborg – der „Realname“ von Musikgenie Junkie XL. Einen inszenatorischen Bruch stellt der „Showdown“ dar. Umgesetzt wurde er in Südafrika, welches die Insel St. Martin doubelt und unvermutet Postkartenidylle in den bisher klaren und geerdeten Look bringt.

Die Heineken Entführung

Alfred Heineken fühlt sich nirgendwo mehr sicher…

Am Ende bleibt ein lange Zeit sehr sperrigere Film, der es seinem Publikum vor allem zu Beginn nicht leicht macht. Es fällt schwer, in „Die Heineken Entführung“ hineinzufinden, weil die einzige Figur, die als Identifikationsfigur taugen könnte, stark zurückgenommen wird. Auch werden dem Publikum viele Elemente üblicher Entführungsfilme vorenthalten. So werden die Entführer nie beim Verhandeln gezeigt und auch eine Konfrontation mit der Polizei findet nie statt. Der Film beweist dabei einige Male zu oft Mut zur Lücke. Dennoch entwickelt „Die Heineken Entführung“ eine starke Grundspannung und hat in Rem-Darsteller Reinout Scholten van Aschat einen starken Protagonisten, der punktgenau die zunehmende Arschlochattitüde seines Charakters trifft. Mit dem Ende der Entführung zeigt Rutger Hauer, was es heißt, sein Charisma wirken zu lassen. Mit aller Souveränität reißt er den Film an sich, der noch einmal deutlich in Sachen Spannung zulegt und in einem starken Showdown auf St. Martin kulminiert. All das ist stilsicher und mit dem Blick für Details inszeniert und verlässt sich vollkommen auf seine Geschichte um eines der unglaublichsten Kidnappings aller Zeiten, bei dem bis heute noch offene Fragen (etwa nach dem verschwundenen Geld) bleiben. 2015 nimmt sich ein weiterer Film des Themas an: „Kidnapping Mr. Heineken“. Mit Anthony Hopkins als Heineken.

Die deutsche DVD/Blu-ray zum Film erschien am 30. März 2015 von NEW KSM und ist mit einer FSK 12 Freigabe ungeschnitten. Leider bieten die Extras zum Film (Deleted Scenes, Featurettes und Trailer) keinerlei Informationen über den wahren Fall.

In diesem Sinne:
freeman

Was meint ihr zu dem Film?
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Copyright aller Filmbilder/Label: NEW KSM__FSK Freigabe: ab 12__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Ja/Ja

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