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Good Kill

Originaltitel: Good Kill__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2014__ Regie: Andrew Niccol__Darsteller: Ethan Hawke, January Jones, Zoë Kravitz, Jake Abel, Bruce Greenwood, Stafford Douglas, Alma Sisneros, Kristen Rakes, Michael Sheets, Dylan Kenin u.a.
Good Kill

Ethan Hawke als Drohnenpilot in dem intelligenten Drama “Good Kill”.

Major Thomas Egan war einst ein Kampfjet-Pilot. Doch eines Tages nahm man ihm sein Flugzeug weg. Er wurde einer Einheit zugeteilt, die aus Las Vegas Drohnen in Afghanistan und ähnlichen Krisenherden lenkt. Heute hat er sich scheinbar mit seinem Job arrangiert: Morgens kommt er an „seinem“ Container auf einem Stützpunkt der US-Army an. Wortwörtlich ein Container, allerdings gespickt mit hochmoderner Drohnen-Lenk-Technik. Hier nimmt er seinen Platz ein und observiert aus sicherer Distanz Ziele oder schaltet sie, wenn der Befehl dazu kommt, beinahe mechanisch aus. Danach legt er den Hebel um. Wird zum Familienvater und widmet sich seiner Frau und seinen Kindern. Die sind heilfroh, dass ihr Vater nicht mehr direkt in den Krisengebieten dienen muss. Thomas Egan hat das große Los gezogen. Sollte man meinen…

Doch Thomas Egans Leben ist nur scheinbar perfekt. Thomas Egan will wieder raus aus diesem für ihn alltäglichen Trott. Er will fliegen. Er braucht den Nervenkitzel. Er will die Gefahr spüren. Das Steuern und Abfeuern der Drohnen lässt ihn zusehends abstumpfen. Wie bei einem Videospiel dreht sich alles nur ums Anvisieren und Abdrücken. Danach werden die Leichen gezählt und in Statistiken erfasst. Der viel propagierte „saubere Tod“ in Reinkultur. Der Thomas Egan auch deshalb moralisch kaum anficht, weil er wichtige Ziele ausschaltet. Ziele, die die Sicherheit der USA gefährden.

Doch eines Tages ändert sich das Spiel. Thomas Egans Einheit wird dem direkten Befehl der CIA unterstellt. Diese agiert bei der Auswahl ihrer Ziele ganz anders als die militärischen Befehlshaber. Manche Ziele werden „errechnet“ und scheinen willkürlich ausgewählt. Kollateralschäden nehmen die Beamten ohne großes Federlesen in Kauf. Sie verstecken sich hinter beschönigenden Phrasen. Ein Beispiel sei das sogenannte Nachfassen. Das heißt, Thomas und seine Leute schalten ein fest definiertes Ziel aus, nur um zu warten, wer helfen kommt, um dann ebenjene Helfer auch ins Visier zu nehmen. Mehr und mehr beginnt sich in Thomas Widerstand zu regen und er ringt sich zu einer kleinen Rebellion durch…

Andrew Niccol macht es dem Zuschauer bei seinem Psychogramm „Good Kill“ (ein „Good Kill“ ist btw. ein Drohnenangriff, bei dem ausschließlich das eigentliche Ziel getötet wird) nicht unbedingt leicht. Er nimmt sich eines nach wie vor hochbrisanten Themas an und wirft viele Fragen auf, deren Beantwortung er zu weiten Teilen dem Zuschauer selbst überlässt: Ist die mittels Drohnentechnik aufgebaute Distanz zwischen „Täter“ und „Opfer“ so groß, dass man das Ausschalten der Ziele vielleicht gar nicht mehr als tödlichen Akt begreift? Mutiert Krieg nicht doch allmählich zu einer Art Videospiel? Kann es sein, dass das Töten via Fernbedienung zu einem Automatismus verkommt? Auch das Prinzip von Befehl und Gehorsam gerät immer wieder in die Schusslinie, genau wie ethische und moralische Prinzipien.

Jetzt ist der Krieg wie ein First Person Shooter. Aber wenn Sie hier den Abzug betätigen, ist das verflucht echt.

Das kleidet Regisseur und Drehbuchautor Niccol in ein filmisches Gewand, das immer wieder Gefahr läuft, ebenso gelangweilt routiniert abzulaufen wie die Arbeitstage von Thomas Egan. Action oder große Gesten sollte man sich von „Good Kill“ also nicht erwarten. Und erst recht keine grelle Satire wie bei Niccols grandiosem „Lord of War“. „Good Kill“ spult sein Programm in einem eher bedächtigen Tempo ab, wird aber trotzdem nicht langweilig und setzt ein paar interessante Spannungsspitzen. Diese generiert Niccol immer im Umfeld der Drohneneinsätze, bei denen auch die sonst eher subtil arbeitende Musik deutlich aufdreht. Hier steigt ebenfalls keine große Action. Es ist eher die Intensität der Inszenierung. Der stete Wechsel zwischen den Bildschirminhalten und den konzentrierten Blicken der Akteure auf die Monitore. Momente, in denen man hofft, das jemand den Befehl verweigert und aus der Monotonie des Tötens ausbricht. Doch stattdessen ist da meist ein erschreckend belanglos wirkender Grundton bei der Ausführung der Befehle, was dann umso eindrücklicher an diversen moralischen Grundfesten rüttelt…

Good Kill

Thomas Egan möchte endlich wieder fliegen…

Denn letzten Endes wird hier klinisch kalt an einem Bildschirm über Leben und Tod entschieden. Der lapidare Druck auf den Joystickknopf löscht das Leben dann aus. Lautlos. Denn von den Raketenangriffen sehen wir nur die Detonationen. Den aufgewirbelten Sand. Hören können wir nichts. Beklemmend wird es, wenn sich der Sand wieder gelegt hat. Dank der hochauflösenden Drohnen-Optik sehen wir jedes Detail und werden der Folgen des Angriffs gewahr: Tod, Leid, Zerstörung. Einzelne Körperteile lieben ebenso herum wie tote Körper, die in ihrem Blut schwimmen. Und da ist sie, die erschreckend dreckige Fratze des „sauberen Tötens“…

Aufgezogen werden Story und kritische Untertöne anhand Ethan Hawkes („Getaway“ – beachtet auch unser kleines Portrait auf Seite zwei) Figur des Thomas Egan. Der ist als Anker für den Zuschauer kaum geeignet, ist er doch ein sehr zurückgezogen und eigenbrötlerisch wirkender Typ, der nur selten nach außen transportiert, was ihn bewegt. Viel sprechen mag er infolgedessen nicht. Und richtig viel Liebe scheint er nicht einmal seiner Familie entgegenbringen zu können. Das macht es nicht leicht, mit Hawkes Charakter mitzufiebern. Das wird noch verstärkt durch einen seltsam zwiespältigen Charakterzug Thomas Egans. Es scheint ihn nämlich prinzipiell kein Stück zu stören, dass er tagtäglich Menschen töten muss. Selbst Kollateralschäden scheinen ihm kaum eine Gefühlsregung abzuringen. Stattdessen stört ihn eigentlich nur, dass er seine Gegner nicht von Angesicht zu Angesicht umbringen kann. Spätestens in den bereits erwähnten Momenten des „sauberen“ Tötens ist sein Wunsch nach körperlicheren Kampfeinsätzen nicht mehr nachvollziehbar. Und genau hier gerät „Good Kill“ seltsam ambivalent. Auch die Tatsache, dass Egan irgendwann einen Ausweg im Alkohol sucht, ist zu sehr filmgewordenes Klischee.

Good Kill

Doch die Realität sieht anders aus. Er steuert nur Drohnen fern…

Hawke holt aus dieser Rolle mit einer souveränen Leistung dennoch viel heraus und erinnerte mich optisch teilweise frappierend an einen jüngeren Harrison Ford! Bruce Greenwood („The Place Beyond The Pines“) hat als Vorgesetzter von Thomas Egan die geschliffensten, ausgefeiltesten und galligsten Dialogzeilen von „Good Kill“ abbekommen. Mithilfe seiner Figur setzt Niccols einige wirklich punktgenaue Messerstiche gegen die amerikanische Tötungs- und Foltermaschinerie. January Jones („Pakt der Rache“) hat als Frau von Thomas Egan eine eher undankbare, mit vielen Klischees aufgeblasene Rolle zu bestreiten, die obendrein in unnötige Subplots mündet. Vor allem eine mühsam zurechtgebogene Eifersuchtskiste erweist sich formvollendet als überflüssiger Ballast. Dagegen kann Zoë Kravitz („Mad Max: Fury Road“) als gutes Gewissen der Drohnensteuerungseinheit einige nette Akzente setzen und hat eine gute Chemie mit Hawke. Die meisten anderen Nebendarsteller sind leider überwiegend wandelnde Klischees und haben für Niccols einen rein funktionalen Charakter, um beispielsweise die in einer Szene gerade erforderliche „andere Seite der Medaille“ zu verkörpern.

Optisch ist „Good Kill“ über jeden Zweifel erhaben. Die Szenen rund um Egans Familie taucht Kameramann Amir Mokri in Pastelltöne. Die Szenen rund um den Stützpunkt bebildert er klar kontrastiert und mit satten Farben. Ebenso die Bilder um den Handlungsort Las Vegas. Interessant ist auch, dass er Totalen gerne mit einer Vignette versieht. Wodurch es wirkt, als seien auch diese Bilder von den laut Film allgegenwärtigen Drohnen aufgenommen. Was freilich unbewusst auch die Frage aufkommen lässt, was das wohl für Konsequenzen hätte, wenn auch die Taliban über Drohnen mit der Schlagkraft amerikanischer Modelle verfügen würden… Eine ganz eigene Qualität und Wirkung haben dann die immens wichtigen Bilder, die die Drohnen auf die Bildschirme der Drohnenpiloten senden, da sie schon extrem an Videospiele und die dort inzwischen mögliche Optik erinnern.

Good Kill

Ethan Hawke als schwierig zu nehmender US-Soldat.

Von einigen echten Schwächen im Drehbuch abgesehen (hierbei vor allem in der Charakterzeichnung) bietet „Good Kill“ intelligente Filmkost, die auch über die bloße Rezeption hinaus die Synapsen ordentlich glühen lässt. Zudem gefällt, dass Niccol in seinem Film nicht wertet. Wer in diesem „Spiel“ der Gute und wer der Böse ist, dass überlässt er ganz und gar dem Zuschauer. Auch ein richtig oder falsch existiert in „Good Kill“ lange Zeit so gar nicht. Das ist durchaus reizvoll, macht es dem Zuschauer aber auch schwer, einen rechten Zugang zu dem ruhig dahinfließenden Charakterdrama zu finden. Das eher unbefriedigende Ende verstärkt diesen Eindruck nur noch.

Die deutsche DVD/Blu-ray zum Film erschien am 9. Juni 2015 von Ascot Elite und ist mit einer Freigabe ab 12 ungeschnitten.

In diesem Sinne:
freeman

Was meint ihr zu dem Film?
Zur Filmdiskussion bei Liquid-Love

Copyright aller Filmbilder/Label: Ascot Elite__Freigabe: ab 12__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Ja/Ja

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