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Hongkong Vice – Long Arm of the Law

Originaltitel: Shen Gang Qi Bing__Herstellungsland: Hongkong__Erscheinungsjahr: 1984__Regie: Johnny Mak__Produktion: Jerry Bruckheimer u.a.__Darsteller: Lam Wai, Chen Jing, Jiang Huang, Lung Jiang, Ben Lam, Shum Wai, Tommy Wong Kwong-Leung, Patrick Lung u.a.
Hongkong Vice - Long Arm of the Law

Ein kleiner Klassiker des Heroic-Bloodshed- und Hongkong-Actionkinos: “Hongkong Vice” alias “Long Arm of the Law”

1986 läutete John Woo mit „A Better Tomorrow“ eine neue Phase des Hongkong-Actionkinos ein, indem er quasi das Heroic-Bloodshed-Genre dort etablierte. Aber auch dieser Klassiker ist nicht ohne Vorläufer, etwa „Long Arm of the Law“ aus dem Jahre 1984, der in Deutschland als „Hongkong Vice“ erschien.

Der deutsche Verleih schien dabei von der Popularität der Action-Crime-Serie „Miami Vice“ profitieren zu wollen, denn inhaltlich rechtfertigt nichts an „Long Arm of the Law“ diese Bezeichnung. Kein Sittendezernat spielt eine Rolle, die Polizei kommt sowieso nur am Rande vor, denn dem Arm des Gesetzes wollen die Protagonisten lieber entgehen. Dabei handelt es sich um eine Gruppe chinesischer Ex-Soldaten rund um den Anführer Tung (Lam Wai), die in den englischen Untertitelfassung teilweise sprechende Namen wie Blockhead, Eagle-Eye, Chubby oder Rooster haben. Sie alle träumen von einem besseren Leben und sehen Kriminalität als einzigen Ausweg aus ihrer derzeitigen pekuniären Lage, weshalb sie einen Coup in Hongkong durchziehen wollen. Doch schon beim Grenzübertritt wird einer der ihren das Opfer von Wächtern und deren Hunden, womit der tragische Grundton der Geschichte von Anfang an gesetzt ist.

In der Tradition klassischer Gangster- und Heistfilme aus Amerika und Frankreich wird natürlich das geplante Verbrechen durch die Umstände erschwert: Im als Ziel gewählten Juwelierladen wurde gerade erst ein Raub vereitelt, die herbeigeeilte Polizei bemerkt die Gangster in spe beim Beobachten des Geschäfts und sorgt nach einer Verfolgungsjagd dafür, dass diese erst einmal die Füße stillhalten müssen. Einen Vorschuss bei ihrem Hehler, dem Gangsterboss Tai (Shum Wai), erhalten sie im Gegenzug für die Auslöschung eines vermeintlichen Rivalen, der sich jedoch als Polizist erweist – ganz in der Tradition der genannten Vorbilder der nächste Schritt in einer Abwärtsspirale.

Doch die Räuber halten an ihrem Plan fest, bereiten sich auf den Coup vor und sich selbst ein paar schöne Tage, ehe es losgehen kann. Doch es legen sich dunkle Wolken über das Vorhaben, nicht zuletzt aufgrund des nun angespannten Verhältnisses zu Tai…

Trotz seines Klassikerstatus bekam „Long Arm of the Law“ nicht die gleiche Aufmerksamkeit in Deutschland wie andere prägende Hongkong-Actioner wie etwa „In the Line of Duty“ oder „Iron Angels“. Diese wurden zwar oft unter anderem Namen, in willkürlich erstellten Reihen und/oder nur gekürzt in Deutschland veröffentlicht, aber sie und ihre Sequels schafften allesamt den Sprung, während es bei „Long Arm of the Law“ beim ersten Teil blieb – die drei Sequels wurden bisher nicht in Deutschland herausgebracht. Dabei ist Johnny Maks Film eine durchaus interessante Vorarbeit zur kurz darauf anrollenden Heroic-Bloodshed-Welle, auch wenn dem Film ein Charisma-Zentrum vom Kaliber eines Chow Yun-Fat fehlt. Am ehesten ist dieses noch Lam Wai („Projekt B“) in der Rolle des Anführers, während der Rest Stereotypen wie das Großmaul oder den netten Dicken durchaus mit Leben zu füllen weiß, aber auch nicht komplett glänzen kann.

Ähnlich wie „A Better Tomorrow“ ist auch „Long Arm of the Law“ bei weitem nicht so actionreich wie spätere Vertreter der Heroic-Bloodshed-Welle. Der Grenzübertritt, eine Verfolgungsjagd in Hongkongs Straßen und die Ermordung des Polizisten sind nur kurze Spektakelszenen, weshalb sich die meiste Action im Schlussspurt findet: Erst eine missglückte Übergabe mit Blutvergießen und Helikoptereinsatz, danach ein Kampf auf Leben und Tod in den Gassen Kowloons, bei dem die Helden ihren Verfolgern zahlenmäßig unterlegen sind. Dabei gibt es blutige Einschüsse, der Bodycount steigt an und „Long Arm of the Law“ zeigt sich als gut inszenierter Vorläufer der folgenden, von John Woo geprägten Hongkong-Action-Jahre, wenn auch noch etwas roher und ungeschliffener – weniger ästhetisch, aber genauso tragisch werden hier Freundschaftswerte und das eigene Leben mit Blei und Blut verteidigt.

Hongkong Vice - Long Arm of the Law

Zu einem richtigen Heroic-Bloodshed-Film gehört natürlich mindestens ein Mexican Standoff

So besteht der Film im Mittelteil zum größten Teil aus Warten auf den Coup, wobei die Helden sich die Zeit mit leichten Mädchen, Drinks und dem Nachtleben vertreiben. Sie erhalten einen Vorgeschmack auf das gute Leben, das sie sich mit dem Erlös aus ihrem Verbrechen aufbauen wollen, wobei der Film dabei sehr unterschiedliche Tonlagen anschlägt. Chung (Lung Jiang) etwa trifft auf eine Verflossene, die nun als Amüsierdame arbeitet, was als bittersüße Romanze erzählt wird, während Großmaul Rooster (Chen Jing) sich mit einer Prostituierten herumschlägt, die ihn ohne Gegenleistung ausnehmen will. Letzteres ist dann mit dem typischen Hongkong-Humor erzählt, was sich etwas mit dem sonst rechten harten und ernsten Restfilm beißt und in einer begrenzt geschmackssicheren Situation gipfelt, in der Rooster die Dienste der Prostituierten mit der Knarre in der Hand einfordert.

Was den an äußerer Handlung nicht so reichen „Long Arm of the Law“ letztendlich auszeichnet ist seine Grundstimmung. Denn in den Verbrechern sieht der Film tragische (Anti-)Helden: Ihre soldatischen Fähigkeiten sind nichts mehr wert, diese können im Gegensatz zum Skillset anderer Actionhelden noch nicht einmal für Tätigkeiten als Cop oder Ähnliches kanalisiert werden. Der Coup aber soll ohne Tote ablaufen, Gewalt und Kriminalität sollen ihnen (und manchmal ihren Familien) lediglich ein besseres Leben ermöglichen. Demgegenüber stehen die Polizei, die als langer Arm des Gesetzes eben das ihrige tun muss, und Berufsverbrecher wie Tai und seine Leute, die wahren Schurken des Films. Aber gegen solche Gewalten stehen Tung und seine Jungs eigentlich von Anfang an auf verlorenem Posten und das lässt der Film das Publikum von Anfang bis Ende spüren: Es ist das Aufbäumen kleiner Rädchen im Getriebe, aber nach Hause werden wohl nur wenige oder keiner von ihnen kommen.

Insofern kann „Long Arm of the Law“ mit seiner Atmosphäre, seiner Schilderung tragischer Möchtegerngangster-Schicksale und wenigen, aber kraftvollen Actionszenen punkten. Der bildgewaltige Exzess oder das Feintuning der ganz großen Heroic-Bloodshed-Klassiker fehlt dem Film noch, auch der Hongkong-Humor ist manchmal etwas deplatziert, aber eine lohnende Erfahrung für Fans des Action- und Gangsterkinos aus Hongkong ist „Long Arm of the Law“ dennoch.

In Hongkong gibt es „Long Arm of the Law“ auf DVD und Blu-Ray, hierzulande nur auf VHS von Highlight unter dem erwähnten Titel „Hongkong Vice“. Im Gegensatz zu manch anderem Hongkong-Actioner ist die deutsche VHS in Sachen Gewalt ungekürzt. Es handelt sich allerdings um eine kürzere Exportversion, bei der acht Handlungsszenen mit knapp elf Minuten Längen entfernt wurden

© Nils Bothmann (McClane)

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