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Keine Zeit zu sterben

Originaltitel: No Time to Die__Herstellungsland: Großbritannien, USA__Erscheinungsjahr: 2021__Regie: Cary Joji Fukunaga__Darsteller: Daniel Craig, Léa Seydoux, Rami Malek, Lashana Lynch, Ralph Fiennes, Ben Whishaw, Naomie Harris, Rory Kinnear, Jeffrey Wright, Christoph Waltz u.a.
Keine Zeit zu sterben James Bond 007 Poster mit Daniel Craig

Daniel Craig hat “Keine Zeit zu sterben”.

Unser Autor John Woo weist darauf hin, dass seine Review zu “Keine Zeit zu sterben” besser nach einem Kinogang genossen werden sollte, da er ein paar (wirklich nur minimale) Spoiler verbaut hat!

James Bond ist eigentlich im Ruhestand, doch als aus einem Labor eine gefährliche Waffe entwendet wird, bittet Bonds alter Freund Felix Leiter den ehemaligen Agenten darum, der Sache auf den Grund zu gehen und die Waffe wieder zu beschaffen.

Lange musste man sich gedulden, nun ist er endlich da: Der neueste Bond-Film und zugleich Daniel Craigs letzter Auftritt in der Titelrolle nach insgesamt fünf Filmen, die in unregelmäßigen Abständen seit 2006 veröffentlicht wurden. Daniel Craigs Einstandsfilm, “Casino Royale”, sollte bis heute einer der beliebtesten Bondfilme bleiben und belegt bei vielen Fans einen Spitzenplatz auf ihren Bestenlisten.

Auch die folgenden Filme waren zumeist Box-Office-Hits, selbst wenn längst nicht alle Fans über die seither eingeschlagene Richtung glücklich sein mögen. Der Versuch, Bond menschlicher und verletzlicher darzustellen, begeisterte viele Fans und Daniel Craig wusste diese Rolle gut auszufüllen. Auch wenn nicht von der Hand zu weisen ist, dass nach mittlerweile fünf eher ernsten Filmen der lockere Ton früherer Produktionen, zumindest aus meiner Sicht, vermisst wird.

Schaut in Daniel Craigs letzten James-Bond-Film hinein

Es war lange unklar, ob Daniel Craig nach “Spectre” noch für einen weiteren Auftritt als James Bond engagiert werden kann. Doch den Produzenten gelang es, ihn nochmals zu einem weiteren Film zu überreden, um damit offene Handlungsstränge zu Ende zu bringen und ihm einen vernünftigen Abschied von der Reihe zu bescheren.

Trotz des langen zeitlichen Abstands seit dem letzten Film und einer relativ turbulenten Vor-Produktion, während welcher sogar der Regisseur und später der Komponist ausgetauscht wurde, musste man sich erfahrungsgemäß eher keine ernsthaften Sorgen machen, dass das präsentierte Ergebnis schwach ausfallen würde. In der Regel präsentierte sich die Bond-Reihe nach schwierigen Phasen keinesfalls geschwächt, vielmehr waren solche Umstände sogar oftmals ein Antrieb, erst recht ein hochwertiges Produkt abzuliefern.

Mit der Verpflichtung des amerikanischen Regisseurs Cary Fukunaga (“True Detective”), der auch am Drehbuch mitarbeitete, kehrt man zu einem Regisseur zurück, der einen optisch weniger auffälligen Stil präsentiert, als das noch bei seinen Vorgängern Marc Forster (“Ein Quantum Trost”) und Sam Mendes (“Skyfall”, “Spectre”) der Fall war. Damit erinnert der Film in seinen besseren Momenten auch ein wenig an die Inszenierung, welche Martin Campbell in “Casino Royale” etablierte, was eine angenehme Überraschung darstellt.

Keine Zeit zu sterben mit Ana de Armas

Ana de Armas hat einen tollen, wenngleich zu kurzen Auftritt. © Nicola Dove für DANJAQ, LLC AND MGM

So beginnt “Keine Zeit zu sterben”, nach einer kurzen Vorgeschichte aus der Vergangenheit, auch mit einer herausragend inszenierten “Pre-Title”-Sequenz, in der die Bilder aus dem italienischen Matera einen hervorragenden optischen Schauplatz abgeben. Dazu liefert der Film einen passenden Soundtrack von Hans Zimmer, der sich an dieser Stelle auch nicht davor scheut, ein musikalisches Thema eines früheren Bondfilms zu zitieren.

Darüber hinaus weiß die in der “Pre-Title”-Sequenz gezeigte, rasante Autoverfolgungsjagd durch die italischen Dörfer zu beeindrucken. Selbst wenn man viele Teile davor schon in den Filmtrailern sehen konnte, wird man bestens unterhalten – sogar ein Bond-typisches Gadget darf der Bond-Fan in dieser Sequenz entdecken.

Einziger Wehrmutstropfen: Der Film schließt inhaltlich mehr oder weniger direkt an seinen Vorgänger “Spectre” an, was viele Zuschauer bereits in dieser Sequenz verwirren dürfte und unangenehme Erinnerungen an “Ein Quantum Trost” hervorruft. Der war ebenfalls stark abhängig von seinem direkten Vorgängerfilm. Der Unterhaltung tut dies an dieser Stelle aber noch keinen Abbruch. Die anschließende Titelsequenz ist wie gewohnt sehr schön und fantasievoll gestaltet, der aus meiner Sicht eher durchschnittliche Titelsong wird aufgrund der passend gewählten Bilder deutlich aufgewertet.

James Bond in Rente zu sehen, vermag dem Zuschauer etwas ungewohnt vorkommen, aber die Macher haben spätestens seit der Reihe um Daniel Craig nicht davor gescheut, neue Wege zu gehen und diese Idee wurde durchaus gelungen umgesetzt. So darf man auch einige schöne Bilder aus Jamaika bewundern, auch wenn diese, vermutlich aufgrund ihrer künstlich anmutenden Farbgebung, nie die Atmosphäre früherer Bondfilme ausstrahlen, die an diesem Schauplatz gehandelt haben. Aber sei’s drum, man freut sich dennoch, dass die Bondreihe wieder ihren Weg in die Karibik gefunden hat – eine richtig klassische Bond-Location.

Schön auch, den Charakter Felix Leiter wieder in einem Bond-Film zu sehen (überzeugend: Jeffrey Wright (“Westworld“)) und auch die Einführung der Agentin Nomi (Lashana Lynch (“The Intergalactic Adventures of Max Cloud“)) darf als gelungen angesehen werden. Nur schade, dass die Szenen in der Karibik von relativ kurzer Dauer sind – die Ereignisse auf Jamaika und insbesondere auf Kuba strahlen richtiges Bondfeeling aus. An dieser Stelle wirkt der Film am lebhaftesten und auch die amüsanteren Momente des Films sind in diesen Sequenzen zu finden, ohne je in Klamauk zu verfallen.

Daniel Craig in Keine Zeit zu sterben

Daniel Craig scheidet mit “No Time to Die” aus dem berühmten Franchise aus. © Nicola Dove für DANJAQ, LLC AND MGM

Die Szenen in Kuba sollen dann auch die besten des ganzen Films darstellen. Da jene Szenen weitgehend nachts spielen, vermögen diese optisch zwar nicht an jene aus der Italien-Sequenz anzuschließen, aber der Spaß-Faktor wird hier dennoch ganz groß geschrieben. Ana de Armas (“The Informer“) macht in der Rolle als Paloma sehr viel Spaß und erweist sich als überzeugender Teampartner für James Bond. Die dabei gezeigte Action zeigt zwar keine ganz großen “Wow”-Momente, ist aber lebendig inszeniert und glänzt durch amüsante Einfälle in bester Bond-Tradition. Dazu liefert Hans Zimmer musikalisch einen der besten Tracks des gesamten Films. Die Bondreihe, so scheint es, läuft zur Hochform auf, denn lange hat man sich nicht mehr so gut unterhalten gefühlt.

Doch leider scheint dies nur eine Momentaufnahme gewesen zu sein, denn nach einigen dramatischen Wendungen zeigt sich “Keine Zeit zu sterben” spätestens mit der Rückkehr nach London plötzlich von einer anderen, weitaus ernsteren Seite. Und je länger der Film dauert, umso mehr fühlt man sich daran erinnert, dass man hier wohl einer Art “Spectre Teil 2” beiwohnt. Dies ist natürlich insbesondere inhaltlich auszumachen, aber auch inszenatorisch: Mit ausgedehnten, in die Länge gezogenen Szenen, begleitet von dramatischer, teils unheimlicher Musik, zeigen sich durchaus Parallelen zum Vorgänger auf.

Dies ist insbesondere bedauerlich, weil der Film dadurch stark abhängig von seinem Vorgänger bleibt und an Eigenständigkeit einbüßt. Der spätestens seit “Spectre” eingeführte Versuch, alle Craig-Bondfilme inhaltlich zu verbinden, wirkt außerdem wie ein Versuch, von anderen aktuellen Filmreihen (insbesondere Marvel) abzukupfern und dem Craig-Bond ein eigenes “Universum” zu geben. Dabei kommt nie der Eindruck auf, dass dies von Anfang an so geplant war. Stattdessen wirken die Versuche, bis auf wenige gelungene Anspielungen, weitgehend aufgesetzt. Somit bleiben “Casino Royale” und “Skyfall” im Grunde die einzigen Bondfilme aus der Craig-Ära, die auch als Einzelfilme gut funktionieren, was höchst bedauerlich ist. Frühere Bondfilme wiesen auch übergreifende Elemente auf und dennoch schaffte man es weitgehend, jene Filme auch als eigenständige Werke zu präsentieren.

Lashana Lynch im Agenthriller

Neue Doppelnull mit ordentlich Power: Lashana Lynch als neue 007. © Nicola Dove für DANJAQ, LLC AND MGM

Ein weiteres Problem ist die überlang präsentierte Liebesgeschichte von James Bond und Madeleine Swann (Léa Seydoux (“Die Schöne und das Biest“)), die aufgrund der fehlenden Chemie zwischen den beiden Darstellern nicht richtig zu überzeugen vermag. Wenn man dies mit den erfrischenden, überaus lebhaften Szenen zwischen Bond und Vesper (Eva Green) aus “Casino Royale” vergleicht, bleibt der Zuschauer hier weitgehend ratlos zurück. Daniel Craig und Léa Seydoux geben zwar ihr bestes, aber der Funke will jedoch, wie bereits in “Spectre”, nicht richtig überspringen.

Dies kann teilweise auch dem Drehbuch geschuldet sein, welches dem Film insbesondere in der zweiten Hälfte einige unnötige Längen beschert. Auch die Geschichte um die DNA-Waffe und die Nano-Bots erweist sich als unnötig konfus und lässt weder richtiges Agenten-Feeling, noch eine richtige Spannung zu. Wer wen aus welchen Gründen infiziert und wer mit wem zusammenarbeitet, wird zunehmend undurchsichtiger, und damit leider auch uninteressanter. Mehrfachsichtungen können helfen, um offene Fragen zu klären, doch ein Bond-Film sollte auch bei der Erstsichtung nicht derart viele Fragen aufwerfen.

Während Christoph Waltz (“Alita: Battle Angel“) als Blofeld einen soliden, aber ziemlich kurzen Auftritt hinlegt, soll von Rami Malek (“Need for Speed“) mit Safin der neueste Gegenspieler von Bond aufgebaut werden. Doch leider lässt ihn das Drehbuch weitgehend im Stich, sodass seine Motive zu undurchsichtig bleiben und Safin so trotz sichtlich bemühtem Malek nie richtig im Film ankommt.

Immerhin, die in “Keine Zeit zu sterben” präsentierte Action ist gut inszeniert, hat Tempo und Druck ohne in übertriebene Schnittfrequenzen oder andere Kamera-Spielereien zu verfallen. Auch eine Sequenz in Norwegen gefällt dabei durchaus und bietet in einem nebligen Waldstück auch eine gute Portion Atmosphäre. Etwas bedauerlich ist jedoch, dass der Film keine richtigen, Bond-typischen Action-Höhepunkte mit “Wow”-Faktor liefert, an welche man sich noch lange über den Film hinaus erinnert, wie es zum Beispiel “Casino Royale” mit der Parkour-Verfolgung und den Kämpfen auf den Kränen schaffte.

Auch was die bekannten Gadgets anbelangt, ist man wiederum sehr zurückhaltend, obwohl die heutige Technologie sicherlich einiges hergeben würde, was man im Film hätte verwenden können. Lediglich ein Flugzeug, das zugleich als U-Boot taugt, vermag kurze Akzente zu setzen, auch wenn jenes teilweise offensichtlich im Computer entstanden zu sein scheint, sobald es sich in der Luft befindet.

Rami Malek als Lump in Keine Zeit zu sterben

Rami Malek spielt Daniel Craigs letzten Endgegner. © Nicola Dove für DANJAQ, LLC AND MGM

Immerhin: Ben Whishaw legt wieder einen sympathischen Auftritt als Q hin, und auch die Leistungen von Naomie Harris (“Black and Blue“) als Moneypenny und insbesondere Ralph Fiennes (“The Hurt Locker“) als M überzeugen. Letzterer darf auch eine sehr gut geschriebene, mitunter amüsante Unterhaltung mit James Bond bestreiten.

Erfreulich ist der Schauplatz des Showdowns; Produktionsdesigner Mark Tildesley hat sichtlich versucht, dem Bösewicht eine optisch interessante Basis in bester Bond-Tradition zu verschaffen – sehr schön! Im Gegensatz zum Vorgängerfilm hat man es auch geschafft, in dieser Basis einige brauchbare Actionszenen zu inszenieren. An die besseren Showdowns aus früheren Bondfilmen vermag man jedoch leider aufgrund fehlenden Highlight-Szenen und einem schwachen Endkampf nicht anzuknüpfen.

Als besonders ärgerlich erweist sich der Abschluss der Geschichte. Aufgrund der bereits angesprochenen Probleme im Drehbuch schafft es der Film nicht, eine überzeugende Tiefe aufzubauen und wirkt dadurch an den entsprechenden Stellen aufgesetzt. Darüber hinaus wirken die getätigten Entscheidungen sehr forciert. Ob James Bonds Erfinder Ian Fleming, an dessen Vision sich die Produzenten angeblich immer wieder so gerne orientieren, mit manchen in diesem Film präsentierten Einfällen glücklich gewesen wäre, bleibt offen, aber aus meiner Sicht bewegt man sich einmal mehr zu weit davon weg, was James Bond ausmacht.

“Keine Zeit zu sterben” fängt stark an und baut stark ab

Das 25. Bondabenteuer schließt das Kapitel Daniel Craig somit in einem optisch sehr gut inszenierten, zumindest in der ersten Filmhälfte durchaus unterhaltsamen Abenteuer ab und erfreut darüber hinaus mit einer gelungenen musikalischen Untermalung von Hans Zimmer. Doch einige unübersehbare Längen insbesondere in der zweiten Hälfte, eine mitunter konfus dargereichte und zunehmend uninteressante Geschichte, aufgesetzte Dramatik und insbesondere ein schwaches Ende schmälern den Gesamteindruck beträchtlich, sodass man am Ende einen zwar brauchbaren Actionthriller vorliegen hat, der aber als Bond-Abenteuer leider kaum noch zu erkennen ist. Bleibt zu hoffen, dass James Bond mit dem nächsten Abenteuer wieder zu alter Stärke zurückfindet, denn wie heißt es so schön nach dem Abspann: “James Bond will return”.

6 von 10

Der Film läuft nach diversen Corona-bedingten Verschiebungen seit dem 30. September 2021 in den deutschen Kinos. Freigegeben ab 12 und von MGM / Universal vertrieben.

© John Woo



Der Zustand des Todes, ebenso der Vorgang des Sterbens, ist seit jeher ein ständiger Wegbegleiter James Bonds. Neun Titel der Reihe tragen ihn direkt im Namen oder deuten ihn über sein Gegenstück, das Leben, zumindest an. Unzweifelhaft ist er darüber hinaus in allen Teilen zugegen. Vor Daniel Craig fand jedoch meistens ein spielerischer, hypothetischer Umgang mit dem Thema statt, eine Art Cowboy-und-Indianer-Heiterkeit prägte seinen Ton. Weder die Todesfälle während der Einsätze noch der legere Lebensstil mittendrin hatten unmittelbare Folgen für 007, weil der Status Quo stets wie ein Rettungsboot in Ufernähe darauf wartete, den Geheimagenten im klatschnassen Smoking aufzunehmen, inklusive Minibar für den Notfall-Martini und Platz für einen zweiten Passagier weiblichen Geschlechts. 1969 brach „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ kurzzeitig mit dieser Regel, als Bond Bekanntschaft mit der wahren Liebe machte und einen entsprechenden Preis dafür zahlen musste. Doch die Revision erfolgte umgehend, es blieb George Lazenbys einziger Einsatz als Doppelnull. Sean Connery höchstpersönlich kehrte aus dem Ruhestand zurück, um dem Prinzip „Same Story, Different Day“ wieder zum Comeback zu verhelfen und es an einen Nachfolger zu vererben, der es beinahe schon zur Parodie ausarbeiten würde. Einige Jahre später sollte Timothy Dalton noch einmal zwei Filme lang so tun, als sei sein Job nicht gerade ein Zuckerschlecken, davon abgesehen waren Bonds Einsätze jedoch stets unverbindliche Spielsituationen, die mit einem Fingerschnippen einen Film später keine Gültigkeit mehr hatten – nun, bis zu dem Tag jedenfalls, an dem Vesper Lynd starb.

Im Prolog von „Keine Zeit zu Sterben“ ist es ihr fünfzehn Jahre altes Grab, das James Bond mit versteinerter Miene besucht. Eine ganz schön lange Zeit für jemanden, dessen zweite Betthälfte eigentlich nie Gefahr lief, zu erkalten. Natürlich gilt auch jetzt: Er wird nicht nur von den Gedanken an seine verstorbene Geliebte begleitet, sondern auch von einer neuen Frau aus Fleisch und Blut. Aber auch Madeleine Swann (Léa Seydoux) schleppt er bereits seit dem Vorgänger „Spectre“ als Bürde mit sich. Umgeben von den Lebenden und den Geistern der Vergangenheit erlangt der sonst so unabhängige Vollblutagent erstmals ein Bewusstsein für etwas, das an seine Verantwortung appelliert und seinen Lebensstil in Frage stellt. Nicht länger kann er einfach auf seinen Arbeitgeber, Her Majesty’s Secret Service vertrauen, der ihn unentwegt mit Spielzeug und aufregenden Abenteuern versorgt wie die Eltern das verwöhnte Einzelkind. Bond lernt nun endlich, dass Handeln und Konsequenzen zusammenhängen. Seit Daniel Craig sein umstrittenes Debüt in der ikonischen Rolle feierte, hat er über eine Serie von fünf Filmen eine Menge Ballast angehäuft. Es ist wohl jetzt einfach an der Zeit, ihn abzuwerfen, um überhaupt wieder den Weg zurück zum Ausgangspunkt zu finden – und zwar irgendwann in naher Zukunft mit einem neuen Hauptdarsteller. Craigs fünfter Einsatz wurde von offizieller Seite sehr früh als sein letzter kommuniziert, Regisseur Cary Joji Fukunaga kam dennoch erst spät an Bord und wurde mit dem undankbaren Auftrag versehen, die serialisierte Ära Craig zu einem runden Abschluss zu bringen.

Undankbar an der ganzen Sache ist vor allem, dass es Fukunaga nicht mehr vergönnt ist, einen eigenen, autonomen Bond-Streifen auf die Beine zu stellen, mit eigenen Schwerpunkten, die völlig losgelöst von bisherigen Geschehnissen funktionieren, oder zumindest einer Richtung, die er selbstbestimmt einlenken kann. „Keine Zeit zu sterben“ ist hauptsächlich als Melange früherer Filme konzipiert und hat kaum Luft für neue Ideen, wobei vor allem die Ereignisse aus „Casino Royale“ und „Spectre“ verdaut werden müssen. Selbst der neue Villain, Lyutsifer Safin, kommt nicht ohne Verknüpfung mit den Schatten der Vergangenheit aus. In einer Rückblende wird ein Band zwischen ihm und der bereits etablierten Madeleine Swann geknüpft. Das geschieht bereits in den ersten Minuten, noch bevor der eigentliche Prolog beginnt.

Dabei passen die teuflischen Pläne, die Lyutsifer im Gepäck hat, im Grunde ideal in das Raster für soziopathische Wahnsinnige mit Weltunterjochungsfantasien. Sie bedienen somit die Traditionen der Reihe und lassen darauf schließen, dass sie auch im Umfeld eines Franchise-Neustarts hätten funktionieren können. Die im Film beschriebene und in einigen Szenen auch demonstrierte Biowaffe auf DNA-Basis impliziert nämlich die Möglichkeit einer gezielten Massenvernichtung ganz nach dem erlesenen Geschmack des Verursachers, ob nun wie im Film der Stammbaum einer Familie ausgelöscht werden soll oder vielleicht ja auch ein ganzes Volk. Welcher Bond würde den Kampf gegen eine solche Erfindung wohl nicht annehmen? Auch Lyutsifer-Darsteller Rami Malek interpretiert seinen Bösewicht traditionell und gibt sich dabei betont unauffällig, um nicht zu sagen blass; trüge er nicht Narben im Gesicht, die gemäß Hollywood-Klischee seine dunkle Natur verraten und verhaspelte er sich nicht manchmal im Smalltalk mit seiner dünnen Stimme, würde er nicht in einer überdimensionierten Anlage residieren, seinem Giftgarten frönen und sich dabei mit zwielichtigen Söldnern umgeben, könnte man ihn glatt für einen harmlosen Spinner halten. Diesem Eindruck entsprechend überrascht er in mancher Szene, wenn er auch mal bewusst gegen die Prinzipien eines Massenmörders verstößt – etwa gleich in der ersten Szene, als er die ertrinkende Madeleine aus einem gefrorenen See rettet. Solche Gesten unerwarteter (und höchst verdächtiger) Menschlichkeit schützen Bond und dessen Verbündete freilich nicht vor dem Wahnsinn in Großformat, und Malek, der in seiner Maske einer verblichenen Kopie des recht bedeutungslosen Bond-Bösewichts Zao (Rick Yune in „Stirb an einem anderen Tag“) ähnelt, reiht sich nahtlos ein in die Reihe zorniger kleiner Männer mit Komplexen, wie Bond selbst in einem Anflug von Gewahrsein der eigenen Geschichte feststellt.

Überhaupt ist es wie schon in den Vorgängern gerade der vermeintliche Widerspruch zwischen radikaler Veränderung und Zeitlosigkeit, über den sich „Keine Zeit zu sterben“ definiert, weshalb die Zeit im Titel womöglich noch einen höheren Stellenwert genießt als das Sterben. Als der pensionierte 007 erstmals auf seine Nachfolgerin (Lashana Lynch) trifft und sie darüber sinniert, dass sich die Zeiten ändern, entgegnet er, dass dies seiner Erfahrung nach nicht zutrifft. So viele Änderungen die Drehbuchautoren auch aus der Tasche ziehen, und einige davon sind zweifellos darauf ausgelegt, für Entrüstung zu sorgen, so oft bleibt eben gefühlt doch mehrmals während der drei Stunden die Zeit stehen.

Schon gleich zu Beginn, als Léa Seydoux im Halbdunkel des Tageswechsels auf einem Balkon in Süditalien steht, während ihr Nachthemd im warmen Sommerwind gewogen wird, bekräftigt Bond, dass die Liebenden alle Zeit der Welt haben. Obgleich derartige Zeilen in der Regel das rasche Ende eines Zustands zur Folge haben, spricht er in gewisser Weise die Wahrheit, denn nicht nur ist der 25. offizielle Eintrag in die Reihe mit Abstand derjenige mit der längsten Laufzeit, schon der Prolog ist ein eigener kleiner Film in sich, so dass der Titelsong von Billie Ellish auf den Animationen sich windender DNA-Stränge fast schon zu einer Art vorläufigem Abspann wird. In dieser Zeit, bevor die eigentliche Haupthandlung beginnt, zelebriert Fukunaga einerseits den Berufsalltag eines Doppelnull-Agenten, wie er unter Connery geprägt wurde: Er zeigt praktisch einen kleinen Jungen, der mal zu Fuß, mal mit dem Auto tollkühn durch die Gassen einer europäischen Altstadt jagt, um seine Gegenspieler abzuschütteln, wobei ihm Prozessionen Einheimischer, Schafherden und andere Hindernisse (eigentlich fehlen nur die zwei Transporteure mit der Glasscheibe) den Weg versperren, was zu improvisierten Stunts auf Alternativrouten führt. Der kugelsichere Aston Martin darf sogar mit quietschenden Reifen im Kreis gedreht werden, er darf im Geiste Desmond Llewelyns Salven aus der Vorderlicht-Maschinenpistole abfeuern und Nebel absondern, während die Glocke der örtlichen Kirche 13 schlägt. Andererseits ist das italienische Matera in erster Linie kein Hindernisparcours, sondern ein historischer Ort voller Relikte der Vergangenheit, die wie unsichtbare Gewitterwolken über der sonnendurchfluteten Ortschaft hängen. Als Craig mit Seydoux auf dem Beifahrersitz seine Pirouetten dreht, sieht man keinen Mann, der Freude an seinem Dasein hat, man sieht jemanden, der mit dem Verrat an seiner Person hadert. Die Leichtigkeit ist nur oberflächlich, stattdessen schieben sich die Symbole der Endgültigkeit in den Vordergrund; wie der abfahrende Zug, der endlich nach vielen Minuten in die Titelsequenz abbiegt.

Fukunaga macht im Grunde trotz eines recht holprigen Drehbuchs einen guten Job, diese beiden Welten altmodischer Unterhaltung und neumodischer Erzähltiefe miteinander zu verknüpfen und sie wie Magnete aneinander zu reiben; allerdings vergisst er hin und wieder, dass er eigentlich auch ein aufreibendes Spionage-Abenteuer in schillernder Kulisse inszenieren sollte. Obwohl auch dieser Film wieder reich an Schauplätzen, Stunts und Kulissen ist, an (meist vorhersehbaren) Wendungen ohnehin, so kommt nur selten das für die Reihe typische Hochgefühl auf, bei dem man glauben möchte, selbst in der Haut eines Agenten zu stecken. Es steckt eine gewisse Ironie darin, dass ausgerechnet der menschlichste Bond von allen derjenige ist, der vor lauter Verdruss über Gott und die Welt bei seinem finalen Auftrag nicht mehr zur Identifikation taugt, wenn es darum geht, lebensgefährliche Situationen zu meistern. Selbst die besten Action-Sequenzen, eine SUV-Verfolgungsjagd durch einen nebligen Wald zum Beispiel, funktionieren hauptsächlich über die dichte Atmosphäre, weniger über den Wow-Faktor der Stuntarbeit. In dieser Hinsicht hatten sowohl „Skyfall“ als auch „Spectre“ Spektakuläreres zu bieten, ganz zu schweigen von der Mission-Impossible-Konkurrenz, die dank der actiontechnisch phänomenalen Teile 4 – 6 inzwischen sogar schon zur Überrundung ansetzt. Das mag jetzt noch kein unmittelbares Problem sein, solange alle anderen Faktoren passen, aber wenn man die Craig-Filme irgendwann in den alljährlichen Zyklus der Bond-Komplettsichtung integrieren möchte, könnte es bei einem eher deprimierenden als leichtfüßigen Dreistünder durchaus dazu kommen, dass man ihn einfach mal auslässt.

Hinzu kommt, dass die Koketterie um das (auch im Vorab-Diskurs heiß diskutierte) Thema „Female 007“ nicht besonders gut funktioniert, weil schon der Versuch als allzu durchschaubar am Zuschauer abprallt. Lashana Lynch wirkt aufgrund der permanenten Seitenhiebe gegenüber ihrem verdienten Vorgänger zunächst arrogant und wenig sympathisch, ferner verpasst es das Skript, ihr Szenen zuzuschustern, in der sie unter Beweis stellen kann, was sie drauf hat, ohne es dabei zu einem Wettbewerb ausarten zu lassen. Später erarbeitet sie sich einige Sympathien, ist dabei aber voll und ganz auf den Segen Bonds angewiesen – und auf die Tatsache, dass sie in einigen zentralen Punkten aus strategischem Kalkül wieder zurücksteckt. Unter dem Strich ist das nicht gerade die eleganteste Art und Weise, wie man neue Charaktere einführt. Um ein Vielfaches besser ist es da um Ana de Armas bestellt, die in ihrer kurzen Zwischenepisode vor ungezügeltem Charme Feuer und Funken sprüht, sich zugleich als extrem schlagfertig entpuppt und damit sämtlichen Bondgirls der Franchise alle Ehre macht. In diesem vielleicht unterhaltsamsten Kapitel des Films ist es erneut die Zeit, die zum Thema wird, denn man fragt sich rückblickend: Funktioniert ihr Auftritt deswegen so gut, weil er ebenso unverhofft beginnt (im Abendkleid an einem Straßenimbiss) wie er mit einem gehauchten Abschied und einer geschlossenen Tür wieder beendet ist?

Diese Art der Euphorie entfacht „Keine Zeit zu sterben“ aber leider zu selten. Cary Joji Fukunaga gelingt es zwar durchaus, unmenschliche Lasten von den Schultern des seit „Casino Royale“ um Jahrzehnte gealterten James Bond zu nehmen und die Kollision unterschiedlichster Welten so gefühlvoll zu dirigieren, dass sie sich anfühlt wie ein warmer Gutenachtkuss – trotz der vielen Affronts und Stilbrüche, die sich das Skript erlaubt. Über den Umgang mit Christoph Waltz’ Ernst Stavro Blofeld, dem nur noch eine markante Szene zuteil wird, kann man vortrefflich streiten, ebenso wie über die wenig überzeugende Darstellung von Rami Malek, was uns wieder zu der alten Wahrheit führt, dass ein Bond-Streifen ohne einprägsamen Villain von Anfang an ein Problem hat. Umgekehrt wird man mit kinematografischer Expertise verwöhnt, was die Grundlagen der Inszenierung sowie des Erzählens angeht. Selbst Léa Seydoux, die im Vorgänger noch klar im Schatten von Eva Green stand, profitiert von der kunstfertigen Verknüpfung von Plot Points und kann die Eigenschaften ihrer Rolle deutlich ausbauen. Und für Daniel Craig ist es der Schlusspunkt unter einer Ära, die wohl definitiv als prägend in die Filmgeschichte eingehen wird. Aber gerade deswegen wäre für das 26. Abenteuer nun wieder ein vollständiger Kurswechsel angemessen. Einen geschüttelten Martini auf den Status Quo und darauf, dass sich manche Dinge bei allem Fortschritt hoffentlich nie ändern werden.

6 von 10

Der Film läuft nach diversen Corona-bedingten Verschiebungen seit dem 30. September 2021 in den deutschen Kinos. Freigegeben ab 12 und von MGM / Universal vertrieben.

© Sascha Ganser (Vince)

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Copyright aller Filmbilder/Label: MGM / Universal__Freigabe: FSK 12__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Nein/Nein, seit 30.09.2021 im Kino

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