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Lovelace

Originaltitel: Lovelace__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2013__Regie: Rob Epstein, Jeffrey Friedman__Darsteller: Amanda Seyfried, James Franco, Juno Temple, Chloë Sevigny, Wes Bentley, Sharon Stone, Adam Brody, Peter Sarsgaard, Eric Roberts, Hank Azaria, Robert Patrick u.a.
Lovelace

Robert Patrick und Eric Roberts tummeln sich in der namhaften Besetzung von “Lovelace”.

1972 kam in den USA mit „Deep Throat“ ein Porno in die Kinos, dessen Produktion 25 ooo Dollar gekostet hatte (für damalige Pornos ein enormes Budget, was sich in der Produktionsqualität und der Vermarktung niederschlug). Der Film wurde zu einem landesweiten Phänomen, das am Ende über 600 Millionen Dollar eingespielt haben soll. Wirklich gewiss ist diese Einspielsumme nicht, denn laut Meinung einiger Experten ging es bei den Zahlen rund um „Deep Throat“ nicht unbedingt mit rechten Dingen zu. Sie deckten auf, dass der mittels Mafiageldern inszenierte Streifen vornehmlich in mafiaeigenen Pornokinos gespielt wurde. Und die Verbrecherorganisation nutzte angeblich die sich offerierende Möglichkeit, um ihre Gelder zu waschen (also die Einspielzahlen deutlich zu frisieren).

Drehbuchautor und Regisseur des Filmes war Gerard Damiano, den bei der Inszenierung sogar künstlerische Ansprüche umtrieben. Das Ergebnis war eine belanglose Sexkomödie mit leicht angeschrägter Story. In dieser geht es um Linda, die sich nichts sehnlicher wünscht, als endlich einmal einen Orgasmus zu erleben. Dr. Young diagnostiziert mit einem Fernrohr!!!, dass Lindas Klitoris nicht da sitze, wo sie eigentlich hingehöre. Stattdessen findet er sie in Lindas Hals und zeigt ihr, wie man mittels Deep Throating auch Linda einen formvollendeten Orgasmus bescheren kann. Ab sofort arbeitet Linda bei Dr. Young und vergnügt sich mehrfach oral mit den verschiedensten Patienten…

Der Film kam dabei nicht nur wegen der Deep Throat Technik und den Mafiagerüchten ins Gerede, auch das Aufführungsverbot in vielen Bundesstaaten der USA und eine erstmals verhängte Freiheitsstrafe für das bloße Mitwirken an einem Porno, die Hauptdarsteller Harry Reems ereilte, hielten den Film im Gerede. Des Weiteren wurde der Film von verschiedensten Medien unwahrscheinlich gehyped und sogar die New York Times kam um eine Besprechung des Films nicht herum. Dies ist insofern wenig verwunderlich, da gerade die Debatte über sexuelle Befreiung und die Gleichberechtigung der Frau in vollem Gange war. „Deep Throat“ zählt damit zu den einflussreichsten Pornos überhaupt, holte er das Genre doch aus den Bahnhofskinos ins Bewusstsein der breiten Masse. Er lief sogar in ganz normalen Kinos, weil es plötzlich schick war, sich über Pornos zu unterhalten. Das goldene Zeitalter des Pornos hatte unvermittelt begonnen…

Lovelace

Chuck Traynor “befreit” Linda aus ihrem puritanischen Elternhaus.

Der 2013 produzierte Film „Lovelace“ widmet sich der Hauptdarstellerin dieses beispiellos erfolgreichen Pornos und fördert sehr düstere Seiten hinter dem Erfolg zutage. Das macht er auf eine interessante Art und Weise: Zunächst erlaubt uns „Lovelace“ einen Blick in das Leben seiner Protagonistin Linda Susan Boreman. Diese wächst in einem streng puritanischen Haushalt auf. Vor allem die strenge Mutter hat ein wachsames Auge auf sie. Als Linda eines Tages den charismatischen, deutlich älteren Chuck Traynor kennen und lieben lernt, schwindet der Einfluss ihrer Mutter zusehends, bis Linda mit Chuck sogar gen Kalifornien verschwindet.

Hier lernt sie die ausschweifenden Seiten des Lebens und der Sexualität kennen. Unter anderem bringt ihr Chuck das Deep Throating bei, was sich als wahrer Karriere-Glücksgriff entpuppen soll. Denn der chronisch blanke Chuck überredet seine Linda bald, zur Aufbesserung der finanziellen Lage in die Pornobranche hinein zu schnuppern. Er versorgt ihr ein Casting für einen Pornofilm. Doch für die Produzenten und den Regisseur ist Linda zu sehr „The Girl Next Door“. Ihr fehle das Glamouröse, der Starappeal, das Blonde. Da präsentiert Chuck den staunenden Männern ein Video von Lindas Deep Throat Fähigkeiten…

Lovelace

Linda schreibt unter ihrem Künstlernamen Linda Lovelace Geschichte mit dem Porno “Deep Throat”.

Unter dem Künstlernamen Linda Lovelace dreht Linda den Porno, der als „Deep Throat“ Geschichte schreiben wird. Der Film wird zu einem Phänomen, Linda zur Ikone der sexuellen Befreiungsbewegung und Angebote für weitere Filme flattern ihr ins Haus. Bis hierhin ist „Lovelace“ eine erstaunlich kritiklose Aneinanderreihung von Lindas Triumphen. Der Film ist lebendig, witzig, frivol und die Optik von „Lovelace“ könnte farbiger und knalliger kaum sein. Die ruhige Inszenierung der bereits oscargekrönten Regisseure Rob Epstein und Jeffrey Friedman (den Oscar gab es für die Dokumentation „NAMES Project AIDS Memorial Quilt“) setzt vor allem die brillante Ausstattung des Filmes trefflich in Szene und die Maskenbildner leisteten ganze Arbeit bei der Kreation der abgefahrenen 70s Frisuren, Bartputze usw. Zudem steigen in diesem Abschnitt mit den Dreharbeiten zu „Deep Throat“, bei denen die wundervoll steif gespielten Szenen des Pornos treffsicher nachgespielt werden, die komödiantischen Highlights von „Lovelace“.

Doch immer wieder scheinen sich kurz Misstöne anzudeuten. Als Zuschauer beginnt man etwas zu vermuten, doch man kann nicht genau sagen, was hinter der bisher sehr glitzernden Fassade des Filmes nicht stimmt. Eine Szene sorgt dann für einen heftigen Bruch in „Lovelace“: Linda sitzt auf einem Stuhl und lässt einen Lügendetektortest über sich ergehen. Sie muss ihn durchführen, weil ihr Verlag diesen vor der Veröffentlichung ihres „Deep Throat“ Enthüllungsbuches „Ordeal“ (was deutsch wenig schmeichelhaft mit Martyrium übersetzt wird) einfordert. Fortan erzählt Linda, wie sich die Zeit rund um ihren größten Triumph wirklich darstellte. Und das hat mit Glanz und Gloria nichts gemein.

So zwang Chuck sie schon früh in die Prostitution, die gemeinsamen sexuellen Begegnungen wurden immer gewalttätiger und auch im alltäglichen Leben wurde Chuck immer handgreiflicher. Und während man sich bisher immer fragte, wieso Linda scheinbar so kritiklos einlenkte und bereit war, Pornos zu drehen, erfahren wir nun im Nachhinein, dass Chuck sie gar mit vorgehaltener Waffe zu dem Dreh gezwungen hat. „Lovelace“ befindet sich nun in einer permanenten Abwärtsspirale. Alles, was uns bisher als tolles Abenteuerland Porno verkauft wurde, erhält Risse. Mehr noch: Lindas Familie unterstützt sie nicht, hört ihr letztlich gar nicht mehr zu, Freunde wenden sich ab oder outen sich als bloße Nutznießer ihrer Karriere und die Öffentlichkeit hat sich trotz angeblich erwachter Toleranz ihre Meinung zu dem „Flittchen“ längst gebildet. Linda sieht nur noch einen Ausweg: Sie muss von Chuck loskommen und das Pornobusiness weit hinter sich lassen.

Lovelace

Linda wird zum begehrten Star, doch der Ruhm hat seine Schattenseiten.

Bis zu dieser Entscheidung wird „Lovelace“ immer düsterer. Das Farbenfrohe, das Glitzernde, das Lebendige, es scheint wie aus dem Film gesogen zu sein. Die Musik, die in der ersten Hälfte von schmissigen 70s Hits bestimmt wurde, wird immer drückender und schwerer und die Atmosphäre des Filmes kippt vollends ins Beklemmende um. Vor dem Auge des Zuschauers scheint ein Mensch an seiner Umwelt zu zerbrechen. Glücklicherweise sparen die Regisseure die schlimmsten Szenen aus, überlassen etwa eine nicht freiwillige Gruppensexszene der Fantasie des Zuschauers und arbeiten auch sonst in dem entzaubernden Abschnitt viel mit Andeutungen. Seine Wirkung allerdings verfehlt diese Art der Inszenierung nicht. Ist „Lovelace“ dann irgendwann durchgestanden, atmet man tief durch…

Was natürlich ein großer Verdienst der Schauspieler ist. Allen voran Amanda Seyfried („Gone“) und Peter Saarsgard („Orphan – Das Waisenkind“). Frau Seyfried ist vor allem in der ersten Hälfte des Filmes absolut bezaubernd. Es macht Spaß, zuzuschauen, wie ihre Linda die große Welt entdeckt und von den Eindrücken schier überrannt zu werden scheint. Wie sie es genießt, wunderschön für Fotos in Szene gesetzt zu werden oder Stars und Förderern wie Hugh Heffner zu begegnen. Auch die eine oder andere mutige Nacktszene meistert die Schauspielerin auf sehr natürliche Art und Weise. Mit dem zweiten Teil des Filmes ändern sich die Anforderungen an Amanda Seyfrieds Darstellung. Sie wird in die Opferrolle gedrängt, die sie präzise und auf den Punkt auszufüllen versteht und damit viel Involvement auf Seiten des Zuschauers hervorruft. Man wünscht ihr förmlich den Ausbruch aus diesem Teufelskreis.

Peter Sarsgaard meistert seine schwierige Rolle als Chuck Traynor hervorragend. Muss er zunächst den Verführer und Verlocker geben, mischen sich gerade bei seiner Darstellung Chucks immer wieder Misstöne unter, die erahnen lassen, dass mit diesem Kerl einfach etwas nicht stimmen kann. Wenn er dann ab der Hälfte des Filmes sein wahres Gesicht zeigt und Linda missbraucht und schlägt, gruselt es einen förmlich vor seiner Figur. Schade ist leider nur, dass die Motivation Chucks für dieses Verhalten niemals hinterfragt wird: Wo kommt seine Gewalttätigkeit her? Wieso richtet sie sich so heftig gegen Linda? Liebt er Linda eigentlich oder ist sie für ihn nur Mittel zum geldverdienenden Zweck?

Die restlichen Charaktere im Film haben ähnliche Schwachpunkte, was ihre Figurenzeichnung angeht, doch die bis in die kleinsten Nebenrollen fantastische Besetzung macht das Beste aus der Situation. Allen voran eine beinahe nicht erkennbare Sharon Stone („Action Jackson“) als Mutter von Linda. Stone spielt unglaublich stark eine Frau, die ihrer Tochter predigt, frau habe immer auf ihren Mann zu hören und nie Widerworte zu geben. Damit steuert sie ihre eigene Tochter in die unvermeidliche Katastrophe. Die beängstigend gefühlskalt aufspielende Sharon Stone war meines Erachtens nie besser als in diesem Film.

Lovelace

Männer wie Hugh Heffner begegnen Linda auf ihrem Weg, sind ihr aber selten wohlgesonnen.

Als ihren steifen und zurückhaltenden Mann erleben wir Robert Patrick („The Last Gasp“), der lange Zeit komplett im Schatten der großartigen Sharon Stone steht. Vor allem im dramatischeren, düsteren zweiten Teil von „Lovelace“ bekommt aber auch er einige starke Momente zugeschanzt. Eric Roberts („The Expendables“) dagegen kommt über ein gepflegtes Cameo nicht hinaus. Er führt mit Linda den erwähnten Lügendetektortest durch und ist im Zuge dessen zweimal kurz zu sehen. In weiteren Nebenrollen tummeln sich James Franco („Homefront“) als Hugh Heffner, Adam Brody („O.C. California“), Chris Noth (“Sex and the City”), Wes Bentley (“Die Tribute von Panem”) oder Juno Temple (“Small Apartments”). Sie alle leiden definitiv unter der viel zu kurzen Laufzeit von “Lovelace”.

2002 verstarb Linda Lovelace an den Folgen eines Autounfalles. Sie hatte einen weiten Weg hinter sich. Von dem Aushängeschild der sexuellen Befreiungsbewegung hin zur Kämpferin für feministische Ziele, die sich auch gegen Pornos stark machte. Im Zuge dieser Entwicklung wurden immer wieder auch Vorwürfe laut, dass nicht alle ihre Anschuldigen gegen Traynor und Co. wirklich der Wahrheit entsprachen und manche ihrer Aussagen nahm sie tatsächlich wieder zurück. Dennoch ist „Lovelace“ ein verdientes Denkmal für diese interessante Frau. Der Film nähert sich mit Respekt seiner Hauptfigur und den goldenen Zeiten der Pornografie und findet einen interessanten dramaturgischen Kniff, das aufregende Leben der Linda Lovelace zu bebildern. Spart er vor allem zu Beginn noch kritische Töne vollkommen aus und wirkt dadurch recht oberflächlich, locker und leicht, taucht er in der zweiten Hälfte tief unter die Oberfläche und fördert extrem düstere Seiten ans Tageslicht. An diese dramaturgische Zweiteilung des leider etwas zu kurz geratenen Filmes passen sich die Inszenierung und vor allem die starken schauspielerischen Leistungen aller Beteiligten überaus stimmig an. Dass macht „Lovelace“ zu einem interessanten, mit zunehmender Laufzeit bedrückenden Zeitzeugnis, das einen Blick hinter die Kulissen des erfolgreichsten Pornos aller Zeiten wirft.

„Lovelace“ erscheint am 16. Januar 2014 auf DVD und Blu-ray von dem Label Planet Media im Vertrieb von Studiocanal. Die zum Test vorliegende Blu-ray begeistert in Bild und Ton, auch und vor allem, weil zugunsten des HD Looks nicht das stark zum Einsatz kommende Filmkorn herausgefiltert wird, wodurch der Film wirkt, als sei er tatsächlich in den 70ern entstanden! Interessante Extras runden die Datenträger ab. So ein interessantes Making Of und eine Vielzahl an Interviews mit Cast und Crew, bei denen auch die ganz persönlichen Erfahrungen mit dem Popkultur-Phänomen „Deep Throat“ mehrfach thematisiert werden. Wer die eine berühmte Szene sehen möchte, kommt aber um die Anschaffung des Originalpornos oder der sehr interessanten Dokumentation „Inside DeepThroat“ nicht herum, denn in „Lovelace“ ergeht man sich maximal in Andeutungen, was diese Szene angeht.

In diesem Sinne:
freeman

Was meint ihr zu dem Film?
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Copyright aller Filmbilder/Label: Planet Media/Studiocanal__FSK Freigabe: ab 16__Geschnitten: Nein__Blu-ray/DVD: Ja/Ja

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