Wir zelebrieren Actionfilme, die rocken!

Tenet

Endlich wieder Kino! Nicht nur unser Vince, von dem die folgende Kritik zum neuen Christopher-Nolan-Film “Tenet” stammt, hat die Chance genutzt und dem Lichtspielhaus seiner Wahl einen Besuch abgestattet. Auch andere Actionfreunde schauten für den Agententhriller mit Gehirnverknotungsgefahr in ihren Lieblingskinos vorbei. Dabei stellten sie fest, dass es gar nicht so viele Corona-Einschränkungen gab und die Maske sich bei Nachos mit Stinkekäsesoße sogar als vorteilhaft erweist (keine Angst, während des Filmes muss man keine Maske tragen, aber man kann). Zum Film selbst gehen die Meinungen dann durchaus auseinander. Diese findet ihr in der Actionfreunde-Community bei Liquid-Love.de. Schaut vorbei und diskutiert mit: Wie logisch muss ein Film sein? Reicht es, wenn der Regisseur höchstselbst seine Figuren dazu ermuntert, zu erklären, dass man in “Tenet” nichts verstehen müsse, um so seine “Story” zu erden? Wie zufrieden wart ihr nach “Tenet”?

Zur “Tenet” Diskussion

@ Verleiher: Warum helft ihr den Kinos nicht? Warum gebt ihr “Bill und Ted 3” keinen regulären Kinorun? Ohne Konkurrenz hat der doch das Potential, zumindest ein paar Euronen einzusammeln. Und warum lasst ihr den Filmfans nicht die Wahl, ob sie beispielsweise “Mulan” im Kino oder zum unverschämten Preis über Streamingportale sehen wollen? Warum tut ihr nichts für die Kinos? Worauf wartet ihr? Auf eine Zeit, wo man sicher ins Kino gehen kann, es aber keine Kinos mehr gibt? Kommt bitte in die Puschen…

Originaltitel: Tenet__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2020__Regie: Christopher Nolan__Darsteller: John David Washington, Elizabeth Debicki, Kenneth Branagh, Robert Pattinson, Aaron Taylor-Johnson, Clémence Poésy, Fiona Dourif, Michael Caine, Andrew Howard, Wes Chatham, Himesh Patel, Martin Donovan, Dimple Kapadia, Anthony Molinari u.a.

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Tenet Filmplakat

In “Tenet” dreht Christopher Nolan mal wieder an der Uhr.

Stellen wir uns eine Glasscheibe vor, auf deren gegenüberliegender Seite die physikalischen Gesetze nicht an die uns bekannte Realität gekoppelt sind. Dort drüben existiert jene Welt, die Filmemacher seit mehr als hundert Jahren begehren, denn sie birgt dasjenige, das nur in der Fantasie oder im blinden Fleck des Weltwissens möglich ist. Wird die Scheibe zerbrochen, würden die meisten Regisseure wohl durch das entstandene Portal schreiten, um eine möglichst überzeugende Vision dessen zu dokumentieren, was man gemeinhin unter „Fantasy“, „Science-Fiction“ oder ganz allgemein unter dem Sammelbegriff des „Phantastischen“ versteht. Sie würden in unmöglichen Farben baden, das Unbekannte einatmen und mit dem Fremdartigen verschmelzen. Doch nicht so mit Christopher Nolan; er ist der vorsichtige Wissenschaftler, der mit dem Notizblock in der physikalischen Realität verweilt und das Spiel mit Form, Raum und Zeit lieber über ein Schlupfloch auf seine Seite lockt, um es dort mit den ihm zur Verfügung stehenden Instrumenten zu sezieren.

Entsprechend widersprüchlich wirkt es, wenn ausgerechnet mitten in der Filmlogik-Erklärungssequenz die Aussage gefällt wird, der „Protagonist“ (John David Washington) solle das soeben Gelernte nicht zu verstehen versuchen; er solle es einfach fühlen. Ein Satz, der eigentlich eher die intuitive Traumlogik eines David Lynch zu beschreiben scheint, aber wohl kaum jene eines kühlen Planarchitekten wie Nolan, der stets zu den Sternen greift, nur um den getrockneten Sternenstaub unter das Mikroskop zu legen. Der Satz ist somit weniger eine Beschreibung dieser einen großen Innovation, die „Tenet“ zu etwas Besonderem macht, der sogenannten „Inversion“; er ist vielmehr eine Gebrauchsanweisung für Hauptfigur und Publikum, um die Steuerung der Inversion in den Griff zu bekommen. Fast wie bei einem neuen Videospiel, das die Spielergemeinde mit einer neuen Mechanik vertraut machen möchte, die das Potenzial hat, den gesamten Markt auf den Kopf zu stellen.

Im Kern nämlich, da ist auch „Tenet“ wieder die Dekonstruktion eines Traums und nicht etwa der Traum selbst. „Inception“ lässt grüßen. Ein spröder Agententhriller bildet den Kern, geschmückt mit dem Weltzerstörungsgrößenwahn eines James-Bond-Abenteuers, dem Ambiente und Dresscode eines Michael-Mann-Krimis und natürlich unzähligen Referenzen auf das eigene Œuvre. Die mit Atemmasken ausgestatteten Spezialagenten hüpfen durch die Landschaft wie kleine „Bane“-Fußsoldaten, auch ein Flugzeug, das in ein Gebäude rollt, weckt Erinnerungen an das finale Kapitel der „Batman“-Trilogie.

Tenet mit John David Washington

John David Washington gegen die Zeit in “Tenet”.

Die Eröffnung im Opernhaus von Kiew lässt Nolans Dirigentenstab wütend in der Luft zetern. Sie ruft zu choreografischen Höchstleistungen auf, bei der alle Komparsen an einem Strang ziehen müssen, um fast ohne visuelle Effekte ein spektakuläres Zusammenspiel von Kleinstbestandteilen zu unvergesslichen Bildern zu verschmelzen – eine Vorgehensweise, die sich auch schon Christopher McQuarrie und sein Star Tom Cruise in den letzten beiden „Mission: Impossible“-Abenteuern zu eigen machten. Und Ludwig Göransson ersetzt den unabkömmlichen Hans Zimmer fast nahtlos mit einem sich permanent überschlagenden erhöhten Puls von Elektro-Score, der es versteht, auch über zweieinhalb Stunden höchste Anspannung zu erzeugen. Das Dialogbuch muss den Akteuren ausnahmsweise mal nicht die für Blockbuster so typischen Superlative in den Mund legen; diesen Job übernehmen auf akustischer Ebene ganz und gar Musik und Sounddesign.

Was aus einem etwas drögen Actionthriller voller stereotyper, völlig emotionsloser Schachfiguren letztlich einen Game Changer macht, ist nicht etwa Nolans gewohnte Virtuosität als Entscheidungsträger am Set; es ist seine vorangehende Arbeit als Autor. Dem ersten Anschein nach wirkt die Idee, Gegenstände und Lebewesen rückwärts durch die Zeit zu bewegen, eher wenig spektakulär; mit rückwärts laufenden Kameras experimentiert das Kino schließlich seit jeher und wenn vom Auffangen einer Kugel mit der Waffe die Rede ist, so ist das zunächst einmal lediglich eine nette Umschreibung für das Betätigen der Rückspultaste.

zu Trailer den in Schaut: “Tenet”

Also setzt sich Nolan so lange an den Schreibtisch, bis er eine möglichst wasserdichte Theorie entwickelt hat. Er verwebt seine Gedankenspiele um die Linearität von Zeit mit den visuellen Gestaltungsmöglichkeiten des Mediums Film, das ja seinerseits entscheidend dadurch geprägt ist, der Linearität ausgeliefert zu sein. Natürlich gelingt es ihm nicht, die unumgängliche Linearität mit seinem finalen Entwurf der umgekehrten Entropie tatsächlich zu überwinden. Das macht ihn einmal mehr angreifbar gegenüber Kritikern, die ihm vorwerfen, der Science Fiction mit einem Anspruch an physikalische Exaktheit zu begegnen, die letztlich nicht eingehalten werden kann. Eine Schwäche, gegen die jeder Trash-Regisseur gefeit wäre. Was ihm aber gelingt, ist eine neue filmische Genese, die in dieser Form und Durchschlagskraft zuletzt vielleicht den Wachowski-Geschwistern mit der Etablierung der Bullet Time gelungen ist.

Dabei kann von einer vergleichbaren technischen Errungenschaft gar nicht die Rede sein. Im Grunde kombiniert das Drehbuch in seinen konzeptionell lange im Voraus geplanten Actionszenen lediglich vorwärts- und rückwärtsgewandte Bewegung, um sie auf der Leinwand miteinander kollidieren zu lassen. Sich wieder zusammensetzende Splitterteilchen und inhalierte Rauchwolken nehmen eine wichtige Funktion in der visuellen Ästhetik der Bewegung ein, wobei Nolan das Tempo gemächlich zu steigern weiß und vereinzelte Höhepunkte aus dem Einstieg durch perspektivische Mehrfachbeleuchtung gewisser Schlüsselsequenzen mit der Zeit zu einem großen, entzerrten Kern aus Dutzenden von Zeitkollisionen schichtet. Alfred Hitchcocks „Dolly Zoom“ bekommt hier gewissermaßen eine Neuinterpretation aus der zweidimensionalen Perspektive heraus verpasst; anstatt das Objekt immer näher auf die Kamera zusteuern zu lassen und den Hintergrund gleichzeitig immer weiter nach hinten zu schieben, bewegen sich natürliche und invertierte Objekte auf einem Zeitstrahl aufeinander zu und geraten in Kontakt, wobei es ähnlich wie in „Matrix Reloaded“ wieder eine Autobahn, ist, die den Datenstrom beziehungsweise Zeitstrahl symbolisiert.

Tenet von Christopher Nolan

Christopher Nolan macht in “Tenet” ordentlich Action.

Da Nolan ein meisterhafter Inszenator realistischer Action ist, wird aus zurückgespultem Filmmaterial in Kombination mit konventionellem Ablauf auf einmal eine brillante Montage, als der Autor beweist, dass er als Erfinder der invertierten Steuerung diese selbst auch am besten beherrscht. Es kommt zur spektakulären Verzahnung der Kausalbahnen, deren Überkreuzung dann zu einem Fest für das Auge wird. Denn wo ein Bombeneinschlag von der Erde absorbiert wird, spuckt der Boden das Geschoss auf der anderen Seite wieder aus; und wo ein Kämpfer rückwärts über den Boden kriecht, folgt ihm der andere kopfüber. Ein regelrechtes Ballett der Widerstände.

Wenn man sucht, wird man in dem Geschwulst aus tollkühnen Thesen (aus Feuer wird Eis, eine komplett invertierte Erde führt zum Weltuntergang, vermutlich sind invertierte Briten auf dem europäischen Festland auch perfekte Autofahrer) selbstverständlich allerhand Ungereimtheiten finden, zumal es Nolan seinem Publikum nicht gerade schwer macht, bei der Geschichte, egal wie verknotet sie wirken mag, durchzusteigen; schließlich ist „Tenet“ dem Wesen nach durch und durch ein Blockbuster. Seine Besonderheiten liegen ganz sicher nicht in der Grundierung für die Story, in dem Figurenmaterial oder deren Motivation; John David Washington bleibt in der Hauptrolle eine leere Hülse in Designer-Anzügen, Kenneth Branagh („Jack Ryan: Shadow Recruit“) würde in einer Rangliste der Bond-Schurken im unteren Mittelfeld landen, Elizabeth Debicki („the Cloverfield Paradox“) ebenso in Bezug auf die Bond-Girls und selbst der zuletzt so oft vorzüglich aufspielende Robert Pattinson („Die versunkene Stadt Z“) vermag nur wenig gegen die papierne Anlage der Figuren auszurichten, wenngleich er noch die meisten Eindrücke hinterlässt (neben Sir Michael Caine, versteht sich). Was „Tenet“ aber so faszinierend geraten lässt, womit Christopher Nolan zunehmend seine Signatur zur Einzigartigkeit ausformuliert, das ist die nüchterne Implosion, wenn Science Fiction mit Superrealismus kollidiert.

7 von 10

Viele Filmstarts wurden im Corona-geplagten Jahr 2020 entweder verschoben oder gleich aufs Streaming-Gleis verwiesen. Warner Brothers wagt nun den Sprung ins kalte Wasser und bringt uns mit “Tenet” den ersten echten Blockbuster Jahres 2020. Die Heimkino-Auswertung wird voraussichtlich noch im Laufe des Jahres in den üblichen Formaten folgen (DVD, Blu-ray, 4K-UHD), ein fester Termin steht allerdings noch nicht fest.

Sascha Ganser (Vince)

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Copyright aller Filmbilder/Label: Warner Bros. Entertainment Inc.__Freigabe: FSK12__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Nein/Nein (ab Ende 2020)

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