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The Comedy

Originaltitel: The Comedy__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2012__Regie: Rick Alverson__Darsteller: Tim Heidecker, Eric Wareheim, Jeffrey Jensen, James Murphy, Gregg Turkington, Kate Lyn Sheil, Alexia Rasmussen, Liza Kate, Adam Scarimbolo u.a.

The ComedyThe Comedy

Wenn Rick Alversons „The Comedy“ (2012) auf gewisse Weise an Quentin Dupieux filmische Antithese „Wrong“ (ebenfalls 2012) erinnert, dann liegt das nicht am Regiestil, wie man aus dem Affekt heraus vermuten könnte. Wo Dupieux mit den Mitteln des Poststrukturalismus homogene Erzählstrukturen infiltriert und in kleine, sinnlose Sketch-Ellipsen zersprengt, ergibt sich das Episodische bei Alverson aus einem semidokumentarischen Stil. Die Ausschnitte aus der desorientierten Lebensphase der Hauptfigur, eines abgewrackten Hipsters namens Swanson (Tim Heidecker), führen durch ihre reine Ansammlung zur Quintessenz. In Abwesenheit einer echten Dramaturgie wäre es dabei sogar ein Leichtes, den eineinhalbstündigen Film mit zusätzlichen Szenen auszuweiten; weitere Ausschnitte würden die Quintessenz lediglich verdichten, aber wohl kaum verändern.

Nein, gemeinsam ist beiden Filmen nicht die Führungsweise, sondern eher die Geisteshaltung und damit die Erfahrung, die sie dem Zuschauer letzten Endes bieten: Mit einer gewissen inneren Traurigkeit erlebt man, wie sarkastische Gag-Kommentare an der Betonwand der Wirklichkeit zerschellen. Der Comedian wird vor unseren Augen zum traurigen Clown, dessen Versuche, witzig oder smart zu sein, weder die Antagonisten innerhalb des Handlungsrahmens noch uns vor dem Bildschirm überzeugen. Gescheitert an einer Realität, die sich unbeeindruckt von all den kleinen Witzen und Schikanen zeigt, droht die Fassade des Comedians zu bröckeln. „Wrong“, oder auch ironisch, ist in Alversons mit echten Komödianten besetzter vermeintlicher Komödie also zuallererst der Titel: Denn „The Comedy“ ist keine Komödie, sondern mit Leib und Seele ein Drama, wenn nicht gar eine Tragödie.

Tim Heidecker spielt darin ein Opfer, das einem zunächst einmal nur wenig leid tun kann. Als ungepflegter Schnösel mit Bierbauch, offenbar dennoch aus einer höheren Gesellschaftsschicht stammend, stellt er sich dem Zuschauer nicht gerade von seiner Schokoladenseite vor, als er den Pflegehelfer seines im Koma liegenden Vaters persönlich beleidigt und aufgrund seines Berufes verhöhnt. Dass der erste Eindruck nicht täuscht, zeigt der nachfolgende Zusammenschnitt aus der geschilderten Phase des Mittdreißigers nur allzu deutlich auf: Ob es nun um die Freundin des eigenen Bruders geht, der sich in Behandlung befindet, um einen Taxifahrer mit Geldsorgen, eine Party-Bekanntschaft oder einen Freund aus der eigenen Runde, der sich verletzlich zeigt und dafür umgehend verhöhnt wird, nichts und niemand ist vor den permanenten Nadelstichen Swansons oder jenen seiner ebenso abgestumpften Artgenossen (u.a. der auch aus „Wrong“ bekannte Eric Wareheim) gefeit.

Schaut in die Anti-Komödie “The Comedy” hinein

Die Tragik macht sich schnell daran fest, dass nur selten ein Echo auf die Eskapaden Swansons folgt. Uns mag die Genugtuung fehlen, dass diesem arroganten Arsch endlich mal jemand die Empathielosigkeit aus dem trägen Gesicht prügelt. Dass er ungehindert immer wieder seinen mit allerlei Fäkalvokabular geschmückten Nonsens auf die Gesellschaft loslassen darf, ohne dafür auch nur von einer couragierten Person der Tat die Quittung zu bekommen, mag so manchen Zuschauer gar zur Weißglut treiben. Das Schweigen der Gesprächspartner jedoch, ihre mitleidvollen Blicke, bildhaft schließlich sogar die stumme Meeresluft, als er bei einem seiner vielen Bootsausflüge beliebige Laute in die Luft schreit, all diese Reaktionen treffen das Ziel härter als jeder Faustschlag und klopfen es langfristig mürbe, derweil der Getroffene zu realisieren beginnt, dass ihm sein Zynismus nicht als Schutzschild dient, sondern ihn vielmehr von der Welt zu isolieren beginnt.

Denn eine gewisse Sehnsucht nach den Möglichkeiten einer Geborgenheit innerhalb der Gesellschaft stellt Alverson in bestimmten Szenen durchaus heraus. Als sich Swanson mit einem Freund auf einem Balkon beispielsweise über New York unterhält, kommt er zu dem Schluss, dass es eine schöne Stadt ist, in der es sich leicht leben lässt. Auch wenn er sich in diesem Moment darauf beziehen mag, dass die Stadt es ihm einfach macht, reichlich Unsinn in ihr zu stiften, so teilt er doch ungewollt eine Sympathie mit seinen Zuhörern. New York, das wir hauptsächlich als Filmstadt kennen, in der Hochhäuser zu Bruch gehen, Aliens landen und romantische Gefühle zum Musical aufgeblasen werden, wird passend dazu nach dem Vorbild von „The Naked City“ (1948) modelliert, als eine Stadt, die acht Millionen Geschichten beherbergt, von denen dies eine ist, so bedeutend oder unbedeutend wie jede andere. Eine Stadt der Möglichkeiten also, deren große Monumente wie die Freiheitsstatue ausgespart werden, auf dass die Kamera lieber Perspektiven aus anonymen Wohnungen, aus Restaurants oder von den New Yorker Flüssen und Brücken filmt.

In der letzten halben Stunde lässt sich dann doch noch so etwas wie eine dramaturgische Steigerung ausmachen, die durchaus suggeriert, dass am Ende eine Pointe wartet, die den dokumentierten Status Quo beenden könnte. Swanson droht zum waschechten Soziopathen zu mutieren, spätestens als er eine Arbeitskollegin mit auf sein Boot nimmt, diese beim Entkleiden einen Anfall bekommt und er sie dabei halb neugierig, halb desinteressiert beobachtet, ohne ihr zu helfen. Doch Alverson nimmt der dramaturgischen Steigerung bald wieder den Wind aus den Segeln, lässt einen letzten Gag um eine Dia-Präsentation mit pornografischem Bildmaterial noch einmal im großen Stil versanden und wählt dann als Schlusssequenz ausgerechnet einen Ort, der metaphorisch seit jeher für „Alles wird gut“ steht. Ein offenes Ende also, das bewusst nicht die aufgeworfenen Probleme löst, jedoch ein tiefliegendes Bewusstsein für sie herausfordert. „The Comedy“ ist mehr als das kitschige Gemälde eines weinenden Clowns, mehr als die Verärgerung, die man bei seiner Sichtung womöglich durchlebt; er ist ein klagender Abgesang auf die Postmoderne.

7 von 10

Informationen zur Veröffentlichung von “The Comedy”

The Comedy

„The Comedy“ wird nun von Bildstörung gemeinsam mit Alversons Nachfolgewerk „Entertainment“ unter dem Titel „Entertainment / The Comedy“ erstmals in Deutschland veröffentlicht. Der „Drop Out 031“ erscheint in der bekannten Aufmachung: Transparentes Amaray-Case, umgeben von einem Pappschuber (ohne FSK-Logo) mit zusätzlicher Banderole (mit FSK-Logo), dazu ein 16-seitiges Booklet, das zwei Texte von Caveh Zahedi und Thorsten Hanisch beinhaltet, die sich passenderweise beide um einen Vergleich zwischen beiden Filmen bemühen.

Der 95-minütige „The Comedy“ ist mit dem 102-minütigen „Entertainment“ und allen Extras auf einer Disc untergebracht. Die Bildqualität scheint diese Datenmenge zunächst nicht zu tangieren; Die New Yorker Schauplätze werden mit dem typisch gestochenen Look einer HD-Kameraaufnahme abgebildet. Die englische DTS 5.1-Tonspur legt den Fokus auf die Verständlichkeit der Dialoge, überrascht aber hier und da auch mit dezenten Umgebungseffekten. Eine deutsche Synchronisation ist allerdings nicht vorhanden, der O-Ton wird aber mit optionalen deutschen Untertiteln angeboten.

Die Menge der Extras ist überschaubar. Es gibt neben dem Trailer zum Film einen etwas mehr als 20-minütigen Zusammenschnitt von Deleted Scenes, die den im Hauptfilm bereits zelebrierten Anti-Humor noch weiter ausbauen; vermutlich hätten sie den Film weder besser noch schlechter gemacht. Ein Kommentar des Regisseurs, weshalb ausgerechnet diese Szenen aus dem Film geschnitten wurden, wäre sicherlich interessant gewesen. Alverson kommentiert aber immerhin auf einem unterhaltsamen Audiokommentar den Film, gemeinsam mit seinem Hauptdarsteller, der immer mal wieder in sein Rollenmuster fällt und aus dem Audiokommentar so etwas wie einen Meta-Kommentar macht.

Weil man ursprünglich wohl mit mehr Extras rechnete, wären zwei Einzelveröffentlichungen ursprünglich wahrscheinlich gewesen. Dass man beide Filme nun in einem Paket veröffentlicht, ohne den Preis gegenüber vorherigen Releases anzuheben, ist dabei sehr lobenswert. Ohnehin gilt: Wer sich für „The Comedy“ begeistern kann, wird wohl auch etwas mit „Entertainment“ anfangen können – und umgekehrt.

Sascha Ganser (Vince)

Bildergalerie von “The Comedy”

The Comedy

Immer mit einem Glas im Anschlag: Tim Heidecker.

The Comedy

Hier draußen auf dem Wasser darf man wenigstens noch so richtig Arsch sein…

The Comedy

…und nackt.

The Comedy

Um sich schart die Hauptfigur eine ganze Gang aus alten sarkastischen Fürzen.

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Gregg Turkington, hier in einer Nebenrolle, wird in Rick Alversons Nachfolgewerk die Hauptrolle übernehmen.

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Vom gelangweilten Nonsens der Mannkinder bleibt auch das Innere einer Kirche nicht verschont.

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Wie das Hipster-Ekel immer wieder Frauen auf sein Boot bekommt, bleibt sein Geheimnis.

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Vielleicht ja durch den Ausdauersport, den er betreibt?

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