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Tracers

Originaltitel: Tracers__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2015__ Regie: Daniel Benmayor__Darsteller: Taylor Lautner, Marie Avgeropoulos, Rafi Gavron, Adam Rayner, Sam Medina, Luciano Acuna Jr., Doua Moua, Andrew Elvis Miller, Johnny M. Wu, Woon Young Park, Teddy Cañez u.a.
Tracers

“Tracers” mit Taylor Lautner nimmt sich der Trendsportart Parkour an und strickt einen wenig spannenden Thriller drumherum.

Überraschungsmomente in Filmen sind immer gerne gesehen. Darum das Überraschendste an „Tracers“ direkt vorweg: Er ist nach Jahren der Existenz der Fortbewegungsart Parkour tatsächlich der erste Film der Hollywood-Traumfabrik, der zumindest versucht, vollkommen auf diese Variante des Laufens abzustellen. Natürlich gab es schon Parkour-Szenen in amerikanischen Streifen. Genannt seien „Stirb Langsam 4.0“ oder „Prince of Persia“. In diesen Filmen war Parkour aber immer nur ein Element der normalerweise deutlich breiter aufgestellten Stunt-Arbeit. In Europa, wo die Parkour-Bewegung ihre Wurzeln hat, war man da deutlich schneller. Man denke nur an „Ghettogangz I + II“. Sogar die leicht betagte britische Actionikone James Bond, die in „Casino Royale“ in den Jungbrunnen fiel, kam in demselben Film nicht mehr ohne eine Parkour-Sequenz aus. Grund genug also, die Fortbewegungsart endlich auch zum Hauptmotiv eines amerikanischen Filmes zu machen. Damit das auch publikumswirksam klappt, engagierte man „Twilight“-Schnuckel Taylor Lautner und zog um ihn herum mal wieder eine Dreiecksgeschichte auf. Doch keine Sorge, das sind noch die kleinsten Probleme des Filmes, der auf den Titel „Tracers“ hört.

„Tracers“ referiert dabei auf den französischen Begriff „le traceur“ und bedeutet soviel wie „Der, der eine Linie zieht“. Das heißt, der Traceur/Parkourist bestimmt seinen eigenen Weg durch den Raum (urban oder natürlich), der von den „Weg-Vorgaben“ der Architektur oder Natur teils deutlich abweicht. In einen dieser Traceure kracht eines Tages der Fahrradkurier Cam. Dieser ist notorisch klamm und nicht sehr erfreut darüber, dass bei dem Zusammenstoß sein Rad komplett demoliert wird. Doch die Art und Weise, wie sich Nikki, die Dame, mit der er zusammengeprallt ist, vom Unfallort entfernt, begeistert Cam. Er informiert sich im Internet über Parkour und ist gewillt, diese Fortbewegungsart ebenfalls zu verinnerlichen.

Bei seinen Trainingsstunden begegnet er natürlich auch Nikki wieder und wird von ihr in eine Gruppe anderer Parkour-Anhänger eingeführt. Diese offenbaren ihm bald, dass sie ihre Fähigkeiten für illegale Aktivitäten nutzen. Gegenstände klauen, im Auftrag von Gangstern Beweismittel aus Asservatenkammern verschwinden lassen und so weiter und so fort. Kopf der Gruppe ist Miller, der mit immer neuen Aufträgen ums Eck kommt und Parkour-Naturtalent Cam nur zu gerne in seine Bande aufnimmt.

Bis zu diesem Zeitpunkt ist „Tracers“ im besten Sinne reinstes Actionkino! Der Film ist beständig in Bewegung. Was sich durch die hypernervöse Handkamera auch rasend schnell auf den Zuschauer überträgt. Dank Go-Pro-Cams ist der Zuschauer auch bei den haarsträubendsten Sprüngen mittendrin und fliegt über Häuserschluchten und dergleichen mehr. Wesen und Philosophie hinter Parkour reicht man zwar in äußerst homöopathischen Dosen, reduziert die Fortbewegung aber nicht ausschließlich auf den physischen Aspekt. Zudem ist die Grundsituation des Filmes flott installiert und funktioniert dank durchaus ordentlicher Darsteller ziemlich gut. Sogar Lautner („Atemlos“) gefällt in den physisch anspruchsvollen Momenten richtig gut und hat mit Cam den wohl sympathischsten Charakter seiner bisherigen Filmkarriere aufzuweisen.

Tracers

Cam verguckt sich sofort in Nikki.

Doch dann gesteht Cam Nikki, dass er eigentlich nur mit Parkour angefangen habe, um ihr nahe zu sein. Damit spricht er das Offensichtliche aus. Warum auch immer. Und plötzlich bricht der Film in sich zusammen. Cam und Nikki beim städtischen Zelten. Im Schein einer Lampe. Beim Knutschen. Beim Schmachten. Und… nichts weiter. „Tracers“ wirkt, als habe ihn jemand pausiert. Nichts passiert mehr. Die Bewegung kommt zum Stillstand. Selbst die Parkour-Szenen enden in Andeutungen. Und wer wird wohl das bereits angedeutete Liebes-Dreieck perfekt machen? Natürlich: Miller! Mit dem tauscht sich Lautner nun böse Blicke aus. Die einzige Action in diesem Abschnitt.

Plötzlich passt gar nichts mehr. Lautners Dackelblick geht einem auf den Zünder, die Darstellerin von Nikki, Marie Avgeropoulos, wirkt von dem Storyschlenker vollkommen überfordert und der bis dahin sehr charismatische Miller, gespielt von Adam Rayner, verkommt zum präpubertären Teenager. Und Regisseur Daniel Benmayor traut sich auf einmal nicht mehr, Parkour-Szenen zu zünden! Als wolle er die „Twilight“-Fanecke nicht zu sehr mit Action verstören…

Nach sich beinahe ewig anfühlenden 30 Minuten des Stillstandes kommt dann wieder etwas Bewegung in „Tracers“. Während man sich als Zuschauer erstaunlicherweise noch irgendwelche Twists von der vollkommen unspektakulär dahin gammelnden Story erhofft, zündet diese einfach einen großen Raub, der am Ende nicht ganz das ist, was er zu sein scheint. Dann ist „Tracers“ auch schon vorbei. Lautner springt im Rahmen des Showdowns noch ein oder zweimal über ein Dach und kracht durch ein Oberlicht, doch statt Parkour zu zelebrieren, wird nun geballert. Aber macht euch keine falschen Hoffnungen, diese Ballereien sind harmlos, drucklos und alles andere als tolles Actionfutter. Und peng, Ende! Regisseur Benmayor hat das Prinzip der Eskalation nicht wirklich verstanden und präsentiert keine einzige Highlight-Szene mehr. Bezeichnend ist etwa, dass die zu Beginn häufiger gereichten POV-Perspektiven im weiteren Verlauf nicht ein einziges Mal genutzt werden. Und so weiß man am Ende von 95 viel zu langen Minuten, dass man nach den ersten 40 auch locker hätte gehen können. Man(n) hat zu dem Zeitpunkt eigentlich alles gesehen.

„Wenn man eine Weile leidenschaftlich Parkour betreibt, merkt man irgendwann von selbst, wie sich die eigene Sichtweise auf die Umgebung und das Leben verändert.“ Aus unserem Interview mit Amadei Weiland

Tracers

Vergleicht mal mit dem Postermotiv. Wo ist denn die Waffe hin?

Inszenatorisch ist „Tracers“ ein Mix aus Licht und Schatten. Während die Handkamera und der damit verbundene dynamische Stil zu Beginn noch gut zum Film passte, läuft der hektische Bildersalat in den Momenten der Dreiecksstory total ins Leere. Dafür gefällt die mit karger Farbpalette dargereichte, kalt, schroff und authentisch wirkende Bebilderung des Handlungsortes New York richtig gut, während die Musik zum Film vollkommen untergeht und nicht ein memorables Thema zu generieren versteht.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass man nun auch in den USA einen ersten „reinen“ Parkour-Film auf den Weg gebracht hat, dieser qualitätsmäßig gesehen aber noch viel Luft nach oben für eine deutlich bessere Abhandlung lässt. Die wirklich langweilige Geschichte, die vor allem zu Beginn mit ordentlich Tempo noch so manche Storyuntiefe zu übertünchen versteht, gerät in der zweiten Filmhälfte zum peinlichen Offenbarungseid ohne Ideen, Tempo, spannende Entwicklungen oder eine plausible Dramaturgie. Negatives Highlight der lachhaften Dramaturgie des Filmes ist der Tod eines Teammitgliedes der Parkour-Bande um Cam. So gleichgültig reagiert nicht einmal ein Steven Seagal auf den Tod eines Freundes. Lautner zumindest empfiehlt sich mit „Tracers“ erneut für actionreichere Produktionen. Und vielleicht traut man ihm irgendwann auch mal eine Story ohne den schmalzigen Firlefanz zu, den man von ihm wegen seiner Filmvergangenheit nach wie vor einzufordern scheint. Denn richtig in Daueraction könnte der Typ durchaus funktionieren. Körperbeherrschung und physische Präsenz hat er definitiv. Und sein voranschreitendes Alter könnte durchaus auch für ein wenig Charisma sorgen. Doch davon ist er aktuell noch weit entfernt. Das beweist der fußlahme „Tracers“ eindrücklich.

Der Film läuft ab dem 28. Mai 2015 in den deutschen Kinos, ist ab 16 freigegeben und kommt vom Senator Film Verleih und Wild Bunch Germany.

Auf Seite zwei findet ihr ein Interview mit einem Traceur…

In diesem Sinne:
freeman

Was meint ihr zu dem Film?
Zur Filmdiskussion bei Liquid-Love

Copyright aller Filmbilder/Label: Senator Film Verleih und Wild Bunch Germany__Freigabe: ab 16__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Nein/Nein, ab 28.5.2015 in den deutschen Kinos

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