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White Fire

Originaltitel: Vivre pour survivre__Herstellungsland: Frankreich / Großbritannien / Türkei / Italien / USA__Erscheinungsjahr: 1984__Regie: Jean-Marie Pallardy__Darsteller: Robert Ginty, Fred Williamson, Belinda Mayne, Jess Hahn, Mirella Banti, Diana Goodman, Gordon Mitchell, Henri Guégan, Jean-Marie Pallardy, Benito Stefanelli, Bruno Zincone u.a.

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White Fire Cover

Das Poster von “White Fire”

White Fire! White Fir-ah! White Fye-oh! Die Handlanger sabbeln seinen Namen ehrfürchtig in ihren Super-Mario-Schnäuzer, der Bandenchef betont ihn in jeder Anweisung, die er gibt, der schmissige Titelsong besingt ihn so leidenschaftlich wie die Barden im Mittelalter es getan hätten. Yeah, White Fire! Bei einem ehemaligen Erotikfilm-Regisseur wie Jean-Marie Pallardy denkt man da womöglich als erstes an den Saft, der Leben schafft. Passend dazu lautet der französische Alternativtitel fürs Kino „Vivre Pour Survivre“ („Leben, um zu überleben“). Doch auf dem Weg zu höheren Ambitionen steht „White Fire“ in Pallardys bis dato anspruchsvollstem Projekt für einen sagenumwobenen Diamanten. Einen solchen auch noch, der einem die Haut wegätzt, wenn man ihn berührt (selbiges könnte man übrigens vom Augenkontakt mit vorliegendem Machwerk behaupten). Berücksichtigt man den Umstand, dass es sich bei dem leuchtenden Mineral in einer Steinhöhle vor den Toren Istanbuls wahrscheinlich um eine Art Kunststoff mit eingebauter Glühbirne (Typ kaltweiß) handelt, ist in dem kruden Action-Abenteuer eindeutig das MacGuffin-Fieber ausgebrochen – dasselbe Fieber womöglich, das drei Jahre zuvor bereits die Nazi-Gegenspieler von Indiana Jones die Bundeslade öffnen ließ.

„White Fire“ ist ganz und gar ein Produkt des boomenden Videothekenmarkts. Die französisch-britisch-amerikanisch-italienisch-türkische Koproduktion ist das Resultat von Connections und Gelegenheit: Einer weiß, wo man billig ein paar Rollen Film ablichten kann, ein anderer, wie man sie lukrativ vermarktet, wieder ein anderer bringt das Material und die Motivation mit. Wir dürfen die einmalige, exotisch-maritime Istanbul-Kulisse nicht etwa genießen, weil sie als erste Wahl im Drehbuch stand, sondern weil es sich gerade anbot, dort zu drehen… aus Gründen. Jules Dassins Heist-Streifen „Topkapi“ (1964), der sich ebenfalls um Juwelen in Istanbul drehte, wird sich freuen, so einen würdigen Bruder im Geiste geschenkt bekommen zu haben.

Der recht rare filmische Ausflug in die türkische Metropole ist jedenfalls unser Glück, denn noch selten wurde der Unterhaltungswert eines Films so sehr von seinem Ambiente bestimmt. Über das kongeniale Repertoire an Haupt- und Nebendarstellern wird später noch zu sprechen sein, zunächst gebührt das Augenmerk jedoch dem Umfeld, denn dies ist ein Film der Schergen, die dumm im Weg stehen, der Overalls, die sie dabei tragen und der Jeeps, mit denen sie durch die Pampa kurven. Jawohl, der Jeep, das Fortbewegungsmittel der Wahl für jeden Action-Regisseur, der was auf sich hält. Jeder Unebenheit gewachsen, erlaubt er die Fortbewegung über unwirtliches Terrain und lässt die finsteren Fußsoldaten auf dem Beifahrersitz fotogen mit ihren Sturmgewehren wedeln (oder manchmal auch mit einem lackierten Stück Holz in Gewehrform, wie die Goofs-Abteilung der imdb behauptet). Es ruckelt und wackelt so doll, die Kamera muss eigentlich gar nichts tun, um Dynamik zu erzeugen. Sie tut es aber dennoch ungefragt, wenn sie nach Beendigung einer Dialogszene langsam in den Hintergrund zoomt, wo ein dubioser türkischer Statist gerade mit höchst auffälligem Blick einen Jeep belädt.

Schaut in den Arrow-Trailer von “White Fire”

Es gibt sogar Augenblicke, da tummeln sich bis zu zehn Darsteller vor der Kamera, und wenn man durchzählt, stellt man fest, dass mindestens neun von ihnen mit einem satten, blickdichten Schnauzbart geschmückt sind. Wüsste man es nicht besser, könnte man glauben, Fred Williamson (“VFW – Veterans of Foreign War“) trüge den seinen aus Solidarität mit den Statisten. Für Robert Ginty (“Mission Cobra – …im Kampf für die Gerechtigkeit“) mag das tatsächlich zutreffen, lässt er sich doch selbst als vermeintlicher Held einen stehen. Vollends rund wird die Trash-Impression aber erst, wenn die namenlosen Einheimischen in seltsam futuristischen Ganzkörperanzügen mit Cowboygürteln aus dem Kinderfasching irgendwo im Nirgendwo auf Geröllbergen die Rolle abwärts machen. Grellrote Männlein also, die inmitten einer steinigen Einöde ohne irdische Fixpunkte auf Entdeckungstour sind und alles abknallen, was nicht so aussieht wie sie? Auch wenn es ein ganz anderes Feld ist, da kann man doch gar nicht anders als automatisch an die SciFi-Cheapos der 50er und 60er Jahre zu denken.

Die Stadt Istanbul zeichnet sich als Konsequenz eher am Horizont ab, verwaschen durch das flimmernde Blau der Mittelmeerluft. Die Schiffe am Hafen tragen die türkische Flagge und sie werden Zeuge, wie die Komparsen von Bord geworfen werden oder die Fressleiste poliert bekommen. Manchmal wird es sogar noch rabiater, denn die beiden Aufräumer in den Hauptrollen neigen dazu, mit Kettensägen, Angelhaken und Macheten in die Untiefen italienisch inspirierter Splatter-Momente einzutauchen. Da wird dann auch mal für Sekundenbruchteile auf die handgemachten Eingeweide-Meisterwerke des Effektmachers geschwenkt. Dazu fliegen in hohem Bogen Blutspritzer, die in der Tagessonne am Bosporus so grell leuchten wie die Overalls der Diamantenjäger. Hin und wieder läuft auch mal ein Stuntman durch eine Feuerwolke oder wird vom Luftdruck einer Explosion zur Seite gesprengt. Willkommene Farbtupfer in einer weitgehend grauen Landschaft begleiten also regelmäßig den Weg zum alles verschlingenden Weiß des Feuers, von dem niemand weiß, warum er es eigentlich so begehrt.

All das sind aber nur die ästhetischen Merkmale eines Werkes, das erzählerisch mindestens ebenso große Ambitionen hegt. Dies ist nämlich die Geschichte eines Geschwisterpaars, dessen Eltern in einer nicht näher benannten Vergangenheit von nicht näher benannten Peinigern ermordet wurden. Auf den Prolog, der mit einem hässlichen, wie durch die VHS-Wäschemangel gedrehten Türkisblau farblich markiert ist, wird Pallardy immer wieder zurückkommen, um die Stärke des Bandes zwischen Bruder und Schwester zu betonen. Augenscheinlich tut er das, um einen mit überraschenden Wendungen vollgestopften Agentenplot zu installieren, in dem uns ständig etwas um die Ohren fliegt.

Man wird aber das Gefühl nicht los, hier entstehe unter dem Genre-Code „Action“ in Wirklichkeit ein weiterer Erotikfilm aus der Special-Interest-Sparte, denn zwischen dem Hauptdarsteller-Duo Robert Ginty und Belinda Mayne knistert es gar inzestuös. Wenn der Bruder der Schwester nach dem Nacktbaden das Handtuch wegzieht und mit verstohlenem Blick murmelt „it’s a pity you’re my sister“, dann sind endgültig alle Feigenblätter der Subtilität abgelegt. Abgesehen von dieser einen, recht langen und deutlichen Nacktszene Belinda Maynes kommt es zwar nie zum tatsächlichen Rückfall in alte Softerotik-Muster, doch was das Drehbuch leistet, um aus der Geschwisterliebe schließlich ein reueloses, romantisches Märchen zu zaubern, das gehört durchaus für alle Zeiten verewigt in den heiligen Hallen des Trash. Wohl noch selten wurde Science-Fiction von der Erotik so hinterlistig subversiv ausgebeutet.

Hört in den “White Fire” Titelsong hinein

Ein willkommener Nebeneffekt dieses unerhörten Twists in der Filmmitte ist es, dass die Handlung auch in der zweiten Hälfte durchweg unterhaltsam bleibt. Während vielen Trashfilmen zum Ende hin die Luft ausgeht, so dass selbst 80 Minuten wie eine Ewigkeit wirken können, kommt dieser auf mehr als 100 Minuten, ohne dass man nur eine davon ohne die Erwartungsfreude auf den nächsten Facepalm durchstehen müsste. Und überhaupt kommt das Ass im Ärmel erst recht spät ins Spiel. Fred Williamson nämlich reißt den Film an sich, sobald er endlich von der Leine gelassen wird. In einem Gemenge aus Trotteln, Wahnsinnigen, Weirdos und Freaks ist er die einzige coole Eissäule, die auch am Mittelmeer nicht zu schmelzen gedenkt. Der Kerl labert nicht, er starrt bloß zurück. Der Kerl prügelt nicht, er lässt prügeln. Im Grunde rührt er keinen Finger, das aber so eindrucksvoll, dass er den ohnehin die ganze Zeit etwas weinerlich wirkenden Ginty kraft seiner bloßen Aura einfach zur Seite drückt und das Zepter übernimmt. Williamson, Ginty, dazu die attraktive Mayne im Charlie’s-Angels-Asskicker-Stil und der hochgewachsene Gordon Mitchell als Widerling, Mirella Banti als rechte Hand des Bösen, ferner Jess Hahn als alter, schwitzender Sidekick und Diana Goodman als verwirrendes Mayne-Lookalike… das ist schon eine tolle Mischung, die sich da tummelt.

Wen juckt da eigentlich am Ende noch der Diamant in der Höhle. Angetrieben durch den Mega-Ohrwurm von einem Themensong, den die britische NwoBHM-Band Limelight mit der ganzen Power der 80er-Motivationskunst performt, entwickelt sich „White Fire“ zu einer völlig absurden Nachahmung des Action- und Abenteuerfilms mit Anleihen bei Science Fiction, Hi-Tech-Spionagethrillern und Exploitation. Pallardy ist da eine kleine Kuriosität gelungen, die so manchen Rekord halten dürfte in Kategorien wie „die erbärmlichsten Männerschreie“, „die meisten Erwähnungen des Filmtitels im Dialogbuch“, „die meisten Schnäuzer“ oder „die abgelegensten Winkel Istanbuls“. Die Bruder-Schwester-Lovestory irritiert ungemein, aber dann kommt Fred Williamson und alles ist coooool.

3 von 10

in diesem speziellen Fall gleichbedeutend mit

7 von 10

Informationen zur Veröffentlichung von “White Fire”

White Fire Arrow

Das Artwork der Arrow-Blu-ray von “White Fire”

„White Fire“ wurde vor etwa eineinhalb Jahren über Imperial Pictures / Cargo Records hierzulande ungeschnitten auf DVD veröffentlicht. Als Bonus enthalten ist außerdem die etwa zehn Minuten kürzere deutsche Kinoversion, die außerdem eine andere deutsche Synchronfassung nutzt als die Hauptfassung, womit sich zwei Synchronfassungen auf der Scheibe befinden. Der englische Originalton ist für die Hauptfassung ebenfalls dabei.

Im Mai 2020 erschien dann über das britische Label Arrow Films eine Blu-ray, die Gegenstand der vorliegenden Besprechung ist. Die limitierte Erstauflage besteht aus einer typischen UK-Amaray mit dickem Rand in einem Pappschuber mit partiellem Gloss-Effekt. Genutzt wird ein neues, minimalistisches Cover-Artwork, das den titelgebenden Edelstein zeigt, umringt von dem Arsenal an Waffen, das im Film wirkungsvoll zur Geltung kommt. Auf das stylishe Original-Artwork mit Jeeps, Kettensäge und Kung-Fu-Fred muss man trotzdem nicht verzichten, denn die Amaray verfügt über ein Wendecover. Im beigelegten 24-Seiten-Booklet erläutert Filmhistoriker Julian Grainger die Faszination der Videotheken-Zeit und was „White Fire“ so charakteristisch für diese Zeit macht.

Die Blu-ray präsentiert den Film ungekürzt im originalen 1,78:1 (auf dem Backcover ist fälschlicherweise von 1,85:1 die Rede) mit englischem 2.0-Monoton. Der französische Ton in 1.0 Mono ist ebenfalls dabei. Man darf sich entsprechend kein Gewitter aus Schusswaffen und durchdrehenden Jeep-Reifen im Heimkino erwarten, die Abmischung lässt aber alle Elemente (Score, Dialoge, Soundeffekte) gut zur Geltung kommen. Das Bild wirkt mit seinem merkwürdigen Türkisstich in den ersten Minuten gewöhungsbedürftig, allerdings entpuppt sich die Kolorierung als Stilmittel, das in der Gegenwart gegen ein wesentlich helleres Bild in wärmeren Farben getauscht wird.

Für die Extras hat man drei Ehemalige für Interviews auftreiben können: Schnittmeister Bruno Zicone, Regisseur Jean-Marie Pallardy und Darsteller Fred Williamson stehen jeweils in eigenen Interviews Rede und Antwort.

Bildergalerie

White Fire

Istanbul Chainsaw Massacre.

White Fire

Wenn Fred Williamson in Tiger-Pose über dir steht, solltest du lieber unten bleiben.

White Fire

Jeeeeeeeep!

White Fire

Belinda Mayne verdreht nicht nur ihrem Bruder den Kopf.

White Fire

Geteiltes Leid ist halbes Leid.

White Fire

Weihnachtsmann-Azubis beim Schornsteintraining.

White Fire

Raffael liegt schon geschlagen auf dem Boden, die drei Donatellos warten noch auf ihre Abreibung.

White Fire

White Fire! White Foeeioyyüü!

Sascha Ganser (Vince)

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Zur Filmdiskussion bei Liquid-Love

Copyright aller Filmbilder/Label: Arrow Video__FSK Freigabe: 18 (UK) / ab 18 (Deutschland)__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Ja (UK) / Ja (Deutschland)

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