Bei der Tiefsee-Doku „Aliens der Meere“ ist James Cameron gleichzeitig Co-Regisseur (neben Steven Quale) als auch einer der Protagonisten. Gemeinsam mit NASA-Wissenschaftlern absolviert der Filmemacher Tauchgänge, um die Entstehung von Leben fernab von Sonnenlicht zu untersuchen, damit die Erkenntnisse für Missionen im Weltall genutzt werden können.
| Originaltitel: Aliens of the Deep__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2005__Regie: James Cameron, Steven Quale__Darsteller: James Cameron, Anatoly M. Sagalevitch, Genya Chernaiev, Victor Nischeta, Pamela Conrad, Arthur ‚Lonne‘ Lane u.a. |
Zwischen „Titanic“ und „Avatar“ war James Cameron abgetaucht, in mehrerlei Hinsicht. Einerseits drehte er in diesen zwölf Jahren keinen Spielfilm mehr, andrerseits ging er in diesen Jahren seiner Passion für das Tauchen nach, wobei mehrere Dokumentationen wie „Aliens der Meere“ entstanden.
Der Titel gibt tatsächlich das Programm vor, der Co-Regisseur James Cameron ist gleichzeitig auch der Protagonist James Cameron. Beziehungsweise einer davon, denn „Aliens der Meere“ kreist um Tiefseeforschung der NASA, die wiederum Erkenntnisse für geplante Weltall-Expeditionen bringen soll. Die Kernfrage des Ganzen ist die Entstehung von Leben ohne Sonnenlicht, das man eben nicht nur in den unteren Meeresregionen, sondern eventuell auch auf anderen Planeten finden könnte. Aus diesem Grund machen Cameron und ein Team von NASA-Wissenschaftlern entsprechende Tauchgänge mit High-Tech-U-Booten, sammeln Proben und beobachten jene Kreaturen, die an Unterwasservulkanen leben. Die Wissenschaftler entstammen verschiedensten Disziplinen, versuchen alle auf ihre Weise Erkenntnisse zu gewinnen.
So stellen sind die zahlreichen Protagonisten sowohl als Personen vor der Kamera als auch als Off-Stimme vertreten, stellen sich mitsamt ihrer Disziplin und einigen biographischen Informationen vor, geben in Interviews Infos zu ihrem Beruf und ihrer Sicht auf mögliche Weltall-Missionen. Können sie ihre Familie zurücklassen, wenn die Pflicht ruft, eventuell für mehrere Jahre und mit ungewissem Ausgang? Welche Parallelen sehen sie zwischen Tiefsee und Weltall, gerade als Laien im Tauchbereich? „Aliens der Meere“ versucht allen von ihnen gerecht zu werden, überflutet das Publikum aber mit vergleichsweise vielen Hauptpersonen und Informationen, dass am Ende kaum jemand so wirklich heraussticht oder sich festsetzt. Vielleicht auch deshalb, weil sich alle irgendwie ähneln: Sie alle ziehen großen Wert aus dem Forschungsprojekt, sie alle brennen für ihren Beruf.
Schaut euch den Trailer zu „Aliens der Meere“ an
Und dann ist da eben dieser eine Protagonist, der alle anderen zu überstrahlen droht: Cameron selbst. Sein Co-Regisseur Steven Quale („Renegades – Mission of Honor“) ist ein enger Freund des Filmemachers, seine beiden Brüder sind Teil der Mission als Ingenieur und als Pilot eines Unterseeroboters. Cameron bemüht sich seinen Mitprotagonisten Raum zu geben, bleibt aber letzten Endes doch der Promi im Raum, das Gesicht, an das sich das Publikum binden mag. Und wenn gleich zu Beginn der Mission das Gestell kaputtgeht, das die U-Boote ins Wasser hieven soll, dann ist es James Cameron, der die ganze Nacht über wachbleibt, ein langes Memo schreibt und eine Alternativlösung findet. Das lenkt natürlich noch mehr Aufmerksamkeit und Prestige auf ihn, selbst wenn es den Tatsachen entsprechen mag. Denn schwer zu glauben ist dies angesichts von Camerons sonstiger Technikfixiertheit und seinem berühmt-berüchtigten Perfektionismus nicht – schließlich gibt es genug Anekdoten wie jene, dass er die „Titanic“-VFX-Crew dadurch in den Wahnsinn trieb, dass er jeden falsch eingefärbten Pixel in den Effekt-Shots reklamierte.
Das Highlight des Films ist natürlich nicht Cameron, sondern die titelgebenden Tiefseegeschöpfe. Und davon gibt es dann leider weniger zu sehen als erwartet. Immer wieder tauchen sie auf, mal kann man jene Fische und Tiere bestaunen, die man sonst nur aus Biologiebüchern kennt, auch wenn das Spektrum eher klein bleibt. Schließlich ging es bei der Expedition ja weniger um Einblicke in die Fauna und mehr um die generellen Voraussetzungen für Leben unter diesen Bedingungen, weshalb man auch weniger faszinierende Kleintiere oder einfach nur Gesteinsformationen sieht. Natürlich sind die Unterwasserlandschaften immer noch imposant anzuschauen, zumal Cameron und die NASA einen großen technischen Aufwand betrieben haben, egal ob es um U-Boote, Equipment oder Kameratechnik geht. „Aliens der Meere“ zaubert teilweise schon beeindruckende Bilder auf die Leinwand, aber doch weniger als gedacht.
Das liegt auch an der Herangehensweise, gerade man „Aliens der Meere“ beispielsweise mit „Atlantis“ von Luc Besson vergleicht. Zwei große Actionregisseure mit Begeisterung fürs Tauchen drehen Filme über ihre maritime Passion, doch wo Besson das Ganze fast ohne Off-Kommentar, musikalisch und assoziativ angeht, da ist Cameron technisch und enzyklopädisch. „Aliens der Meere“ will alles erklären, liefert Infos zu den Protagonisten, zum Equipment, zum Tiefseetauchen, zu den geplanten Space-Missionen, damit auch jedes Thema erläutert wird. Es gibt Szenen an Bord, 3D-Visualisierungen und jede Menge Material abseits der Tauchgänge. Doch genau dadurch verliert die Doku auch an Fokus, als habe man sich zu viel für etwas mehr als 90 Minuten Film vorgenommen. Im Spielfilm ist James Cameron ja sonst in der Regel ein Erzähler, der gut auf den Punkt kommt, in dieser Doku gelingt ihm das nicht. Und dass der Mann für Science Fiction vom Kaliber von „Aliens“, „Abyss“ und „Terminator“ plus Fortsetzung einen möglichen Kontakt von Außerirdischen und Menschen am Filmende als schlimmen Erich-von-Däniken-CGI-Kitsch visualisiert, das ist schon ein hartes Brot.
„Aliens der Meere“ liefert mit seinem technischen Aufwand schon einige beeindruckende Unterwasseraufnahmen und ist ein gut gemeintes Unterfangen, denn Umsetzung jedoch nicht mit den Ambitionen mithält. In dem Versuch alles zu erläutern und möglichst viel Kontext zu geben verliert das Ganze seinen Fokus, zumal man weitaus weniger Unterwasserfauna zu sehen bekommt, als man angesichts des Titels erwarten würde.
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„Aliens der Meere“ ist in Deutschland bei Walt Disney/Buena Vista auf DVD erschienen, ungekürzt ohne Alterbeschränkung freigegeben. Als Bonusmaterial gibt es Trailer. Da die DVD out of print ist und teilweise für horrende Summen verkauft wird, ist Streaming eine Alternative: Bei Disney+ ist er im Abo enthalten, bei Plattformen wie Amazon, YouTube oder AppleTV+ gibt es ihn kostenpflichtig.
© Nils Bothmann (McClane)
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