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Atomic Eden

Originaltitel: Atomic Eden__Herstellungsland: Deutschland, USA, Ukraine__Erscheinungsjahr: 2018__Regie: Nico Sentner__Darsteller: Fred Williamson, Mike Möller, Hazuki Kato, Everett Ray Aponte, Lorenzo Lamas, Wolfgang Riehm, Nico Sentner, Dominik Starck, Josephine Hies, Jens Nier u.a.
Atomic Eden von Nico Sentner deutsches Cover

“Atomic Eden” bietet ballerlastige Krautploitation – also Exploitation aus Deutschland.

Nico Sentner wurde 1982 hinter dem Eisernen Vorhang in Quedlinburg geboren und drehte in seiner Kindheit immer wieder kleine Filmchen. 2000 machte er sich mit seiner Werbefirma selbstständig, hegte allerdings noch immer den großen Wunsch, im Bereich Film durchzustarten. 2005 gelang ihm mit dem Kurzfilm „Dark Legacy“ ein erster Achtungserfolg, der sogar in den Saaten mit Anerkennung bedacht wurde.

Es folgten weitere Kurzfilme und als Produzent brachte er unter anderem „Street Gangs“ und „Sin Reaper“ auf den Weg. 2015 schickte er sich dann an, sein Langfilmdebüt zu inszenieren. „Atomic Eden“ sollte es heißen und basierte auf einer Kurzgeschichte Sentners. Mit einem ultrawinzigen Budget, vielen langjährigen Wegbegleitern, seiner eigenen Mutter als Catering-Chefin für teils bis zu 200 Leute und Hollywood-B-Prominenz ging es ans Werk. Und dieses erzählt folgende Geschichte.

Stoker ist ein alter Hase im Söldnergeschäft. Doch eines wurmt ihn: Seit sein bester Kumpel vor Jahren von einem feigen Lump umgenietet wurde, versucht er dem Mörder die Hammelbeine langzuziehen, doch er wird seiner nie habhaft. Da ereilt ihn eines Tages ein Hinweis: Der Mörder sei in Tschernobyl gesichtet wurden. Eilig stellt Stoker ein Team zusammen, um den Mörder dingfest zu machen. Darunter beispielsweise auch die Tochter seines ermordeten Freundes.

In Tschernobyl kann das Team um Stoker den Mörder zwar stellen, doch urplötzlich tauchen in weiße Overalls gekleidete Kerle in gefühlter Heeresstärke auf und beginnen Stoker und Co. zu belagern. Stoker beginnt schnell zu ahnen, dass die Kerle nicht wegen seiner persönlichen Vendetta vor Ort sind. Vielmehr scheint in den Ruinen der alten Fabrik, in der er und seine Kameraden eingeschlossen sind, ein finsteres Geheimnis zu lauern…

Schaut in “Atomic Eden” mit Mike Möller hinein

„Atomic Eden“ ist per se ein schwierig zu bewertender Film. Es gibt wirklich viel, das für ihn spricht. Als Actionfan fühlt man sich von dem grundlegenden Genremix aus Söldnerfilm und Belagerungsaction im „Assault on Precinct 13“-Stil absolut verstanden. Die aufgefahrenen, vor Klischees beinahe nicht mehr laufen könnenden Figuren, die in ihrem ganzen Gestus und Habitus vollkommen im Actiongenre verortet sind, zeugen vom Sachverstand der Macher. Auch die schnell zur Sache kommende Story trägt ihren Teil dazu bei, dass sich „Atomic Eden“ als Actioner nicht wirklich falsch anfühlt.

Und last but not least hatte endlich mal wieder jemand die Eier und ist im No-Action-Country Deutschland „All In“ gegangen. Das würdigt viel Anerkennung ab. Und man merkt auch an diversen Szenen, dass hier ein Traum für die Macher wahr wurde. All das kann man Nico Sentner und Co. nicht mehr nehmen. Und das will ich auch nicht. So richtig rund läuft „Atomic Eden“ aber bei allem Wohlwollen dennoch nicht.

Atomic Eden mit Fred Williamson

Fred Williamson hat als Stoker viel Spaß in “Atomic Eden”.

Man merkt dem Film an vielen Stellen an, dass er ein Erstlingswerk ist. Der Film verliert immer mal wieder an Zug und Tempo. Die Story mutet vor allem zu Beginn zu dünn an, um den Film über die Ziellinie zu bringen. Die Erweiterung der Geschichte gegen Filmmitte ist nett, bringt aber erstaunlich wenig neuen Drive. Vor allem geht den meisten handelnden Figuren spätestens jetzt die antreibende Motivation verloren. Auch Spannung mag nie so recht aufkommen, weil die Gegner zu gesichtslos bleiben und so manches Rumgeheimnisse in Richtung weiterer Storyentwicklung doch heftig verpufft.

Auch in technischer Hinsicht hapert es häufiger. Der cleane Digitallook ist natürlich dem Budget geschuldet, ist aber trotzdem keine Wohltat für die Augen. Die Musik tönt etwas eintönig daher. Die Kameraarbeit hätte gerne deutlich dynamischer ausfallen dürfen und ein geübterer Cutter hätte „Atomic Eden“ sicherlich um den einen oder anderen arg langsamen oder auch repetitiven Moment erleichtert.

Atomic Eden mit weiß gekleideten Lumpen

Die Lumpen greifen in hoher Zahl an!

Darstellerisch geht „Atomic Eden“ vor allem in den Hauptrollen absolut in Ordnung. So sieht man Fred Williamson („Check Point“) als Stoker in jeder Szene an, dass er einfach riesigen Spaß hat. Er wuchtet sich cool und lässig durch den Film und macht mit seinen weit über 70 Lenzen einen erstaunlich fitten Eindruck. Auch Mike Möller („Ultimate Justice“) passt hervorragend in die Chose. Als maulfauler Superkicker sorgt er ohnehin für die spektakulärsten Momente. Eine Schau ist auch Everett Ray Aponte als Texaner Darwin, der meiner Meinung nach am meisten verstanden hat, in was für einer Art Film er hier unterwegs ist. Mit viel Lust am hemmungslosen Overacting entwirft er einen grandios tumben Helden, der diverse Szenen stehlen darf.

Die beiden Ladys im Cast sind echt lecker anzusehen, aber leider muten weder Hazuki Kato noch Josephine Hies in ihren Rollen wirklich glaubhaft an. Vor allem ersterer wird obendrein durch eine irre steife Synchronisation in der ansonsten gelungenen deutschen Fassung – gedreht wurde in Englisch, um „Atomic Eden“ besser ins Ausland verkaufen zu können – richtig krass das Genick gebrochen. Manch anderer Darsteller hat viel zu wenig Screentime und Lorenzo Lamas („Viper“) ist in seinem Kurzauftritt zwar eine nette Dreingabe, legt aber einen reichlich unpointierten Auftritt hin.

Atomic Eden mit Mike Möller

Mike Möller sorgt für die aufregendsten Actioneinlagen.

Wie es in Sachen Action ausschaut? Ordentlich. Das Highlight des Filmes steigt ungefähr nach 25 Minuten. Hier greifen die konsequent hinter Atemschutzmasken versteckten, weiße Overalls tragenden Belagerer das erste Mal an und Sentner und Co. lassen es richtig krachen. Das Blut spritzt dekorativ über die weißen Overalls. Dabei darf es einige Male mehr als nur anständig suppen. Es dominieren Shootouts, bis Mike Möller leer geschossen ist. Dann dreht der Kampfsportfloh richtig auf! Zeigt die von ihm gewohnten, teils extrem spektakulären Attacken, die richtig reinhauen. Die Actionszene hat zudem eine gute Länge und einen mehr als beachtlichen Bodycount.

Szene zwei steigt ungefähr um Minute 60 herum. Spielt bei Nacht und vernachlässigt leider Mike Möller. Seine Szenen, die er wie gewohnt selbst choreografierte, haben einfach eine Wahnsinnsdynamik. Diese bekommt Nico Sentner in seinen Shootouts nicht so gut dupliziert. Zudem ist er bei der nächtlichen Attacke ein wenig zu verliebt in seine spektakulär anzusehenden, brennenden Stuntmen, die hier volles Risiko gehen. Irgendwann hat man dann aber doch das Gefühl, dass es nun genug ist, mit der Zelebrierung. Das ist dann aber Meckern auf hohem Niveau.

Atomic Eden mit Everett Ray Aponte

Everett Ray Aponte als Sprüchemaschine Deluxe!

Das Finale ist im Vergleich zu den beiden vorhergehenden Szenen leider ein kleiner Downer. Anstelle noch größer zu werden, schraubt Regisseur Nico Sentner den Spektakelanteil gefühlt sogar zurück. Sein Showdown wirkt seltsam zerfahren und sobald „Atomic Eden“ auch nur ansatzweise von dem Fight Mike Möller versus Goliath weggeht, verliert er den Zuschauer. Einfach weil an den anderen Schauplätzen nichts Spektakuläres geschieht. Zum Ende hin misslingen dem Film zunehmend auch die Heldentode. Hier wird der Film dann in seiner Dramaturgie etwas holprig.

Der Traum vom eigenen Actionfilm wird wahr: “Atomic Eden”

Was am Ende bleibt, ist ein Film, den man ob seiner Schwächen mühelos in Grund und Boden stampfen könnte. Doch man sollte immer auch im Hinterkopf behalten, dass hier mit No Budget ein Erstlingswerk in einem in Deutschland nicht zwingend hofierten Genre geschaffen wurde. Und spätestens dann erfüllt „Atomic Eden“ eigentlich die meisten seiner Schuldigkeiten:

Es gibt zu kichern (mal von „Atomic Eden“ beabsichtigt, mal nicht). Mike Möller lässt bei seinen Auftritten die Kinnladen gen Boden sacken. Der Bodycount passt. Die stets handgemachten Effekte verzücken. Das aufgefahrene Stuntpersonal sorgt für beeindruckende Massenszenen und einige fette Stunts. Fred Williamson gibt einen coolen Helden und die Damen im Cast schmeicheln dem Auge schon gehörig. Was will der Actionfan mehr?

Den fettesten Respekt gibt es allerdings erneut für das bloße Wagnis, sich selbst den Traum vom eigenen Actionfilm zu erfüllen. Und wie meinte Fred Williamson auf der „Atomic Eden“-Kinotour beim Signieren meines Mediabooks zum Film nur: „Das war erst der Anfang. Der nächste Film wird besser. Und der darauf noch besser. Die Reise von Nico Sentner ist noch lange nicht zu Ende…“ Drücken wir die Daumen, dass da noch ein paar Kracher nachkommen. Nico Sentners Debüt kann sich in jedem Fall schon einmal sehen lassen.

6 von 10

„Atomic Eden“ kann aktuell in einer Mediabook-Version von der „Generation X Group GmbH“ unter anderem bei Amazon erworben werden. Dieses enthält den Film auf DVD und Blu-ray, mit einer FSK 16 Freigabe ungeschnitten.

In diesem Sinne:
freeman

Was meint ihr zu dem Film?
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Copyright aller Filmbilder/Label: Generation X Group GmbH__Freigabe: FSK 16__Geschnitten: Nein__ Blu-ray/DVD: Ja/Ja

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