Mit „Deep Water“ kehrt „Deep Blue Sea“-Regisseur Renny Harlin zum Haifilm zurück. In dem Mix aus Survivalthriller und Tierhorror stürzt ein Flugzeug auf dem Weg von Los Angeles nach Shanghai ab. Beim Warten auf Rettung attackieren Haie die Überlebenden, mit Aaron Eckart als Co-Pilot und Held wider Willen als Protagonist.
| Originaltitel: Deep Water__Herstellungsland: USA/China/Spanien/Neuseeland__Erscheinungsjahr: 2026__Regie: Renny Harlin__Darsteller: Aaron Eckhart, Ben Kingsley, Angus Sampson, Lucy Barrett, Molly Belle Wright, Li Wenhan, Rosie Zhao, Richard Crouchley, Rob Kipa-Williams, Mark Hadlow, Lakota Johnson, Madeleine West u.a. |
Auch mehr als 50 Jahre nach „Der weiße Hai“ sind die Raubfische als Bedrohung im Tierhorror nicht weniger populär, von Studioproduktionen wie „The Shallows“ über B-Pictures wie „Deep Fear“ bis zu Asylum-Schlonz. Dass sich mit Renny Harlin ein früherer Hollywood-Regisseur, der unter anderem „Deep Blue Sea“ drehte, mit „Deep Water“ des Genres annahm, ließ immerhin aufhorchen.
Es beginnt mit einem Linienflug von Los Angeles nach Shanghai, mit einer Einführung aller Hauptfiguren vor dem Start und zu Beginn des Fluges. Die prominentesten Charaktere, gespielt von den prominentesten Darstellern, sind der leichtfüßige, erfahrene Hallodri-Flugzeugcaptain Rich (Ben Kingsley) und sein Co-Pilot Ben (Aaron Eckhart), der sich in die Arbeit stürzt, um nicht nach Hause gehen und mit der schweren Erkrankung seines Sohnes umgehen zu müssen. Nicht weniger archetypisch ist der Rest des Figureninventars, darunter patente Stewardessen, eine Patchwork-Familie mit Knatsch zwischen der Tochter und neuen Stiefmutter, eine US-Sportmannschaft und ein chinesisches E-Sport-Team, die sich direkt am Flughafen in die Haare kriegen, und natürlich das ultimative Arschloch von einem Passagier in Form von Dan (Angus Sampson), der schon am Flughafen als ungehobelter Kettenraucher, der sich nicht um Vorschriften schert, eingeführt wird.
Es wundert kaum, dass genau dieser Arschkrampen mitverantwortlich für die aufziehende Katastrophe ist, die so gut wie jedes Klischee aus den „Airport“-Filmen aus den 1970ern und deren Epigonen in modernen verarbeitet. Dan packt eine eingeschaltete Powerbank mit defektem Kabel in den Koffer, am Sicherheitsscanner schaut der zuständige Mitarbeiter gerade nicht hin und übersieht die Sicherheitswarnung, Ben überspringt seinen Systemcheck vor dem Abflug aus Zeitgründen. Eine dieser typischen Katastrophenfilm-Kettenreaktionen, welche die Glaubwürdigkeit arg strapaziert, aber irgendwie auch sein muss, damit das Szenario so kommen kann, wie es das Drehbuch benötigt. Ergo entsteht ein Brand im Frachtraum, der sich nicht löschen lässt und durch weitere Kettenreaktionen schließlich zum Crash des Flugzeugs im Ozean führt.
Von den 257 Passagieren ist danach ein Großteil nicht mehr am Leben, auch wenn ein Korallenriff einige Bruchstücke des Flugzeugs stabilisiert. Während die Überlebenden auf Hilfe warten, sammeln sich im Wasser Haie, die nach Leichen ebenso schnappen wie nach lebenden Menschen…
Schaut euch den Trailer zu „Deep Water“ an
Angesichts der Inflation von Haifilmen ist es schwer im Genre noch was Neues zu erzählen, weshalb man von „Deep Water“ keine Originalität erwarten sollte, zumal die Flugzeugabsturz-plus-Haie-Prämisse frappierend an den zwei Jahre älteren „No Way Up“ erinnert. Da wundert schon, dass gleich vier Hauptdrehbuchautoren (darunter „Killing Ground“- und „No Exit“-Macher Damien Power) für diese Ansammlung an Klischees und Stereotypen verantwortlich waren, plus zwei Extra-Schreiber für die chinesische Charaktere und Subplots. Denn wie bei vielen Renny-Harlin-Filmen der letzten Jahre kommen nicht unerhebliche Teile des Budgets aus China, weshalb nicht nur ein chinesischer Kutter voller aufopferungsvoller Fischer die Rettung bringt, sondern sich ein Subplot zudem um den „Keyboard Captain“ Sam (Li Wenham) und die ausgesprochene Liebe zu seiner Teamkameradin Lilly (Rose Zhao) dreht. Wie dieser wohl ausgeht, kann man schnell erraten, so wie auch alle anderen Figuren oft nur Genreklischees erfüllen. Allen voran Oberarschloch Dan, dessen Charakterisierung teilweise dermaßen drüber ist, dass es fast schon an eine Parodie grenzt: In jeder noch so unpassenden Situation will er sich eine Fleppe anzünden, gibt ständig anderen die Schuld, verliert den Peilsender für den Notruf usw. usf.
Zudem kann sich „Deep Water“ nicht ganz entscheiden, ob es denn nun ein Survivalthriller mit Haien oder doch eher klassischer Horror ist. Mal führen die Biester relativ realistisch nur Testbisse bei Gliedmaßen im Wasser durch, manchmal stürzen sie sich dagegen regelrecht monströs auf ihre Ziele. Das CGI der Raubfische ist eher Mittelklasse, weshalb Harlin sie dankbarerweise nicht zu ausgiebig zeigt, wobei sie im Wasser meist besser aussehen als beim Sprung heraus. Vieles andre ist handgemacht, Teile des Films wurden in einem Wassertank gedreht, der bisweilen nach Studiokulisse aussieht, aber immer noch durchaus was her macht. Man sieht, dass Harlin hier bessere Mittel als die Macher vieler anderer aktueller Haifilme zur Verfügung hatte, etwa bei der Absturzsequenz mit einigen Stunts in einem Flugzeug-Interieur-Set.
Besagter Absturz ist ein erstes Highlight des Films. Nicht ganz so zurückgenommen wie vergleichbare Sequenzen aus „The Grey“ und „Plane“, aber auch nicht komplett übertrieben auf Budenzauber und Schauwerte ausgelegt: Die Arbeit der Piloten, um die Katastrophe zumindest zu mindern, die Gefahr durch umherfliegende Teile im Passagierraum, die Überlebenswichtigkeit des Anschnallens, als klassisches Katastrophenfilmklischee natürlich auch die vom Wind inklusiver schreiender Passagiere rausgerissene Sitzbank. Später gibt es das Schwimmen im haiverseuchten Wasser, sei es durch Unwissen oder durch Notlage, das Ausharren auf Wrackteilen, die Rettungsaktionen, und als vergleichsweise unverbrauchten Plotstrang die Geschichte einiger Überlebender, die in einer Luftblase in einem Wrackteil unter Wasser ausharren. In einem Dialog spielt eine der Figuren auf das ähnliche Szenario im Klassiker „Die Höllenfahrt der Poseidon“ an, ein weiteres Zitat sind Airline und Nummer des Unglücksflugs, direkt aus Harlins „Stirb langsam 2“ übernommen. Und wie in jenem Film ist eine einsame Babypuppe Sinnbild des Flugzeugunglücks.
Doch die Zitate sind dezent gesetzt, ohne gewolltes Augenzwinkern, und meist funktioniert „Deep Water“ als klischeehafter, aber kompetent gemachter Survivalfilm mit Haien. Das Tempo stimmt, die Ruhepausen zwischen den Haiangriffen sind da, aber nie zu lang. Und so archetypisch die Figuren auch sein mögen, so kann Harlin durchaus Mitgefühl mit ihnen erzeugen. Manche sind reines Haifutter, bei anderen ist der Tod tatsächlich als schmerzhafter Verlust inszeniert. Manche Genreregel wird nicht gebrochen (Kinder sterben zu lassen ist tabu), doch dadurch, dass es nur zwei bekannte Namen im Cast gibt, kann die Frage des Überlebens oder Sterbens bei einigen Figuren durchaus überraschen, denn es gehen auch manche Sympathieträger drauf. Die Inszenierung des Überlebenskampfes ist kompetent, Oberflächenspannung in Einzelszenen ist immer gegeben sowie einige Actionschauwerte wie ein mittels Leuchtpistole erlegter Hai.
Da verzeiht man „Deep Water“ auch so manche Grobschlächtigkeit im Plot. Die Heldenopfer kommen natürlich genau von jenen Figuren, von denen man es erwartet. Die Feindschaft zwischen dem US-Rabauken und dem chinesischen Team-Captain kommt von ihrem Höhepunkt übertrieben schnell zur Versöhnung, doch Harlin kann dies ganz putzig umsetzen, wenn ausgerechnet der frühere Rivale dem schüchternen Tastaturhelden den entscheidenden Rat gibt. Eine Helikopterszene gegen Ende scheint in der Form auch nur eingebaut zu sein, um noch für mehr Drama zu sorgen, auch wenn sie die Glaubwürdigkeit bisweilen arg strapaziert.
Aaron Eckart, der auch schon in Harlins „The Bricklayer“ die Hauptrolle spielte, schlägt sich als zupackender Pilot recht wacker. Sicher muss er hier kein Oscar-Material spielen, doch den Helden wider Willen, der durch die Katastrophe neuen Mut fasst und sein Trauma erwartungsgemäß überwindet, verkörpert er überzeugend. Ben Kingsley („The Killer’s Game“) supportet solide als altgedienter Pilot, der ebenso erwartungsgemäß das erste Heldenopfer des Films bringt. Der Rest vom Fest ist okay, füllt seine Standardrollen funktional bis sauber aus ohne Akzente zu setzen, auch wenn Angus Sampson („Furiosa: A Mad Max Saga“) bisweilen etwas drüber wirkt, was aber auch an der Ansammlung an Arschlochklischees in seiner Figur liegen mag.
„Deep Water“ hat kaum einen Funken Originalität in den Knochen, ist in Sachen Plot und Charaktere archetypisch bis klischeehaft, wird von Renny Harlin im Rahmen der vorhandenen Möglichkeiten allerdings recht kompetent inszeniert. Es gibt immer wieder Schauwerte und spannende Passagen, die Figuren sind trotz aller Klischees nicht vollkommen egal und das Tempo stimmt. Mit „The Shallows“ oder „Beast of War“ hat der Haihorror in der jüngeren Vergangenheit schon Besseres hervorgebracht, aber „Deep Water“ lässt nicht nur manches B-Movie, sondern auch die beiden Netflix-Beiträge „Im Wasser der Seine“ und „Thrash“ hinter sich.
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In Deutschland ist „Deep Water“ bisher noch nicht veröffentlicht worden. In Großbritannien ist er bei Signature Entertainment auf DVD und Blu-Ray erschienen, ungekürzt ab 15 Jahren freigegeben.
© Nils Bothmann (McClane)
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