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Der Leuchtturm

Originaltitel: The Lighthouse__Herstellungsland: Kanada / USA__Erscheinungsjahr: 2019__Regie: Robert Eggers__Darsteller: Robert Pattinson, Willem Dafoe, Valeriia Karaman

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Cover

Das Cover für die Heimkino-Veröffentlichung von “Der Leuchtturm”.

Ein dunkler Fleck im Nebel. Es handelt sich um einen Leuchtturm, betrachtet aus der Ferne. Das wackelnde Trugbild eines verschwommenen Zielpunkts, den es zu erreichen gilt. Quadratisches Schwarzweiß, eine äußerst exzentrische Wahl für das Bildformat, manifestiert sich anfangs noch als breiiges Durcheinander aus Filmkorn und Unschärfe, übertüncht vom ohrenbetäubenden Tosen des Meeres. Die Kamera sucht aber schon bald den Kontrast. Vom feingranularen Chaos der Eröffnung wird in eine synchrone Anordnung gewechselt: Das Boot zentrisch von der hintersten Bank abgefilmt, das Ziel dabei in der Bildmitte, formen die mit dunklen Mänteln versehenen Rücken der beiden Leuchtturmwärter zur Linken und zur Rechten die neue Einstellung zu einem beruhigenden Muster der Dualität.

Auf der Insel dann angekommen, verharren Willem Dafoe und Robert Pattinson einen Moment lang in voller Montur auf dem felsigen Außengelände und schauen direkt in die Kamera. Sie posieren regelrecht, nehmen Haltung ein; allein das Lächeln fehlt. Ein Moment von erschreckend dokumentarischem Charakter, als würde man gerade ein verwittertes Fotoalbum durchblättern. Zum eigenen Unbehagen stellt man fest, dass sich in den Augen der fotografierten Männer nicht etwa abenteuerliche Vorfreude spiegelt, sondern eine grauenhafte Vorahnung.

Leuchtturm

Zwei Leuchtturmwärter und ihr Büro.

Chaos und Ordnung wechseln also die Plätze wie die Gezeiten, um am Ende des Kreislaufs reine Leere in Aussicht zu stellen. Die ersten Minuten von „Der Leuchtturm“ sollte man sich ganz genau einprägen, denn sie sind richtungsweisend für alles Weitere.

Robert Eggers bleibt dem Thema der Selbstzerfleischung isolierter Kleinstgemeinschaften treu, die er bereits mit „The Witch“ erkundete. Für seinen zweiten Film schnürt er den Handlungsrahmen sogar noch enger ein, so eng wie nur irgend möglich. Alles, was ihm zur Verfügung steht, ist die Gischt, die auf Stein spritzt und der Turm selbst, der sich dominant über das schmale Gelände erhebt, es an Volumen sogar überragt. Dazu zwei Männer, einer vom Mars, der andere von der Venus. Und wer auf einer Leuchtturminsel einen Film dreht, kommt nicht umhin, den Leuchtturm als symbolische Instanz zu umarmen mit allen Eigenschaften, die ihm gemeinhin zugeschrieben werden. Der Turm ist der Navigator, der die Richtung weist, er ist das Fundament, das Sicherheit vermittelt, er ist der Phallus, dessen Spitze lächerlich hoch in den verhangenen Himmel ragt. Überstrapazierte Lesarten, um die auch Eggers nicht herum kommt, denn auf der anderen Seite der Insel befindet sich ja bloß wieder der gleiche Turm, nur von der anderen Seite aus betrachtet.

Trinken

Alkohol als Trost gegen die Einsamkeit.

Dass es dem Drehbuch darum geht, die einsamen Seelen fernab der Zivilisation schleichend in die Arme des Wahnsinns zu treiben, ist natürlich nichts, woraus der Film oder seine Vermarktung ein Geheimnis machen würden. Wenn man nicht sowieso durch das unheilvolle Grollen der Soundkulisse gewarnt ist oder durch den von Gaslampen verzerrten Schattenwurf mit seinen expressionistischen Linien aus längst vergangenen Tagen der Filmgeschichte, dann sollte doch zumindest ein Licht aufgehen, wenn man die Variablen Zeit, Alkohol und Einsamkeit miteinander kombiniert.

Allerdings widersteht Eggers der Versuchung, den dramaturgischen Berg des schleichenden Verfalls geradlinig bis zum Gipfel zu besteigen. Schon die ungehindert ausströmenden Flatulenzen Thomas Wakes (Willem Dafoe, “Aquaman“) sorgen frühzeitig für gewaltige Irritationen im Spannungsaufbau. Mindestens ebenso sehr wird die Zufuhr an reiner, dichter Atmosphäre durch seine Redseligkeit und Wortgewandtheit gestört, die für wenigstens für einen alten Seebären bemerkenswert ist. Das Produktionsdesign peitscht unaufhörlich Düsternis an die Innenseite der Leinwand, Robert Pattinsons (“Die versunkene Stadt Z“) unterkühltes Spiel passt sich der offensichtlichen Stimmung an. Doch solchen Konventionen möchte sich Dafoe nicht beugen. Während lupenreine Horrorfilme nicht umsonst auf Wortkargheit setzen, lässt er seine Wörter nicht anders als seine Darmwinde walten, angereichert mit blumigen Metaphern und verkettet durch Alliterationen, die sich in mancher Szene ins Fanatische steigern können, getrieben von einem Druck, der in seinem Inneren entsteht. Dafoes verzerrtes Gesicht wird in solchen Momenten wie eine Stummfilm-Fratze ausgeleuchtet, deren aufgerissene Augen den Betrachter in Hypnose versetzen, während unterhalb der Mund weiter regungslos seinen Prosa-Fluss verbreitet. Man möchte an Dafoes Darbietung aus „Shadow of the Vampire“ denken, wenn man sich in den grellweißen, von Schatten umspielten Augen verliert; nimmt man dabei noch den Hall seiner Worte wahr, vermischt sich das Vampirische mit dem Nachhall von Kapitän Ahab, spricht er doch vom Licht im Turm mit der gleichen Obsession, die Ahab für den weißen Wal hegte.

Willem Dafoe

Willem Dafoe zeigt einmal mehr eine ungeheuerliche Präsenz.

Das Normale verwandelt sich also nicht einfach in den Wahnsinn durch eine simple Steigerung der Intensität; regelmäßig wird Druck aus dem Ventil gelassen, was es dem Zuschauer schwer macht, die jeweils aktuelle Intensität des Wahnsinns zu bemessen. Was in einem Moment als Schreckgespenst in Erscheinung tritt, kann in anderer Ausleuchtung zum kümmerlichen Schwächling schrumpfen, der erbarmungslose Tyrann vom Mittag wird zum geselligen Kumpan am Abend. Unaufhörlich rollen die Gezeiten, und trotz gelegentlicher Ausblicke auf das nackte Grauen in Form von Tentakeln, Meerjungfrauen und Leichenteilen ist „Der Leuchtturm“ auf dem besten Wege, das Horrorfilm-Etikett abzustreifen und zum geschlechtslosen Genre-Neutrum zu mutieren.

So gesehen teilt er im Aufbau viele Eigenschaften mit Aronofskys filmischer Eskalation „Mother!“, der ebenfalls kein echter Horrorfilm war und dennoch Unaussprechliches unter der Oberfläche trug, das er aus menschlichen Ängsten und Sehnsüchten extrahierte. Eggers wendet vergleichbare Methoden an wie Aronofsky, um das rationale Gefüge sukzessive einzureißen: Er streut Parallelen ein zwischen Pattinsons Charakter und dessen totem Vorgänger, er spielt mit Identitäten, ohne es dabei auch nur ansatzweise auf einen banalen Plottwist abgesehen zu haben. Selbst die Prämisse erscheint ähnlich: Zwei Menschen ziehen sich in die Stille der Abgeschiedenheit zurück, wo sie im Umgang miteinander zu einer Grenzerfahrung gezwungen werden. Dass es diesmal zwei mutmaßlich heterosexuelle Männer sind, die wochenlang miteinander ausharren müssen, ändert nichts am Thema der zwischenmenschlichen Intimität, was Eggers mit diversen homoerotischen Subtexten unmissverständlich unterstreicht. So wird die Zeit auf der Insel zur Allegorie für das Modell häuslichen Zusammenlebens fernab der öffentlichen Gesellschaft, mitsamt aller zugehörigen Rollendynamiken: Wenn sich die beiden Männer darum streiten, wer sich um das Licht in der Spitze des Turms kümmern darf, geht es durchaus auch um die Übernahme der Führung in einer Beziehung. Eine permanente Verlagerung sadomasochistischer Dominanzverhältnisse.

Robert Pattinson

Robert Pattinson mag keinen Tintenfisch.

Anders als „Mother!“ zirkuliert „Der Leuchtturm“ ab einem gewissen Punkt jedoch um die eigene Achse. Die großzügig eingesetzte Einstellung der Wendeltreppe im Turm gerät zum Sinnbild für eine redundante Abfolge von Tagen und Nächten, Arbeits- und Ruhephasen, Nüchtern- und Betrunkenheit, Exzess und Erholung. Während sich das Szenenbild des Wohnbereichs ohne Unterlass der Verwüstung öffnet, scheint die Charakterentwicklung schon in dem Moment zu beendet zu sein, da sich die Beiden auf das gemeinsame Trinken geeinigt haben. Es scheint so, als sei den Figuren schon bald nichts mehr von Bedeutung, was über eine einzelne Szene hinausginge. Als Folge winkt die Konjugation der immer gleichen Konflikte.

Um diesen infiniten Regress zu brechen, bringt Eggers irgendwann einen harten Schnitt in den Ablauf, um doch noch die unausweichliche Katharsis walten zu lassen. Der Schnitt erscheint willkürlich gesetzt, ebenso gut hätte man ihn zwanzig Minuten später oder früher ansetzen können. Er hinterlässt einen gestellten Schlussakkord mit Bezug zur griechischen Mythologie, so bedeutungsvoll in Pose gelegt wie ein Kirchenfresko (derartige Momente gibt es noch ein, zwei weitere im Film). Und doch hinterlässt das elliptische Gewühl in Metaphern und Symbolen einen nachhaltigen Eindruck aufgrund seiner vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten, getragen von einem sehr guten Robert Pattinson und einem phänomenalen Willem Dafoe.

7 von 10

Informationen zur Veröffentlichung von “Der Leuchtturm”

“Der Leuchtturm” startete am 29. November 2019 in den deutschen Kinos. Am 3. April folgte die Veröffentlichung auf Blu-ray und DVD. Grundlage dieser Besprechung ist die Blu-ray. Diese kommt im Standard-Amaray-Case mit Wendecover und hat neben dem Hauptfilm noch ein paar Extras an Bord: Dazu gehören zwei kurze unveröffentlichte Szenen (“Die Küche schrubben” und “Yound beim Umziehen”) sowie ein insgesamt 38-minütiges Making Of in drei Kapiteln. Außerdem hat Robert Eggers einen begleitenden Audiokommentar eingesprochen. Bei Sprachen und Untertiteln gibt es reichlich Auswahl: Neben der englischen und deutschen Fassung lässt sich außerdem Spanisch und Französisch anwählen, ferner eine Audiodeskription. Untertitel werden in 13 verschiedenen Sprachen angeboten.

Sascha Ganser (Vince)

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