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Fast Food Nation

Originaltitel: Fast Food Nation__Herstellungsland: USA/Großbritannien__Erscheinungsjahr: 2006__Regie: Richard Linklater__Darsteller: Greg Kinnear, Ashley Johnson, Catalina Sandino Moreno, Wilmer Valderrama, Ana Claudia Talancón, Bobby Cannavale, Paul Dano, Luis Guzmán, Patricia Arquette, Ethan Hawke, Bruce Willis, Kris Kristofferson, Avril Lavigne, Esai Morales, Lou Taylor Pucci u.a.
Fast Food Nation

Zum Ensemble von Richard Linklaters starbesetzter Abrechnung mit der Lebensmittelindustrie „Fast Food Nation“ gehört auch Bruce Willis

Richard Linklater verfilmte Eric Schlossers Sachbuch „Fast Food Nation“ 2006 als Spielfilm, indem er zusammen mit dem Autor eine Handlung schrieb, im Rahmen derer er sich an den Themen der Buchvorlage abarbeiten konnte.

„Fast Food Nation“ folgt dabei drei Handlungssträngen, die sich allesamt um die Fast-Food-Industrie und deren Mitarbeiter drehen. Auf dem oberen Level befindet sich der Manager und Marketingchef Don Anderson (Greg Kinnear) der Imbisskette Mickey’s, die gerade mit ihrem neuen Hamburger, dem Big One, für gute Verkaufszahlen sorgt. Allerdings behauptet eine unabhängige Studie, dass im Hamburgerfleisch noch Reste von Kuhdung zu finden sind, weshalb sich Don aufmacht um die Herstellungsfirma des Fleisches in dem fiktiven Örtchen Cody in Colorado zu inspizieren. Cody ist der Hauptschauplatz, wo die einzelnen Handlungsstränge größtenteils spielen, sich aber so gut wie nie überschneiden.

Denn alle Beteiligten trennt die soziale Stellung. In Handlungsstrang Nr. 2 folgt man illegalen Einwanderern aus Mexiko, die Jobs in der Fabrik bekommen, ganz zentral Sylvia (Catalina Sandino Moreno), ihrem Mann Raul (Wilmer Valderrama) und ihrer Freundin Coco (Ana Claudia Talancón). Und in Handlungsstrang Nr. 3 sieht man der Schülerin Amber (Ashley Johnson) zu, die sich als Bedienung bei Mickey’s etwas dazu verdient und schließlich ein ökologisches Bewusstsein entwickelt…

Fast Food Nation

Amber (Ashley Johnson) verkauft Hamburger, Don Anderson (Greg Kinnear) vermarktet sie

Richard Linklater ist vor allem bekannt für Filme, in denen man in erster Linie mit den Figuren rumhängt und weniger einer Handlung folgt, darunter „Dazed and Confused“, „Boyhood“ und die „Before“-Trilogie. Und obwohl er auch Anderes, Plotgetriebeneres gemacht hat, scheint er diesem Ansatz in „Fast Food Nation“ nicht ganz untreu werden zu wollen, was leider ein Problem des ambitionierten Films ist. Denn das Kaleidoskop an Eindrücken reißt zwar vieles an, fokussiert sich aber auf kaum etwas so richtig und schweift gerne mal ab – etwa wenn Ambers Onkel Pete (Ethan Hawke) zu Besuch kommt, für ein paar Szenen vorbeischaut, aber wenig zur Handlung, zur Figurenentwicklung oder zur thematischen Ausrichtung des Films beiträgt. So tauchen Charaktere nur für einzelne Auftritte auf, Don ist anfangs die zentrale Figur, verschwindet aber zur Halbzeitmarke fast komplett aus dem Film, wodurch „Fast Food Nation“ etwas Unfokussiertes, Unfertiges hat – denn schließlich geht es hier ja eher um die Zustände in der Industrie als um die Figuren, die auch weniger eindeutig charakterisiert werden als in Linklaters Slackerfilmen.

Dabei besitzt „Fast Food Nation“ durchaus beißendes Potential. Etwa wenn der bemühte Saubermann Don immer mehr mit dem eingefahrenen kapitalistischen System des Billigfleisches konfrontiert sind, dessen Zustände jedem in Cody bekannt sind, auch wenn keiner sie gerne ausspricht – lieber führt man ihn durch blitzblanke Vorführanlagen (und nicht durchs dreckige Schlachthaus), während der Verbindungsmann zwischen Schlachterei und Mickey’s beim gemeinsamen Burgeressen erst höflich ausweicht und relativiert, schließlich aber ganz klipp und klar sagt, dass auch Dons gute Absichten nichts an der Situation ändern werden. Außerdem könne man die Bakterien aus dem Dung ja durch das Erhitzen in der Burgerbraterei abtöten. Solche Spitzen sitzen und sind vor allem in der ersten Hälfte zu finden, auch wenn sich die eine oder andere Plattitüde (z.B. die auf den Burger spuckenden Küchenhilfen) dazwischen findet. Leider lässt das satirische Potential in Hälfte zwei nach und wird allenfalls in einer Szene ausgekostet, in der Amber und eine engagierte Umweltschützertruppe mit einer gut gemeinten, aber nicht gut ablaufenden Aktion an dem System scheitern – nicht mal die Rindviecher als primäre Opfer der Massentierhaltung wollen mitspielen.

Fast Food Nation

Bruce Willis ist zwar nur in einer Szene dabei, die aber dafür so richtig rockt

In Hälfte zwei finden sich dann allerdings immer mehr schockierende Bilder, die zeigen wie die Mexikaner als menschliches Nutzvieh verheizt werden – gerade wenn bei Unfällen in der Fleischfabrik eine temporäre Gleichsetzung zwischen den ungelernten Arbeitern und den verarbeiteten Rindern stattfindet. Auch deren Schlachten sieht man an einer Stelle in größter Deutlichkeit, weshalb man sich fragt, ob ein Dokumentarfilm dem zweifellos brisanten Stoff um Ausbeutung, Lebensmittelskandale und kapitalistisches Profitstreben nicht eher angemessen gewesen wäre. Hier wird man stattdessen mit Einzelaspekten bombardiert, die alles abdecken wollen, teilweise noch verdeutlicht in Figuren wie dem schmierigen Vorarbeiter Mike (Bobby Cannavale), der sich an die mittellosen Arbeiterinnen heranmacht und sie zusätzlich noch mit Drogen versorgt. Drogen halten sowieso so manchen Arbeiter bei den harten Schichten wach, sorgen aber für verhängnisvolle Fehler im Betriebsablauf. Das mag alles Teil des Problems sein, doch irgendwann ist es so viel, dass „Fast Food Nation“ dem Ganzen in seinen rund 108 Minuten Länge gar nicht gerecht werden kann.

Immerhin, so informiert das DVD-Cover stolz, war es den Schauspielern ein persönliches Anliegen an diesen aufklärerischen Film mitzuwirken und selbst wenn das teilweise aus dem Bereich des Marketing-Blablas stammen mag, so ist die Besetzung mit Leib und Seele dabei. Greg Kinnear („Wir waren Helden“) gibt das wohlmeinende, aber machtlose Rädchen im Getriebe, während Bruce Willis („Marauders“) in seinem knackigen Gastauftritt mit Laune zwischen Achselzucken, Angepisstsein und Selbstzufriedenheit den als besagten Verbindungsmann gibt. Die Linklater-Regulars Ethan Hawke („Predestination“) und Patricia Arquette („Charlies Welt“) schauen gut aufgelegt in Nebenrollen vorbei, Luis Guzmán („In the Blood“) setzt als Menschenschmuggler Akzente, auch wenn seine Rolle nicht zwingend nötig für den Film ist. Ashley Johnson („The Avengers“) überzeugt als erwachende Öko-Aktivistin, einen ihrer Kollegen spielt der talentierte, aber hier etwas unterbeschäftigte Paul Dano („Looper“). Gut sind auch die Darsteller der mexikanischen Arbeiter, nur Bobby Cannavale („Ant-Man“) als schmieriger Vorarbeiter bleibt etwas eindimensional. In weiteren Gastrollen sind Poprock-Sternchen Avril Lavigne als Aktivisten-Studentin, Kris Kristofferson („Traded“) als bärbeißiger Farmer und Esai Morales („The Fighters 3“) zu sehen.

„Fast Food Nation“ ist gut gemeinter, toll gespielter Film zu einem wichtigen Thema, der die Probleme von Massentierhaltung und industrieller Nahrungsherstellung teilweise mit satirischem Witz, teilweise mit drastisch-dramatischen Bildern aufzeigt. Leider schwächelt Linklaters ambitioniertes Werk erzählerisch, schwankt zwischen Personendrama (mit eher oberflächlich beleuchteten Charakteren) und Zustandsbeschreibung, bei der zu viele Facetten behandelt als dass er jeder davon wirklich gerecht werden können. Um im Nahrungsmittelduktus zu bleiben: „Fast Food Nation“ beißt leider mehr ab als er kauen kann, allen Vorzügen zum Trotz.

Hierzulande ist der Film bei Senator/Universum auf DVD veröffentlicht worden. Das Bonusmaterial umfasst Trailer ein sehr umfangreiches Making Of sowie kurze Statements von Renate Künast und Sarah Wiener zum Film.

© Nils Bothmann (McClane)

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