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Free Willy – Ruf der Freiheit

Originaltitel: Free Willy__Herstellungsland: Frankreich, USA__Erscheinungsjahr: 1993__Regie: Simon Wincer__Produktion: Richard Donner u.a.__Darsteller: Keiko, Jason James Richter, Lori Petty, Jayne Atkinson, August Schellenberg, Michael Madsen, Michael Ironside, Richard Riehle, Mykelti Williamson, Michael Bacall, Danielle Harris u.a.
Free Willy Ruf der Freiheit

Michael Madsen nimmt “Free Willy” nicht zu wörtlich.

Es hat schon etwas von einem Opfergang, wenn man sich eines Tages dann doch vor die Glotze fläzt, um einen Film zu sichten und zu besprechen, bei dem man eigentlich nie das Bedürfnis hatte, eine von beiden Tätigkeiten tatsächlich mal ausführen zu wollen. Aber wir möchten nun einmal alle Filme von Michael Madsen besprechen. Und dann hat ja auch noch Richard Donner produziert. Von dem wollen wir ja auch alles besprechen. Und da gehört „Free Willy“ nun einmal dazu. Menno, ich will aber trotzdem nicht.

Muss… es… schaffen… irgendwie…

Was mir den Film so sehr verleidet? Ich kann es gar nicht so genau sagen. Als er 1993 in die Kinos kam, war ich mit 15 Jahren eigentlich gar nicht so weit weg von der Zielgruppe. Damals war mir jedoch Michael Madsen total egal. Wale auch. Damals entdeckte ich nach über einem Jahrzehnt hinter dem eisernen Vorhang gerade Action-Recken wie Jean-Claude Van Damme und Arnold Schwarzenegger. Das war vielleicht ein Ritt! Was juckte mich da dieser Wal?

Mehr noch: Der Wal war damals allgegenwärtig. Hunderttausende Orca-Poster in der Bravo und in anderen Jugendgazetten klauten meinen Action-Recken den Platz. Portraits vom jugendlichen Helden starrten einen gefühlt von jeder Seite an. Michael Jacksons „You will be there“, der Song zum Film, plärrte aus allen Radios und blockierte die Charts. Und wenn ich mir vorstelle, es hätte damals bereits die größte Geißel der Menschheit, die sozialen Medien, gegeben, ich glaube, ich wäre dank Wal-Bilderfluten noch traumatisierter gewesen als ohnehin schon.

„Die Simpsons“ waren in meinem Kopf!

Und ich muss ehrlich sagen, dass ich mir angesichts des Trailers zum Film immer einen dieser Cartoon-Momente gewünscht habe, wo der Wal im Flug auf einmal anhält und lotrecht nach unten kracht. Freilich um so den Jungen zu plätten.

Witzigerweise setzten „Die Simpsons“ genau diesen Gag in einer Folge sogar in Szene! Damals habe ich bei dem Gedanken und der Simpsons-Szene noch vorsichtig gelacht. Wollte ja nicht psychopathisch rüberkommen. Allerdings konnte ich da ja auch noch nicht ahnen, welche noch sadistischeren Gedanken ich gegenüber dem Jungen bei Ansicht des Filmes entwickeln würde.

Heute, einen Tag nach der kompletten (ich hatte es schon vorher mal versucht) Erstsichtung, wäre der Tod durch Zerquetschen für Jesse, wie das Balg oder besser die Plage heißt, wahrlich zu human.

Der Trailer zum Wal-Film mit Michael Madsen

Doch der Reihe nach. Alles beginnt mit dem Einfangen von Orca Willy. Fiese Kerle separieren ihn von seiner Wal-Familie und verbringen ihn in ein amerikanisches Kaff, das sich zum einen tatsächlich einen Vergnügungspark mit großem Aquarium und zum anderen einen Wal für darin stattfindende Shows leisten kann. Willy soll das finanziell angeschlagene Aquarium wieder auf den rechten Weg bringen. Doch der denkt gar nicht daran, nach der Pfeife seiner Besitzer zu tanzen und gibt den störrischen Außenseiter.

Den anderen störrischen Außenseiter lernen wir kurz darauf kennen. Jesse heißt er und ist ein Adoptivkind, das munter die Pflegefamilien wechselt, immer wieder ausbüxt und mit Freunden die Umgebung unsicher macht. Ebenjener Jesse wird eines Tages erwischt, wie er das Bassin von Willy mit Graffiti verunstaltet. Jesse, der quasi parallel bei einer neuen Pflegefamilie untergekommen ist, wird dazu verdonnert, das Bassin wieder zu reinigen.

Natürlich treffen kurz darauf die beiden Außenseiter aufeinander und natürlich entsteht sofort eine tiefe Bindung unter Gleichgesinnten. So tief, dass Jesse irgendwann versucht, Willy wieder in die Freiheit zu entlassen. Was auch dringend notwendig ist, denn der Besitzer des Aquariums gedenkt, Willy zu killen und die für ihn abgeschlossene Versicherung zu kassieren.

„Free Willy“ – technisch überzeugendes, kalkuliertes Sentiment

Ein bisschen „Der Widerspenstigen Zähmung“, ein wenig Tierfilm-Setzbaukasten, etwas Coming of Age und ganz viel Zuckerguss drumherum, der sich teils widerlich manipulierend anfühlt – fertig ist die Story zu „Free Willy“. Alles ein wenig simpel, alles ein wenig berechnend, ABER hier und da schon die richtigen Töne treffend. Kurzum: Das Anschauen, es war nicht gar so schlimm.

Denn die Bilder funktionieren, Schnitt und Kamera verrichten einen ordentlichen Job, Basil Poledouris schrieb gute Musik dazu, die Schauspieler verstehen ihr Handwerk, das Finale provoziert ein paar laute „Ihr Sausäcke, lasst den Wal in Ruhe!!!“-Rufe vom Sofahocker und Willy wird mittels Animatronics und durch den echten Orca Keiko absolut überzeugend zum Leben erweckt.

Um letzteren rankt sich freilich die traurige Geschichte, dass er zwar nach insgesamt drei „Free Willy“-Filmen endlich in die Freiheit entlassen wurde, diese aber gar nicht gewohnt war und hier kurz darauf an einer Lungenentzündung verstarb. Irgendwie ploppte die Erinnerung an diesen Fakt beim Gucken auf einmal recht unangenehm in meinem Hinterkopf auf.

Kuschelwal trifft störrisches Plagebalg

Und noch ein weiteres großes ABER gibt es. Dieses dreht sich voll und ganz um die Figur Jesse. Ich kann mich kaum erinnern, jemals ein Kind in einem Film mehr gehasst zu haben, als dieses kleine Arschloch. Alles an diesem Kind wirkt aufgesetzt, unecht und mit einer absolut langweiligen Störrigkeit versehen, die leider auch nirgends so richtig unterfüttert ist. Natürlich gehört das zum dramaturgischen Aufbau des Filmes. Dass der Wal den Jungen aufbricht und ihm zeigt: „Hey, Depp, es geht im Leben nicht nur um dich.“ Aber genau das passiert so schnell, dass es einfach nur unglaubwürdig wirkt.

Freilich auch, weil man den tierischen Hauptdarsteller offensichtlich nicht allzu sehr als Raubtier aufstellen wollte. Lieber machte man ihn ganz flott zum von Indianermystik umwehten Kuschelbär, der ja nur spielen und knuddeln will. Wie bereits erwähnt: Instagram hätte diesen Wal geliebt. Über Orcas an und für sich erfährt man in „Free Willy“ aber erstaunlich wenig – und erst recht nichts Neues. Was auch nicht weiter verwundert, da sich ja alles um Jesse drehen muss.

Dessen penetrant rebellische Attitüde bringt Jason James Richter in einer Art Bart-Simpson-Modus eigentlich ganz gut rüber. Ich hab ihn ehrlicherweise trotzdem bei jeder Minute Screentime beleidigt. Ich weiß, dass er es nicht hören konnte. Is mir aber egal. So! Richter wird von einigen bekannten Gesichtern in Nebenrollen flankiert. So leiht Michael Ironside („Ausgelöscht“) dem wortwörtlich fiesen Raubtierkapitalismus des Streifens seine versteinerten Gesichtszüge. Für mehr ist leider keine Zeit.

Lori Petty („Gefährliche Brandung“) spielt die eigentliche Betreuerin von Willy sehr sympathisch und hätte etwas mehr Screentime verdient gehabt. Mykelti Williamson („The Purge: Election Year“) darf als Sozialarbeiter zumindest versuchen, auf Pflegekind Jesse einzuwirken. Es bleibt beim Versuch. Und in einer winzigen Nebenrolle ist auch Danielle Harris („Last Boy Scout“) als Gangmitglied von Jesses Straßenbande zu erleben.

Michael Madsen („Nictophobia“) darf, nein muss den neuen Pflegevater von Jesse spielen. Das macht er mit absoluter Lässigkeit und entwirft einen Ersatzvater, wie man ihn sich wünscht. Dafür bekommt er auch ordentlich Screentime eingeräumt und hat mit Richter eigentlich eine ziemlich gute Chemie – wodurch das gegenseitige aneinander Abarbeiten durchaus überzeugend rüberkommt.

„Free Willy“ – viel Aufwand, etwas Wirkung

Der Film, dessen Titel alsbald zu einem Synonym für das Auspacken des männlichen Geschlechtsteils mutierte, kleckert nicht, er klotzt. Man erkennt durchaus den Aufwand hinter dem Film. Hier hat Richard Donner („Lethal Weapon“) als Produzent sichtlich ein paar Taler springen lassen. Vor allem Willy wird dank der Kombination verschiedenster Techniken – von einigen schwachen CGIs gegen Ende abgesehen – glaubwürdig lebendig. Seine Interaktionen mit Jesse sind teils berührend menschlich. Und letzten Endes ist Willy trotz der Umdeutungen zum Schmusetier schon ein echter Rocker.

Doch sein menschliches Gegenstück geht in meinen Augen leider gar nicht. Wobei ich einräumen muss, dass es eher die Anlage der Figur als das Spiel von Jason James Richter ist. Der bringt das, was er transportieren soll, in den meisten Fällen nämlich ordentlich rüber. Die Darsteller um ihn herum leisten überzeugenden Support, vor allem Michael Madsen darf sehr charismatisch agieren und bedankt sich mit einer coolen Performance.

Klar ist das am Ende der pure Kitsch. Der rührselige Showdown mit den unfreiwillig komischen „Ich liebe dich“-Beschwörungen von Jesse in Richtung des Orcas bestätigen das eindrücklich. Aber irgendwie schwimmt der Wal doch nicht ganz an einem vorbei. Und wenn er dann über den Jungen hinwegfliegt und doch nicht auf ihn drauf plumpst, wie man sich das immer ausgemalt hat, merkt man, dass man gerade versonnen in Richtung TV guckt und bei sich denkt: So schlimm war’s dann ja doch nicht. Den Abspannsong von Michael Jackson habe ich aber dennoch ausmachen müssen. Den habe ich damals wahrlich einmal zu oft gehört.

05 von 10

Der erfolgreiche Tierfilm hat es in unseren Breiten auf DVD und Blu-ray geschafft. Diese kommen von Warner Bros- und sind mit einer Freigabe ab 0 Jahren ungeschnitten.

In diesem Sinne:
freeman

Was meint ihr zu dem Film?
Zur Filmdiskussion bei Liquid-Love

Copyright aller Filmbilder/Label: Warner Bros.__Freigabe: FSK 0__Geschnitten: Nein__Blu-ray/DVD: Ja/Ja

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