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Manhunt (aka Notwehr)

Originaltitel: Manhunt__Herstellungsland: China, Hongkong__Erscheinungsjahr: 2017__Regie: John Woo__Darsteller: Zhang Hanyu, Masaharu Fukuyama, Tao Okamoto, Ha Ji-won, Jun Kunimura, Hiroyuki Ikeuchi, Naoto Takenaka, Yasuaki Kurata, Qi Wei u.a.
Manhunt von John Woo DVD Cover

John Woo meldet sich mit “Manhunt” an der Actionfront zurück.

Und da ist er! Der neueste John-Woo-Streifen. „Manhunt“ heißt er und basiert auf dem japanischen Roman „Kimi yo Fundo no Kawa o Watare“, der bereits 1976 als „Manhunt“ von den Japanern auf Zelluloid gegossen wurde. Die neue Interpretation der Romanvorlage durch den Mozart der Zerstörung versprach eine Rückkehr John Woos zu seinen Wurzeln. Zum Jetztzeit-Actionthriller und zum Heroic Bloodshed a la „A Better Tomorrow“ oder „Hard Boiled“. Blut und Kugeln satt garantiert.

Und alles beginnt richtig schön. Ein Mann und eine Frau treffen sich. Sie ist die Bedienstete eines kleinen Restaurants. Er ein Gast. Man kommt ins Gespräch. Man redet über alte Filme. Wie toll die waren. Was sie ausmacht. Man zitiert bekannte Filmzitate. Schön.

Da kommen weitere Gäste. Ungehobelt. Schroff. Der Mann und die Gäste geraten aneinander. Sie entspannt die Situation. Plötzlich drängt eine Mitarbeiterin der Frau selbige zur Eile. Der Mann wird aus dem Restaurant bugsiert. Die Frauen ziehen mit Schalldämpfern versehene Knarren und veranstalten ein mittleres Massaker unter den unfreundlichen Gästen. Und es passt fast alles: 6-7 Tote. Die Killerinnen tanzen umeinander herum. Trefferwirkungen in der Umgebung und in den Körpern der im Kugelhagel tanzenden Opfer. Herumfliegende Partikel von zerschossenen Holzwänden vermischen sich mit herumfliegender Erde aus zerschossenen Blumentöpfen… nur geil!

Nur geil? Nunja, fast. Problem Nummer 1: John Woo, der Meister des Heroic Bloodshed, der Godfather of Platzing Bloodpacks, setzt – nicht nur, aber eben auch – auf CGI-Blut. Und aus irgendeinem Grund lässt er seine Assassinen Leuchtspurmunition verschießen, was ebenfalls mittels CGI umgesetzt wird und ausschaut, als würde der „Krieg der Sterne“ ausgetragen werden. Plötzlich weiß man gar nicht mehr, was man denken soll. Erstaunlich ist auch, dass das, was soeben passiert ist, im weiteren Verlauf des Filmes keine Rolle mehr spielen wird. Ein Massaker, an dem die Hauptfigur des Filmes zwar nicht beteiligt war, dessen Folgen aber von genau dieser Figur als erstes entdeckt werden. Heiliges Drehbuch…

Schaut in “Manhunt”, den neuen Actioner von John Woo hinein

Doch kommen wir zur eigentlichen Story. Hier erfahren wir, dass der Fan alter Filme Du Qiu heißt, aus China stammt und als Anwalt arbeitet, der auf internationale Vorgänge zwischen Japan und China spezialisiert ist. Sein tadelloser Ruf als bissiger Rechtsverdreher eilt ihm dabei meilenweit voraus. Doch eines Tages wendet sich das Glück von Du Qiu ab. Als er am Morgen nach einer rauschenden Party im japanischen Osaka erwacht, liegt eine halbnackte Schönheit neben ihm im Bett. Ihre Kehle ist durchgeschnitten. Er ruft die Polizei.

Für die ist der Fall schnell klar. Spuren auf der Leiche deuten ebenso auf Du Qiu hin wie Fingerabdrücke auf der Tatwaffe. Doch als Du Qiu abgeführt werden soll, versucht ein Cop, ihn noch weiter hineinzureiten. Doch Du Qiu reagiert geistesgegenwärtig und kann das entstehende Chaos nutzen, um zu fliehen. Schnell hat der Anwalt alle möglichen Verfolger an den Hacken: Darunter das Killerinnenpärchen vom Eingang, zusammengewürfelt aus einer Koreanerin und einer Chinesin, sowie die ganze Polizei Osakas.

Letztere wird angeführt von Yamura, dem als ersten dünkt, dass Du Qiu verladen worden sein könnte. Diesen Prozess der Erkenntnis inszeniert Woo einfach großartig, indem er Yamuras Ermittlungen mit dem vermeintlichen Tathergang parallel schneidet und diese zunehmend miteinander verschmelzen lässt. Mit all den von ihn gewohnten Manierismen, wie eingefrorenen Bildern oder stylischen Zeitlupen. Irgendwie hat man noch nicht so recht in den Film hineingefunden, doch man beginnt, sich allmählich im Fernsehsessel zu entspannen. Es könnte tatsächlich sein, dass Woo einen Treffer gelandet hat.

Manhunt von John Woo Ballerei

Wie von John Woo gewohnt, wird aus allen Lagen geballert.

Blöd ist nur, dass er die Flucht von Du Qiu nicht so recht angeschoben bekommt. Es gelingt ihm einfach nicht, richtige Spannung aufzubauen und die Situation zuzuspitzen. Dabei ist doch klar, was jetzt Phase sein muss: Wie Dr. Kimble muss Du Qiu herausfinden, wer die Dame warum gekillt hat. Doch John Woo („Harte Ziele“) eiert ziemlich herum. Setzt vornehmlich alles daran, Du Qiu und Yamura auf Spur zu bringen. Sie zusammenzuführen und gemeinsame Sache machen zu lassen. Man kennt das Motiv der Männerfreundschaft bei ihm ja hinlänglich. Und Woo vergisst ein wenig die Action. Was aber auch nicht groß verwundert, einfach weil die Handlung nie so wirklich losrollt und so kaum Konfrontationen zwischen Du Qiu und seinen Häschern aufkommen.

Ist es dann endlich soweit, dass es scheppert, lässt Woo es auch scheppern. Wenn die Killerinnen auf Du Qiu anlegen und dabei ein Restaurant nahe eines Flusses zerballern, kommt für kurze Zeit wieder viel Woo-Flair auf. Durchschlagene Kehlen, Kollateralschaden, Chaos dank einschlagender Projektile. Alles drin. Inklusive CGI-Blut und CGI-Leuchtspuren. Menno! Die anschließende Verfolgungsjagd mittels Jetskis ist kaum mehr als eine nette Dreingabe, auf die der Fan aufgrund diverser schlecht umgesetzter Rückprojektionen auch gerne verzichtet hätte.

Zumindest ist Du Qiu jetzt in der Spur. Beginnt zu ermitteln und zu recherchieren. Lernt dabei eine junge Dame kennen, deren Mann er einst in den Selbstmord getrieben haben soll, nachdem er ihn vor Gericht zerpflückt hat. Der Zuschauer beginnt nun deutlich vor Du Qiu eins und eins zusammenzuzählen und bekommt eine Ahnung, was hier abgehen könnte. Zudem wird klar, wer die Hintermänner sein müssen. Der Anwalt hat derweil den Kopf ganz wo anders, denn das Schmuckstück des Filmes in Sachen Action steht bevor.

Angekettet an Yamura müssen er, der Cop und seine weibliche Quelle inklusive deren „Angestellte“ ein Farmhaus gegen eine Welle anrückender Killer auf Motorrädern verteidigen. Die krachen mit ihren Maschinen in das Haus und erhalten zum Dank eine amtliche Bleivergiftung. Unsere Helden sliden über den Boden, rutschen auf Türen Treppen hinab und verteilen aus allen Lagen blaue Bohnen. Die Luft in der Hütte steht vor Partikeln, die aufgrund der Trefferwirkungen durch die Gegend geschleudert werden. So muss Action aussehen! Auch der Blutzoll stimmt. Von den beiden Problemherden fange ich jetzt nicht schon wieder an. Es gesellt sich aber ein weiterer hinzu: Die Musik ist teils schon arg kontraproduktiv und wenig vorwärtspeitschend in ihrer Anlage.

Manhunt von John Woo Explosion

Explosionen hat es auch!

Bis hierhin konnte sich „Manhunt“ eigentlich permanent steigern. Die Story zog konstant an. Man wurde mit den Darstellern warm – vor allem Masaharu Fukuyama als Yamura weigert sich recht lange, sich vom Publikum gut finden zu lassen. Die Action groovte sich ein. John Woo brachte seine heißgeliebten Tauben ins Spiel. Und wie. Wie Schicksalsvögel beeinflussen sie das Wohl und Wehe der Helden. Geben förmlich Fingerzeige, was zu tun ist. So drüber war Woo mit seinen Tauben wirklich noch nie. Leider folgt nach solchen Texten immer ein ABER… So auch hier:

Denn in Richtung Finale lässt „Manhunt“ extrem nach. Die Story wird nun regelrecht abstrus, sehr comichaft, sehr überdreht. Das Setting erinnert zudem frappierend an „Paycheck“, an den die meisten Woo-Fans ja nun nicht soooo gerne erinnert werden. Doch genau der Titel geht einem nun gar nicht mehr aus dem Kopf. Und die in diesem Zuge dargereichte Erklärung, warum nun ausgerechnet Du Qiu in die Schusslinie geraten ist, könnte erbärmlicher kaum sein.

Zumindest hat John Woo dann sichtlich die Schnauze voll von dem Gelaber und den abstrusen Entwicklungen und holt noch einmal den Hammer raus. Lang und ausführlich wird nun geballert, gekämpft, verreckt und verblutet – wie zu alten Zeiten. Ok, nicht ganz so exzessiv und intensiv, aber schon auf einem recht ordentlichen Level. Zudem auch wie gewohnt topp choreografiert und mit ein paar herrlich irren Bewegungsabläufen der Kontrahenten im Feuer. Action, die kann der John Woo schon noch.

Auch inszenieren kann er noch. Seine altbekannten Stilmittel stehen „Manhunt“ gut. Geben dem ab und an zu glatt wirkenden Film einen wertigeren Look. Zudem kümmert sich Woo um viele verschiedene Schauplätze, in denen er seine Handlung und seine Action steigen lassen kann. In den Dialogen sorgt er mit eleganten Kameraschwenks für Dynamik. Auch Drohnen dürfen ihm ein paar schöne Bilder besorgen. Ein sich durch den gesamten Film ziehendes Manko ist jedoch der fade Score.

Etwas ungewohnt ist auch der zelebrierte Mix aus japanisch, mandarin und englisch, der sich durch „Manhunt“ zieht und vor allem in seinen englischsprachigen Momenten ob der Englisch-Skills seiner Charaktere zum Kichern animiert. Zudem muss ich festhalten, dass bei meiner offiziellen Code-3-DVD aus China der gebotene Soundmix extrem müllig ausgefallen ist. Gerade die Waffen, auf deren Sounds Woo sonst immer großen Wert legte, klingen total seltsam.

Manhunt von John Woo

Cooles Posing a la John Woo.

Ein weiteres großes Problem ist das Heldengespann. Woo, dessen Filme ja so oft gerade von der Chemie miteinander verbrüderter Charaktere und deren mit Blut, Schweiß und Tränen geformten Zusammenhalt leben, hat sich mit seinem Heldenduo keinen großen Gefallen getan. Zhang Hanyu („Operation Mekong“) wirkt als Du Qiu immer einen Zacken zu unnahbar. Sein teilweise sehr emotionsbefreites Spiel lässt den Zuschauer nicht zwingend mit ihm mitfiebern. Leider ist sein japanisches Gegenüber keinen Deut besser. Masaharu Fukuyama („Rurouni Kenshin: Kyoto Inferno“) lässt einen als Yamura sogar noch kälter. Aufgrund der Anlage des Filmes gibt es auch keinen wirklich fiesen Bösewicht, eher recht lahme Platzhalter. Und die Frauen im Cast. Ja, mit denen konnte Woo ja noch nie etwas anfangen. Hier ist es nicht viel besser.

Zumindest die Action von “Manhunt” macht Spaß

Kurzum: So richtig rund läuft „Manhunt“ nie. Auf jede Szene, die auf einen Hit hoffen lässt, folgt eine weitere, die jegliche Hoffnung wieder kollabieren lässt. Die Story beginnt ganz nett, findet dann aber lange Zeit nicht zu ihrem Kern und bewegt sich gegen Ende in vollkommen abstruse Richtungen. Die Darsteller ziehen einfach nicht genug in den Film hinein. Das Tempo könnte höher sein. Die Dialoge sinniger und besser. Zumindest passt die technische Umsetzung des Streifens weitgehend. Und wie schaut es in John Woos Königsdisziplin aus, der Action? Hier gibt es trotz teils grandioser Momente, die versonnen aufseufzen lassen, echte Patzer und Ärgernisse, die man einfach nicht in einem John-Woo-Actioner sehen will. Und dennoch, so wie sich Action in einem John-Woo-Film anfühlt und wie sie ausschaut, dass bekommt aktuell kaum ein andere Regisseur auf die Reihe. So auch in „Manhunt“. Für einen neuerlichen Woo-Klassiker reicht das aber bei weitem nicht.

5 von 10

Über eine deutsche Veröffentlichung von „Manhunt“ auf physischen Datenträgern ist mir bislang nichts bekannt. Zumindest wird der Film ab 4. Mai 2018 auf Netflix unter dem unpassenden Titel „Notwehr“ zur Verfügung stehen. In China erschien der Film auf DVD (Regionalcode 3) und Blu-ray (Regionalcode C) von dem Label Panorama Corporation Limited.

In diesem Sinne:
freeman

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