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Memory – Über die Entstehung von Alien

Originaltitel: Memory – The Origins of Alien__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2019__Regie: Alexandre O. Philippe__Darsteller: Veronica Cartwright, Tom Skerritt, Ronald Shusett, Roger Christian, Diane O’Bannon, Carmen Giger, Roger Corman u.a.
Memory - Über die Entstehung von Alien dvd cover

Der Titel sagt alles: “Memory – Über die Entstehung von ALIEN”

1979 schlug mit „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ ein Film in den Kinos auf, der umgehend zum Klassiker mutierte und der den Science-Fiction-Film gehörig auf den Kopf stellte. Ridley Scott entwarf eine vollkommen neue Bildsprache. Aus dem zuvor keimfreien Genre wurde eine vor Schweiß, Dampf und Dreck starrende Zukunftsvision. Über allem schwebten die unfassbaren Visionen des Schweizer Künstlers HR Giger, der das Alien entworfen und die Welt der Filmcharaktere designt hatte.

Dazu gesellte sich ein unfassbar starker weiblicher Hauptcharakter, der gegen ein übersexualisiertes, schleimig-ekliges, säureverspritzendes Alien zu Felde zog, das in seiner Garstigkeit ein irrer Gegenentwurf zu den Aliens in Steven Spielbergs „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ und erst recht zu den form- und farbenreichen Außerirdischen im „Krieg der Sterne“ (beide 1977) war.

Dieser unbedingte Wille zur Renovierung des Genres geriet zu einem beeindruckenden Erfolg. Sowohl an den Kinokassen als auch bei der Kritik. Die Folge war eine der besten Fortsetzungen aller Zeiten: „Aliens“ (1986) von Perfektionist James Cameron. 1992 schob David Fincher seinen düsteren dritten Teil nach, der mit seinem Finale einen der Schocks schlechthin bereithielt. Um diesen gerade zu biegen, brauchte es einen filmischen Querkopf wie Jean-Pierre Jeunet. Allerdings funktionierte dessen „Alien – Die Wiedergeburt“ (1997) trotz furioser Freude am Matschen und Schleimen nicht mehr wirklich.

Es folgten zwei Filme, in denen die Aliens mit Predatoren aneinandergerieten. Diese gehören aber nicht zum offiziellen Alien-Kanon. Den erweckte Ridley Scott mit „Prometheus“ (2012) zu neuem Leben, machte sich mit seiner verquasten Vorgeschichte zu den bekannten Streifen aber kaum Freunde. Dahingehend rückte „Alien: Covenant“ fünf Jahre später zwar wieder viel gerade, die Wichtigkeit des ersten Meilensteines verfehlte aber auch er – meilenweit.

Schaut in die Dokumentation zur Entstehung von „Alien“ hinein

Grund genug, „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ noch einmal richtig zu zelebrieren. Regisseur Alexandre O. Philippe nahm sich der Herausforderung an und entwickelte die Idee für den Dokumentarfilm „Memory – Über die Entstehung von Alien“. Dieser fokussiert vornehmlich auf zwei wesentliche Aspekte.

Zum einen rückt er den Mann in den Vordergrund, der mit seinen von Lovecraft inspirierten Drehbuchentwürfen den eigentlichen Grundstein für „Alien“ gelegt hatte: Dan O’Bannon. „Memory“ stellt den Fantasten ausführlich vor, beleuchtet seine weitschweifigen Inspirationsquellen und macht die Anstrengungen spürbar, die er aufwenden musste, um seine Vision irgendwann auf der großen Leinwand zu sehen.

Große Namen wie Walter Hill spielen da nur eine sehr untergeordnete Rolle. Und sogar HR Giger hatte Dan O’Bannon an Bord geholt. Sein erster spruchreifer Drehbuchentwurf trug den Titel „Memory“ und gab dieser Dokumentation ihren Namen. Im Übrigen erschien vor Kurzem auch ein Comic namens „Alien: Die Urfassung“. Selbiges bebildert einen weiteren frühen Drehbuchentwurf von Dan O’Bannon. Welcher im Übrigen vollkommen geschlechtsneutral verfasst war. O’Bannon höchstselbst meinte, es spiele keine Rolle, ob die Charaktere männlich oder weiblich seien.

memory dan o'bannon

Dan O’Bannon zum Start von “Alien”. Copyright: Courtesy of the O’Bannon Estate

Zum anderen nimmt „Memory“ die Chestburster-Szene bis ins kleinste Detail auseinander. Zelebriert sie als den eigentlichen Höhepunkt des ganzen Franchises, die alleine über Wohl und Wehe des Filmes entscheiden sollte. Es wird auch deutlich, dass Ridley Scott diese Szene auch immer genauso begriffen hat. Ein „Fuck“ soll seinen Lippen entwichen sein, als er sie erstmals in O’Bannons Drehbuch gelesen hatte.

Mit Filmausschnitten, Skizzen, Motion Comics, Filmstills, Behind-the-Scene-Materialien und zahlreichen Interviewschnipseln (unter anderem mit den Schauspielern Veronica Cartwright und Tom Skerritt, Co-Drehbuchautor Ronald Shusett, Art Director Roger Christian und Diane O’Bannon (Witwe von Dan) sowie Carmen Giger (Witwe von HR Giger)) dröselt Alexandre O. Philippe diese Aspekte auf und fördert den einen oder anderen filmhistorisch sehr interessanten Fakt zutage. Beispielsweise entzaubert er auch die Legende, dass die Darsteller nicht in die Chestburster-Szene eingeweiht gewesen wären.

Chestburster-Szene aus Memory

Skizze des Chestburster aus dem Nachlass von Dan O’Bannon. Copyright: Courtesy of the O’Bannon Estate

Daneben wird auch viel in den Film hineingedeutet: Zum Beispiel Imperialismuskritik, Klassenkampfmotive oder Kritik am Patriarchat. Unter der Oberfläche dieses Klassikers brodelt also eine Menge thematischer Sprengstoff. Und natürlich wird auch die starke Frauenrolle zelebriert. Das mag in der aktuellen Zeit ein wenig kalkuliert wirken, und eine besonders woke daher schwadronierende Podcasterin sorgt für einen reichlich peinlichen Fremdschämmoment, andererseits muss dieses Thema bei diesem Film auch unbedingt angesprochen werden. Immerhin konnte kaum ein Genrefilm danach jemals wieder mit solch einer Powerfrau wie Ripley aufzuwarten.

Das Interessante: Der Film stellt die These auf, dass auch das Alien weiblich sei. Es verkörpere eine aus den griechischen Tragödien bekannte Furie. Dementsprechend nehme es nicht viel Wunder, dass die Männer im Film durch das Alien oral vergewaltigt und geschwängert werden würden.

Tom Skerritt über den Science Fiction Klassiker

Tom Skerritt erzählt von seiner Rolle als Captain Arthur Dallas Coblenz in “Alien”. Copyright: Exhibit A Pictures – Photographer Chad Herschberger

“Memory” ist filmisch absolut sauber umgesetzt. Die Montage lässt keine Langeweile aufkommen. Etwas verwunderlich ist die manchmal schwache Qualität der eingebundenen Filmsequenzen aus “Alien”. Die Interviews sind stilistisch sehr interessant in vollkommenem Schwarz gehalten, nur die Interviewten sind noch zu sehen. Bei Tom Skerritt, der wohl sehr dunkle Klamotten trug, wirkt es zum Beispiel fast, als schwebe sein Kopf einfach irgendwo im Raum.

Einem Klassiker auf der Spur: „Memory – Über die Entstehung von Alien“

Die Spielfilm-lange Dokumentation „Memory – Über die Entstehung von Alien“ hält aufgrund ihrer straffen Fokussierung auf die beiden genannten Aspekte auch für Fans des Franchises den einen oder anderen erhellenden Moment bereit. Dennoch wird die Dokumentation auch für das eine oder andere lange Gesicht sorgen. Beispielsweise werden die Sequels nahezu mit keiner Silbe erwähnt. „Alien: Covenant“ auch nur, weil Scott hier die Chestburster-Szene genüsslich spiegelte.

Schade ist auch, dass die großen Namen hinter dem Projekt nicht vor die Kamera gezogen werden konnten. Gerade Sigourney Weaver wäre für den Frauenpower-Abschnitt eigentlich Pflicht gewesen. Und auch von Ridley Scott hätte man sich neues Material anstelle der verwendeten Interviews aus der Konserve gewünscht. Auch ist schade, dass „Alien“ im Grunde auf seine Chestburster-Szene reduziert wird. Was davor passiert und zu entdecken ist, wird zwar noch einigermaßen aufgearbeitet, aber das Danach scheint irgendwie gar nichts Berichtenswertes zu beinhalten.

Dass dem nicht so ist, weiß freilich jeder Fan des Science-Fiction-Klassikers. Der bekommt nach der technisch sauber umgesetzten Dokumentation direkt Lust, den Film mal wieder einzulegen und ihn mit den zahlreichen Informationen im Hinterkopf neu zu entdecken.

7 von 10

„Memory – Über die Entstehung von ALIEN“ ist ab dem 3. September 2021 als Video on Demand bei den verschiedensten Anbietern zu haben. Hochwertig auf Deutsch gedubbed. Am 12. November 2021 werden von Atlas Film physische Datenträger nachfolgen.

In diesem Sinne:
freeman

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