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Operation Dance Sensation

Originaltitel: Operation Dance Sensation__Herstellungsland: Deutschland__Erscheinungsjahr: 2003__Regie: Thilo Gosejohann__Darsteller: Simon Gosejohann, Thilo Gosejohann, Alexander Clarke, Oliver Piper, Wolfgang Butzlaff, Jan-Hendrik Meyer, Mareike Fell, Bela B., Anke Engelke, Jasmin Wagner u.a.
Operation Dance Sensation

Eine liebevolle Parodie auf und Hommage an den (Kriegs-)Actionfilm der 1980er aus Deutschland: „Operation Dance Sensation“ vn Thilo Gosejohann

Die 1980er, die als goldene Zeit des Actionfilms streng verehrte Dekade, in der mit Muskeln und Feuerkraft noch jedes Hindernis überwunden werden konnte. Eine Dekade, der schon diverse Filme ein Denkmal setzen, vor allem aus Amerika. Doch 2003 tat dies mit Thilo Gosejohann ein Deutscher, in seinem Abschlussfilm an der FH Dortmund, „Operation Dance Sensation“, realisiert für die fast schon läppisch erscheinende Summe von 10.000 Euro.

Natürlich wird nicht nur dem Actionfilm gehuldigt, wenn Jackson (Thilo Gosejohann) in der im Vietnamkrieg spielenden Auftaktsequenz Private Brian sicher nach Hause bringen soll, wobei das Ganze nicht ganz so glimpflich abläuft wie in einem gewissen Spielberg-Film. Doch ein echter Mann wie Jackson hat eine wichtigere Mission: Gestohlene Superwaffen wiederbesorgen, die sein Erzfeind Atlas (Simon Gosejohann) für den schurkischen Zorc (Oliver Piper) geklaut hat. Beim Sturm auf den Bunker der Schurken wird zwar ähnlich viel geballert wie bei „Rambo II“ oder den Vietnamreißern von Cirio H. Santiago, aber das Ergebnis ist nicht ganz so klar: Zwar kann Jackson die Übelwichte umnieten oder verhaften, doch die Waffen bleiben verschwunden.

Jahre später ist Jackson nach Kriegsende alleinerziehender Vater einer kleinen Tochter und muss sich in seiner Heimatstadt Neverhorst als Kopfgeldjäger durchschlagen. Der Clubbesitzer Ralf Eden (Alexander Clarke), ein geflohenes Mitglied aus Zorcs Truppe, führt dort eine Disco, auf die sowohl Zorc, der seine Gesichtsverbrutzelung durch Jackson überlebte, als auch Atlas, der aus dem Knast freikommt, aufmerksam werden. Denn schließlich vermuten sie, dass Ralf weiß wo die verschwundenen Superwaffen sind…

Ähnlich wie Edgar Wrights vier Jahre später veröffentlichter und deutlich teurerer „Hot Fuzz“ ist „Operation Dance Sensation“ gleichzeitig eine Parodie auf, aber auch eine liebevolle Verbeugung vor dem Actiongenre. Wo „Hot Fuzz“ sich mit dem Buddy-Cop-Action-Aspekt beschäftigte, da sind es in „Operation Dance Sensation“ die Momente und Motive des (Vietnam-)Kriegsactioners, die kundig seziert werden. Die ausgebrannten Veteranen, die außer kämpfen nicht viel können und daher kaum einen Platz in der Gesellschaft finden, die Verräter, die genauso verloren wie der Held sind, der sich nur durch seinen (manchmal zweifelhaften) Moralkodex von ihnen unterscheidet, die namenlosen Handlanger (Ninjas, die hier im Dutzend geordert werden können), die kriminellen Deals hinter bürgerlicher Fassade (sofern man die Disco dazu zählen mag) – all das nimmt „Operation Dance Sensation“ gelungen auf die Schippe und treibt das Ganze bisweilen auf die Spitze.

So sind Superheld wie Superschurken nicht bloß fürs Kämpfen gemacht, sondern für alles andere irgendwie auch viel zu dumm. Selbst am Krankenbett versucht man sich gegenseitig noch auf die Omme zu hauen, doch Kollege Schicksal greift glücklicherweise ein: Amerika erklärt Liechtenstein den Krieg, also haben alle wieder was zu tun. Und selbst die Weltverbesserer und Müslifresser, die vorher noch von Pazifismus schwärmten, sind inzwischen zum Weg des (tumben) Actionhelden übergangen und freuen sich dementsprechend, dass es jetzt was zum Abknallen gibt.

Operation Dance Sensation

Die Gosejohann-Brüder Thilo und Simon spielen den Helden Jackson und dessen Erzfeind Atlas

Derartige Gewaltgeilheit, die dem Actiongenre gerne unterstellt wird, nimmt eines der Highlights des Films aufs Korn – eine Talkshow, in der Jackson von allen Seiten einstecken muss: Medienpsychologe Dr. Rüdiger Steffen (kein geringerer als Bela B.) wirft ihm sein gewalttätiges Handwerk vor, der als Gast geladene Atlas wird für seine Handlanger benötigenden Machenschaften noch als jobschaffender Unternehmer gelobt und die Moderatorin ist eh gegen Jackson. Auch die Actionszenen, in denen Ninjas noch und nöcher über den Haufen geballert werden, treiben Actiontopoi gezielt auf die Spitze, auch wenn der Showdown sich etwas in die Länge zieht, wenn die sagenumwobenen Superwaffen (die sich als massiv vergrößerte Riesenknarren entpuppen) zum Einsatz kommen. Immerhin gibt Sergio Leone zitierende Detailaufnahmen und weitere (visuelle) Gags, die das Geschehen aufpeppen.

Das Ganze präsentieren die Gosejohann-Brüder mit einem eigenwilligen Humor, den man sicher mögen muss, der beim Verfasser dieser Zeilen allerdings vollends ins Schwarze traf. Genreanalyse trifft auf wunderbare Abstrusitäten mit brillantem Timing. Um nur ein paar zu nennen: Kindische Wort- und Haugefechte der Erzfeinde Jackson und Atlas. Ein Angriffsplan, der wie eine Kinderzeichnung aussieht. Bier, das als Nuklearwaffenmaterial eingesetzt werden kann. Die Tatsache, dass es irgendwann an die amerikanisch-irakische (!) Grenze geht. Dass der Film in Amerika spielen soll, aber eindeutig in deutschen Städten wie Dortmund und Gütersloh gedreht wurde, weshalb alle „Amerikaner“ in dem Film auch mit schönstem Ruhrpott-Akzent quatschen (O-Ton Jackson, als er mitten im Gefecht einen Anruf der babysittenden Oma annimmt, die wissen möchte was seine kleine Tochter im Fernsehen schauen darf: „Die darf kucken watt se will, außer diese Sechsfilme.“). Und natürlich eine Szene, in der Jackson und Ralf sich mit einer Rechtspartei auseinandersetzen, der die Disco als nicht-völkische Unterhaltungsstätte ein Dorn im Auge ist.

Wenn man sich in Erinnerung ruft, dass in Amerika selbst eine No-Budget-Produktion wie „The Prodigy“ von William Kaufman selbst gutmütig geschätzt mehr als das Zehnfache von „Operation Dance Sensation“ kostet, dann ist es schon beeindruckend, was mit dem Geld auf die Beine gestellt wurde. Natürlich sieht der Look dementsprechend aus, natürlich sind vor allem Freunde und Laienschauspieler gecastet worden, mit ein paar Gastauftritten von dem immer für Indie-Produktionen zu begeisternden Bela B. (siehe „Kampfansage 3 – Der letzte Schüler“), Ange Engelke und Jasmin ‘Blümchen‘ Wagner, doch nicht nur liegt das Budget über dem deutscher Amateurfilm, auch die Professionalität von „Operation Dance Sensation“ ist ersichtlich. Die Limitierungen des Geldes werden sogar ausgesprochen charmant für den Film eingesetzt, etwa bei deutlich an Drähten hängenden Raketen in der Vietnam-Auftaktsequenz.

Es mag geholfen haben, dass ich den Film in großer, vergnügter Runde sah, aber sofern man ein Herz für den speziellen Humor von „Operation Dance Sensation“ aufbringt, dann ist Gosejohanns Werk trotz budgetbedingter Limitierungen ein echter Kracher, der allenfalls im Finale leichte Ermüdungserscheinungen zeigt. Für den Actionfreund eine dicke Empfehlung, denn hier wird kundig und liebevoll dem Genre sowohl gehuldigt als es auch auseinandergenommen.

Knappe:

Legend und Universum Film haben „Operation Dance Sensation“ als prall mit Bonusmaterial gefüllte DVD veröffentlicht. Zum Zusatzmaterial gehören ein Audiokommentar der Gosejohann-Brüder, Trailer zum Film, entfallene Szenen und weitere Kurzfilme aus dem Schaffen der Gosejohanns.

© Nils Bothmann (McClane)

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