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The Voices – Stimmen zu hören kann mörderisch sein

Originaltitel: The Voices__Herstellungsland: Deutschland, USA__Erscheinungsjahr: 2014__ Regie: Marjane Satrapi__Darsteller: Ryan Reynolds, Gemma Arterton, Anna Kendrick, Jacki Weaver, Ella Smith, Paul Chahidi, Stanley Townsend, Adi Shankar, Sam Spruell, Valerie Koch u.a.
The Voices

Ryan Reynolds hört als Jerry Stimmen im etwas anderen Serienkiller-Psychogramm “The Voices”.

Jerry ist an und für sich ein normaler Typ. Sollte man zumindest meinen. Der junge, etwas tapsig und unbeholfen wirkende Badewannenfabrik-Arbeiter lebt ein langweiliges Leben in einem langweiligen Kaff und hat sich in seine gar nicht langweilige Kollegin Fiona verknallt. Doch die ahnt davon nichts und findet den zurückhaltenden Jerry auch eher seltsam denn anziehend. Dennoch gelingt es Jerry, seine Angebetete auf ein Date festzunageln. Doch Fiona erscheint nicht zu dem Treffen, hat sie doch mit Freundinnen besseres vor als einen Abend beim Chinesen.

Doch der Zufall will es, dass sich Jerrys und Fionas Wege an dem Abend dennoch kreuzen. Fionas Wagen gibt nämlich den Geist auf und Jerry kommt auf seinem Heimweg an Fionas Auto vorbei. Jerry verspricht Fiona, dass er sie wohlbehalten zu Hause abliefern werde. Doch auf dem Weg dahin kommt es zu einem verheerenden Unfall. Jerry überfährt einen Hirsch und tötet das Tier mit unvermuteter Eiseskälte. Fiona ist diese Situation nicht geheuer und sie flieht in den Wald. Immer auf ihren Fersen: Der messerbewehrte Jerry, der Fiona aber eigentlich nur beruhigen will. Es kommt erneut zu einem blutigen Unfall…

Wenig später muss sich Jerry von seinem Kater Mr. Whiskers fragen lassen, wieso er ein riesiges Messer zu seinem Date mitgenommen habe, wenn er nicht von vornherein vorgehabt habe, Fiona zu killen. Jerrys Hund Bosco dagegen ist überzeugt, dass die Story über Fionas Unfalltod wahr sein muss und sein Herrchen definitiv nicht zu einem Killer mutiert ist. Moment… Jerry redet mit seinem Hund und seiner Katze? Oh ja! Und sie antworten ihm sogar. Kann es sein, dass Jerry an und für sich gar kein normaler Typ ist? Und falls dem so sein sollte, wird es Mr. Whiskers gelingen, Jerry zu einem neuerlichen Mord zu überreden …?

Die Idee hinter „The Voices – Stimmen zu hören kann mörderisch sein“ macht richtig Spaß. Zwar ist es nicht neu, in die Gedankenwelten eines Killers einzutauchen und eine ungewöhnliche Filmerfahrung daraus zu generieren – man denke an „The Cell“ – , erfrischend sind dergestalt angelegte Streifen aber immer wieder aufs Neue. In „The Voices“ haben wir es nun mit einem Mann zu tun, der in einer Art Traumwelt lebt: Alle Menschen rund um Jerry sind perfekt, lächeln immer und scheinen keine Sorgen zu haben. Die Stadt, in der Jerry lebt, wirkt durch und durch sauber und aufgeräumt und die darin ablaufenden Geschehnisse erscheinen seltsam geordnet und geplant. Alles mutet perfekt an.

The Voices

MOF Jerry mit seinen Best Buddys: Bosco und Mr. Whiskers. Zwei echte Plaudertaschen!

Der einzige Charakter mit Makeln scheint Jerry zu sein: Er geht zum Psychiater. Offensichtlich aufgrund eines schlimmen Vorfalles in seiner Vergangenheit. Und er hat eine Art eigenes Regulativ für sein Leben. In Form seines Hundes und seiner Katze, die in „The Voices“ den Engel und den Teufel auf der Schulter der Hauptfigur ersetzen und dem immer labiler wirkenden Jerry gut bzw. schlecht zureden. In der Folge kommt die heile Welt Jerrys zwar immer mal in Schieflage, dennoch wird um ihn herum nach wie vor viel gelacht, getanzt und gesungen. Bis … ja, bis Jerry aus Versehen seine große Liebe abmurkst und daraufhin so verzweifelt ist über sein Tun, dass er die von seiner Psychiaterin verordneten Pillen einwirft …

The Voices

Plötzlich sieht er klar. Der Zuschauer auch. Und was man sieht, könnte von Jerrys Traumwelt kaum weiter entfernt sein. Wir sehen, dass Jerry weitaus mehr ist als ein junger Mann, der halluziniert. Jerry ist krank. Grundlegend. Und er ist gefährlich. Vollkommen verstört flüchtet sich Jerry wieder in seine Traumwelt. Lässt die Pillen weg und redet wieder mit seinen besten Freunden: Bosco und Mr. Whiskers. Und vor allem Mr. Whiskers treibt ihn zu immer neuen Schandtaten.

„The Voices“ hat nun längst seine Unschuld verloren. Ist beklemmender geworden. Hat seinen Ton verändert. Was auch immer jetzt passiert, der Zuschauer denkt es weiter und überträgt die Ereignisse in die wirkliche Welt. Eine Welt voller Fäulnis, Dunkelheit, Verfall und Makeln. Mittendrin Jerry, der sich seiner Lage nur zu oft absolut bewusst ist. In klaren Momenten mit sich hadert. Aber nicht verhindern kann, dass er immer mehr zum von Mr. Whiskers eingeforderten Killer mutiert. Diese innere Zerrissenheit ist es, die „The Voices“ so faszinierend macht und ihn im Grunde selbst zerreißt. Denn die beiden Welten des Filmes stehen beinahe unvereinbar gegenüber. Sie scheinen nur in dem Moment verschmelzen zu können, als Jerry sich erstmals wirklich verliebt. Doch diese neue Liebe kommt mit der wahren Welt Jerrys nicht zurecht.

Ich persönlich fand diese Herangehensweise an das Faszinosum Serienkiller sehr interessant und vor allem erstaunlich unterhaltsam. Was freilich aus einer riesigen Ladung schwarzen Humors resultiert. Selten gingen Humor und Schrecken so einvernehmlich Hand in Hand wie in „The Voices“. Da wird so gut wie jede fiese Tat von einem schelmischen Spruch aufgebrochen. Engel und Teufel bzw. Hund und Katze bekriegen sich untereinander und von Polonaisen über Gesangseinlagen bis zu einer Ansammlung abgeschnittener, weiterhin vor sich hin redender Köpfe gibt es hier einiges an schrägen Einfällen zu bestaunen. Dadurch bleibt das Erzähltempo immer auf einem erklecklichen Level und auch die grundlegende Spannungskurve funktioniert ganz gut. Auch der Stimmungsumschwung zur Filmmitte trägt zum Gelingen des Filmes bei und beschert ihm eine neue, recht bedrückende Note.

The Voices

Dass der Film so gut funktioniert, ist auch und vor allem der Verdienst von Ryan Reynolds („Safe House“), der als Jerry ganz groß aufspielt. Egal ob tapsiger Tollpatsch, unglücklich Verliebter oder eiskalter Killer, Reynolds bedient die grundlegend verschiedenen Facetten seiner Figur absolut großartig. Zudem spricht der Mime alle Gestalten, mit denen sich sein Charakter über den Film hinweg unterhält. Allen voran die großartigen Figuren Mr. Whiskers und Bosco. Vor allem Mr. Whiskers darf in der Folge mit einem irren schottischen Akzent vor sich schimpfen (im Deutschen bleibt davon nicht viel übrig). Von beiden Tieren hätte man gerne mehr gesehen. Viel mehr. Auf menschlicher Ebene wird Reynolds von Gemma Arterton („Hänsel und Gretel: Hexenjäger“) und Anna Kendrick („Up in the Air“) formidabel unterstützt. Vor allem Gemma Arterton blüht als berechnendes und durchaus arrogantes Biest ordentlich auf. Jackie Weaver („Reclaim“) hat als Psychiaterin von Jerry einige wichtige Auftritte, ist aber eher eine Randfigur in dem wilden Treiben.

Inszenatorisch erblüht die Traumwelt von Jerry in knallig bunten Farben und sauber durcharrangierten Bildern. Sobald die Traumwelt Jerrys in sich zusammenbricht, wird es ziemlich düster. Die Bilder atmen dann viel Schwere und Düsternis. Der Soundtrack untermalt die beiden verschiedenen Welten jeweils passig, hätte aber gerne noch etwas schräger ausfallen dürfen. Die Effekte beschränken sich großteils auf die sprechenden Tiere, was hervorragend funktioniert. Die sprechenden Köpfe dagegen wirken immer ein Stück zu künstlich. Vor allem am Halsstumpf.

The Voices

Letzten Endes ist „The Voices“ ein wirklich böser Spaß. Und ein durchaus faszinierender obendrein. Denn der Zwiespalt in Serienkiller Jerry wird auf eine interessante Art und Weise dargestellt, wobei man ganz allmählich von einer fluffig leichten Atmosphäre in eine immer bedrückendere abgleitet. Das ist großartig gespielt, witzig bebildert, sowohl mit Sinn für Albernheiten als auch für spannende Momente umgesetzt und am Ende trotz sprechender Tiere und Gesangsnummern eine ganz schön düstere Reise in die Gedankenwelt eines wahnhaft kranken Menschen. Nur eines muss sich „The Voices“ vorwerfen lassen: Irgendwie hätte der Film gerne noch einen Ticken fieser ausfallen dürfen. Gerade das etwas zu politisch korrekte Ende hätte sich die für ihren Trickfilm „Persepolis“ mit dem Oscar ausgezeichnete Regisseurin Marjane Satrapi gerne sparen können.

Die deutsche DVD/Blu-ray erscheint am 6. Oktober 2015 von Ascot Elite und ist mit einer FSK 16 Freigabe ungeschnitten. Interviews, eine B-Roll und kleinere Featurettes erlauben einen kurzen Blick hinter die Kulissen des mit diversen Euros aus Deutschland finanzierten Spaßes.

In diesem Sinne:
freeman

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Copyright aller Filmbilder/Label: Ascot Elite__Freigabe: FSK 16__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Ja/Ja

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