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Uwe Boll im Gespräch über “Assault on Wall Street“

Uwe Boll

Uwe Boll vor dem Q&A im Foyer des Kinos, in dem “Assault on Wall Street” gezeigt wurde.

„Ich wollte Filme machen, seit ich zehn Jahre alt bin… Dann hat es aber gedauert, bis ich 26 Jahre alt war und meinen ersten Spielfilm „German Fried Movie“ für damals 60.000 DM umgesetzt habe. Und so begann es… Es folgten „Barschel – Mord in Genf“ für 150.000 DM und so weiter.“

Seit diesen ersten filmischen Schritten von Uwe Boll ist viel Wasser den Fluss runtergeflossen und heute gehört er ganz sicher nicht zu den bequemen Regisseuren der Filmbranche. Richtig im Bewusstsein der Filmfans kam er erst an, als er eine Spiellizenz nach der anderen („House of the Dead“, „Far Cry“, „Alone in the Dark“) verfilmte und sich damit viel Häme einfuhr. Der schlechteste Regisseur seit Ed Wood sei er und eh unfähig, gute Filme zu machen. Uwe Boll reagierte auf seine Art, stieg gegen Kritiker in den Boxring und watschte mehr und mehr etablierte Institutionen der Filmindustrie ab. Hollywood, die deutsche Filmförderung, Michael Bay, …

Uwe war nichts und niemand heilig. Und während vor allem seinen action- reicheren Produktionen für den Massenmarkt tatsächlich Herz und Seele fehlten, wurde dank Filmen wie „Siegburg“, „Darfur“, „Tunnel Rats“, „Rampage“, „Auschwitz“ oder „Postal“ klar, dass hinter dem Radaubruder ein „Man on a Mission“ steckt. Waden galt es zu beißen. Unbequeme Themen anzurühren. Und wenn er dazu billig heruntergekurbelte, aber auf dem Videomarkt durchaus erfolgreiche Filme abdrehen musste, um damit das Geld für die ambitionierteren Projekte zu sammeln, dann tat Uwe Boll das.

Für eine gewisse Zeit war es jetzt ruhig um Boll. Und dann der Paukenschlag! Ich wurde eingeladen zu einer Vorpremiere von „Assault on Wall Street“. Hier wollte Uwe seinen neuen Film vor Livepublikum vorstellen und sich einer ausführlichen Fragen und Antworten Runde stellen. Die Ergebnisse aus diesem Frage- und Antwortspiel habe ich für euch mit einem Interview vereint, das ich im Anschluss an die Premiere mit Uwe geführt habe.

Auge in Auge mit Uwe Boll

Uwe Boll

Freeman trifft Uwe Boll… Zur Vergrößerung klickern.

Am 22. Juli 2013 sollte es passieren: Uwe Boll wollte in einem Kino der UCI Kette in Berlin seinen neuen Film zum Thema „platzende Spekulationsblase und Abwärtsspirale in die Weltwirtschaftskrise“ vorstellen. Für mich hieß das schnell Urlaub beantragen und gen Berlin reisen. Vor der Abreise griff ich mir noch mein „Far Cry“ Steelbook, falls Uwe Autogramme verteilen würde. Dann ging es auch schon los. In Berlin gelandet machte ich mein Hotelzimmer für die Nacht klar und musste auch schon los. Im Foyer des Kinos angekommen wurde meine Gegenwart auf einer Liste abgehakt, ich kassierte ein Poster und ein Presseheft zum Film ein und harrte der Dinge, die da kommen würden.

Und da sah ich ihn schon! Turnschuhe, Jeans, legeres Shirt. Unbemerkt von den anderen Gästen durchschritt er das Foyer und bemerkte sofort meinen Blick. Festen Schrittes kam er auf mich zu und drückte mir die Hand. Ich stellte mich kurz vor und ergriff sogleich die Möglichkeit für meinen Signierwunsch! Dem kam Uwe gerne nach, ließ einen Spruch gegen Til Schweiger los, den er zu der Premiere auch eingeladen hatte, der aber zeitlich verhindert war, und wandte sich dann anderen Gesprächspartnern zu. Schon cool, der Uwe!

Die Vorstellung entpuppte sich dann als Sneak-Preview. Es war gerammelt voll und nach einem lächerlichen Vorprogramm und einem kurzen Vorwort von Uwe begann der Film. Meine Eindrücke zu „Assault on Wall Street“ könnt ihr in meiner Kritik zum Film nachlesen. Entgegen dem mir bekannten Sneak-Preview-Verhalten der Kinozuschauer blieben bei dem Film ALLE bis zum Schluss sitzen. Ein weiterer Beleg für die offenkundigen Qualitäten des diesmal etwas zahmeren Uwe Boll Problemfilmes. Zahm ging es dann danach allerdings gar nicht ab. Uwe war wieder voll in seinem Element und verschoss giftige Spitzen in alle möglichen Richtungen. Doch lest selbst …

Uwe Boll im Gepräch über seinen Wutbürgerfilm „Assault on Wall Street“

Uwe begann das Fragenpanel mit einer eigenen kleinen Einleitung: Wir haben den Film in Vancouver gedreht und in New York. Wir mussten natürlich viel in New York drehen, da das aber recht teuer ist, sind wir häufiger auf Vancouver ausgewichen. Interessant war: Für die Hauptrolle habe ich zuerst andere Darsteller angefragt. Zum Beispiel Viggo Mortensen, Gerard Butler und verschiedene andere Schauspieler, aber die ganzen Agenten hatten Angst, ihren Schauspielern zu sagen: „Spiel da mit!“, weil die gedacht haben, wenn dann eben wirklich einer Amok läuft, dann wird das hinterher auf die Schauspieler geschoben. Dass dann gesagt wird: „Du hast doch da die Hauptrolle gespielt.“ Ich hab dann gesagt: „Guckt euch Filme an wie „Ein Mann sieht rot“, damals mit Charles Bronson, der Film hat ihm auch nicht geschadet. Oder „Falling Down“ mit Michael Douglas und „Taxi Driver“ mit Robert de Niro.“ Von daher war ich da ein wenig bedröppelt und der Dominic Purcell, den die meisten wahrscheinlich aus „Prison Break“ kennen, der hat selber in dem Bailout viel Geld verloren und war pleite und meinte dann zu mir: „Gib mir die Waffe, ich schieß die alle ab.“ Der war sozusagen in der richtigen Verfassung den Film zu drehen.

Uwe Boll

Uwe Boll stellt sich den Fragen der Zuschauer. Zur Vergrößerung klickern.

Sie haben nach „Schwerter des Königs 2“ bewusst eine kleine Schaffenspause eingelegt. Wieso haben Sie sich „Assault on Wall Street“ als Minicomeback ausgesucht?
Ich entwickelte das Drehbuch schon seit 2009 und ging dann intensiv an die Recherche über die Finanzkrise… traf Banker und Politiker und Geschädigte. Die Details mussten ja stimmen.

Sie haben bereits mehrere Filme zum Thema “Amoklauf” gemacht – einer der ersten hieß ja sogar so. Was reizt sie an gerade dieser Materie?
Mich interessieren extreme Situationen, wo es um Leben und Tod geht… Momente und auch Entwicklungen, wo es zum BÖSEN kommt.

Warum haben Sie „Assault on Wall Street“ nicht überspitzter gemacht? Der Film wirkt erstaunlich realistisch?
Das habe ich ja mit meinem Film „Rampage“ gemacht. Da knallt ja einer fast eine ganze Stadt zusammen. Diese zynische Variante voller Action habe ich schon gemacht. Mir ging es jetzt hier darum, dass man die Sache eben auch dahingehend ernst nimmt, dass man sich vorstellt, warum er das wirklich macht. Also er verliert ja alles. Er hat ja eigentlich gar keinen Grund mehr zu existieren. Und wenn einer tatsächlich alles verloren hat und weder Staatsanwälte noch Anwälte oder Polizei helfen können/wollen, bleibt doch wirklich nur die Frage, wieso man sich noch an bestehendes Recht halten sollte. Wir haben ja gerade die Riesendiskussion um die NSA und deren Bestrebungen all unsere E-Mails und Telefonate abzuhorchen. Da wird auch Recht gebrochen, pausenlos. Und die Frage ist eben, warum sollen wir uns an alle Gesetze halten, wenn sich die Regierung nicht daran hält? Und wenn man genau überlegt, was die Banker gemacht haben, mit den Bailouts, die haben sich ein Jahr später schon wieder alle ihre Bonuszahlungen ausgezahlt. Und wir haben jetzt Schulden. Die Steuerzahler müssen die Schulden abtragen und die hatten vielleicht mal für ein Jahr eine Delle im Gehaltsgefüge und danach haben sie sich wieder dumm und duselig verdient. Und das ist eine Sache, die ist für mich absolut inakzeptabel. Und ja, mir war wichtig, dass man einfach mal einen bösen Film macht, der ein bisschen da auch diese Rachefantasien anstachelt.

Gerade vor diesem Hintergrund wirkt “Assault on Wall Street” – gerade im Vergleich zu “Rampage” – erstaunlich „zurückhaltend”? Gibt/gab es dafür einen besonderen Grund?
Ich wollte bei „Assault on Wall Street“ unbedingt Mitgefühl für den Protagonisten erzeugen und daher musste die Vorbereitung, sein “Downfall”, auch stimmen. Der Drama-Part ist deshalb der Schwerpunkt und nicht der Actionteil. Es ging mir darum, zu zeigen, dass damals Lebensträume komplett zerplatzt sind. Was ist mit den Menschen konkret passiert? Wie ich bereits in der Einleitung zum Film erwähnt habe, haben sich nach den Zwangsversteigerungen im Zuge des Crashs fast 2000 Leute erhängt. Das war kaum in der Presse und wurde auch kaum bekannt gemacht… „Rampage“ dagegen war nun sehr zynisch und lebte natürlich vor allem von der unglaublichen Größe des Amoklaufs.

Uwe Boll

Dominic Purcell greift in Uwe Bolls “Assault on Wall Street” zur Waffe und bläst zur Jagd auf Banker.

Dennoch bedienen Sie sich einer sehr plakativen Schwarz Weiß Zeichnung …
Das Beispiel, das ihm jetzt hier passiert ist, ist wahrscheinlich fast gar keinem passiert. Ich bin auch nicht der Meinung, dass man, nur weil jemand Geld verloren hat, die Banker erschießen sollte. Das meine ich nicht. Aber das ist ja das Gute bei einem Film. Film kann auch mal übertreiben. Film kann sozusagen auch mal zeigen: Freunde, so geht’s nicht! Wenn jetzt mehr Banker aufgrund so eines Filmes ein bisschen Angst kriegen und denken: „Scheiße, nicht dass ich auch noch erschossen werde!“, dann hilft das ja schon. Das Gespräch gegen Ende, das war ja auch überhaupt nicht hollywoodmäßig, wenn der Held zum Banker sagt: „Meine Frau ist (wegen dir) tot!“ Im normalen Hollywoodfilm hätte der Banker gesagt: „Ja, tut mir leid, da kann ich aber nix dafür.“ Aber hier sagt er: „Ist mir scheißegal!“ Weil das ist es ihm: Es ist scheißegal. Bankern war es scheißegal, dass Leute ihre Existenz verloren haben, Hauptsache SIE haben noch mehr. Es gibt doch dieses Rammsteinlied „Mehr“, das passt genau. Wo der dann eben in dem Lied meint: „Ich habe sowieso schon alles, aber ich will noch mehr. Und du hast kaum was, gib mir das auch noch und du kannst in der Gosse verrecken! Und ich kauf mir dann noch ein zwei Meter größeres Boot.“ Und das ist im Prinzip genau die Mentalität, die heutzutage belohnt wird. Ich bin ja sehr viel rumgekommen und habe sehr viele Filme gedreht. Und die Leute, die richtig Asche haben, sind im Endeffekt oft menschenverachtend. Muss man ganz einfach so klar sagen. Die sind deshalb so reich, weil sie andere komplett ausgebeutet haben.

Welche Lösungen sehen Sie für die Bankenkrise?
Die Lösung im Bankenbereich wäre gewesen, dass man zum Beispiel die Banken reguliert, dass die Banken einfach keine Investmentgeschäfte mehr machen können. Ich meine, wie viele Zinsen kriegen wir? 1 Prozent; 0,8 Prozent… wie kann denn dann eine Bank, wie letztes Jahr die Deutsche Bank, 18 Prozent Gewinn machen? Das geht doch nur durch Hochrisikogeschäfte. Und wenn solche Risikogeschäfte Profit bringen, werden Dividenden ausgezahlt, wenn sie Verlust bringen, wird der Steuerzahler gerufen und soll die reichen Leute aushalten. Das ist doch vollkommene abstrus.

Wie hätten sie in der Situation von Purcells Charakter Jim reagiert?
Es ist natürlich schwer zu sagen, wie man reagiert, wenn man alles verliert. Zum Glück ist mir das so noch nie passiert. Aber auf jeden Fall habe ich Sympathien für ihn. Ich meine, was hat er denn für eine Variante? Penner werden? Oder Selbstmord begehen? Eh ich jetzt Penner werde oder Selbstmord begehe, warum nicht die Typen abknallen? Ich meine, wenn ich sowieso nix mehr weiter verlieren kann, ist es auch kein Problem.

Uwe Boll

Uwe Bolls “Bailout – The Age of Greed” alias “Assault on Wall Street”

Wäre es nicht interessanter gewesen, den Amoklauf zu canceln und „Assault on Wall Street“ rein als Thriller aufzuziehen?
Was ist das für eine Frage? Wäre es nicht auch interessanter gewesen, wenn sie bei „Pacific Rim“ mal ihr Gehirn eingesetzt hätten? Aber weil es Guillermo del Toro ist, der Fettsack aus Mexiko, denkt jeder, das wäre ein toller Film. Ich meine, ganz ehrlich, das ist doch alles Scheiße. Bei meinen Filmen sagt man immer: „Hätte man nicht, hätte man nicht?“ Aber sonst läuft doch nur Scheiße von A-Z! „The Lone Ranger“, gehirnamputierte Scheiße und Johnny Depp sieht eben aus wie in „Fluch der Karibik“ und könnte anscheinend in jedem Scheiß mitspielen. Ich glaube, „Assault on Wall Street“ war extrem wichtig. Schau dir doch mal an, was für Filme laufen. Es gibt überhaupt keinen Film, der sich mit der Realität beschäftigt. Ich muss beispielsweise sagen, ich schäme mich, dass ich dem Snowden nicht helfen kann, die arme Sau. Der sitzt da. Der hat uns alle aufgeklärt. Der hat uns geholfen, dass wir mal aufwachen, was das für ein scheiß Überwachungsstaat ist. Merkel macht die Fresse nicht auf, weil wir vor den Amerikanern kuschen … und das ist die Sache, die mich richtig aufregt. Was soll der Scheiß? Ich meine, wenn man sagt, wir sind frei, dann sind wir auch frei! Da haben wir aber alle nicht die Eier zu, etwas zu sagen! Stattdessen machen wir gar nichts! Wenn man sich das mal vor Augen führt: Millionen E-Mails, Textmessages, Skypevideokonferenzen wurden aufgezeichnet… Und es geht immer weiter! Es wurde kein bisschen gestoppt und was ist unsere Reaktion? Öh, ja, nix! Da wird das mal bei Maybrit Illner durchdiskutiert und dann gehen wir wieder nach Hause.

Ein Freund von mir arbeitet beim BKA. Der sagt, er kriegt noch nicht einmal die Genehmigung, die „Hells Angels“ abzuhören im Frankfurter Puff! Da kriegt er keine Genehmigung für. Aber die hören 500 Millionen Leute ab! Wie sie wollen… Vollkommene Volksverarschung. Das ist genau dasselbe in grün bei der Bankenkrise oder den Bailouts. Das ist vollkommen absurd und es passiert überhaupt nichts. Es werden dieselben Leute gewählt… Ich meine, wie kann man denn jetzt – nicht dass SPD und die Grünen besser wären – im Herbst die Merkel wählen? Unsere Generation hat doch gar keine Eier mehr. Man kann doch nicht über die Snowden Affäre hinweggehen nach dem Motto: Da muss man nix unternehmen. Oder der Assange – der mag vielleicht ein Arschloch sein, aber mittels Wikileaks hat der uns aufgeklärt! Und nun kann der aus London nicht mehr raus, sonst wird er verhaftet, nach Amerika geflogen und kommt lebenslang in den Knast. Wenn man sich das mal überlegt: Obama, der diese Riesenreden immer schwingt, der würde jemand in den Knast stecken, weil der die Leute aufgeklärt hat. Dasselbe mit dem Snowden. Das ist der blanke Irrsinn. Was man da gehirngewaschen wird.

Und trotzdem haben wir irgendwo immer noch Vertrauen in diese Politiker… „Das kann doch nicht sein, dass die uns so verarschen. Die wirken doch so menschlich im ZDF Sommerinterview?“ Ich glaube, dass wir alle nicht mehr in die Lage sind, für irgendwas unsere persönliche Sicherheitssphäre aufzugeben. Am Ende des Tages wollen wir abends immer in unserem Bettchen schlafen und nicht in Moskau auf dem Transferflughafen. Wir wollen unsere persönliche Sicherheit nicht aufgeben. Das ist traurig. Ich mache Filme. Ich versuche hier und da eine Aktion zu starten, aber letzten Endes bin ich auch ein Versager. Ich habe auch noch nicht die Kalaschnikow in die Hand genommen.

Uwe Boll

Hier ist noch alles in Ordnung in der Welt von Amokläufer Jim …

Warum rächt sich Jim eigentlich nur an den Bankern und nicht – wie man nach dem Statement annehmen könnte – an Politikern?
Gut, wenn man so wie Jim am Schluss richtig Amok läuft, muss man sich ja irgendwie entscheiden! Das Weiße Haus oder die Banker? Er hat sich dann für die Banker entschieden. Natürlich gibt es genug Gründe, um auch die Politiker dran zu kriegen. Vollkommen klar. Aber dafür gibt es dann ja auch „Bailout 2“!

Apropos „Bailout“: Was halten sie von der „Eindeutschung“ des Filmtitels? „Bailout – Age of Greed“ wäre doch definitiv der treffendere Titel gewesen …
So ist das nunmal… Was sich verkauft und mit A anfängt… *schmunzelt*. Trotzdem ist „Assault on Wall Street“ auch nicht schlecht.

Haben sie keine Angst, dass jemand ihre Filme als Vorlage für einen Amoklauf nimmt?
Das hatte ich ja schon zig Mal. Bei „Rampage“ wurde gesagt, dass der Typ, der bei der „Batman“ Premiere die Leute erschossen hat, „Rampage“ bei sich zu Hause gehabt habe. Aber das ist mir scheißegal! Ganz ehrlich! Ich habe sehr viele Filme gemacht über Amokläufer. Ich habe „Heart of America“ gemacht, ich habe „Amoklauf“ gedreht, „Rampage“, ich habe immer wieder dieses Thema aufgegriffen. Doch das jemand tatsächlich losgeht und Leute erschießt, hat nichts damit zu tun, ob er sich Filme anguckt oder ob er Videospiele spielt. Letztlich hängt es von drei Faktoren ab: Habe ich Zugang zu Waffen, kann ich mit Waffen umgehen und der Faktor X. Und der Faktor X ist eine schwere geistige Störung. Von daher muss man damit leben, dass wenn man so einen Film macht, die Leute vielleicht auch mal dementsprechend reagieren.

Hätte es nicht besser zum Ton des Filmes gepasst, auf ein “Happy End” zu verzichten?
Nein, ich fand das wichtig, dass Jim irgendwo etwas gewinnt. Den Text, den er am Schluss sagt, nehmen wir übrigens raus. Finde ich nicht mehr so gut. Ich finde es besser, wenn er weg geht und man hört gar nichts (zustimmender Applaus aus dem Publikum). Das wird auf der DVD nicht drauf sein. Das fiel mir so auf, wo ich jetzt in mehreren Vorstellungen saß, dass mir das nicht mehr gefällt. Die Idee ist ja nicht schlecht, wenn er so sagt: „Ich bringe sie alle weiter um.“ Finde ich gar nicht so schlecht. Aber dann habe ich gedacht: Nee, nehmen wir lieber raus.

Handelt es sich bei den stetig im TV laufenden Kommentaren, Dialogen zum internationalen Börsengeschehen eigentlich um Originalaufnahmen aus der Zeit des Crashs?
Das ist ein Mix… Wir haben zig Clips von Youtube, CNN etc. gekauft und dann aber auch unsere eigenen Clips produziert, weil wir es so stärker auf den Punkt bringen konnten.

Wie haben sie trotz des Themas die Drehgenehmigungen in den USA/New York bekommen?
Wir haben einfach gedreht! Ich habe da einen Kumpel in Brooklyn, „Hit and Run Productions“, und wir sind dann mit kleiner Crew in zwei VW Bussen herumgefahren, sind überall ausgestiegen und haben einfach gedreht. Wir hatten vorher mal gefragt, zum Beispiel in der Straßenbahn oder New Yorker U-Bahn, da meinten die, wir müssten für eine Drehgenehmigung 25 000 Dollar löhnen… Da haben wir einfach für einen Dollar ein Ticket gelöst, sind eingestiegen und haben gedreht. Der Vorteil ist, New York ist so groß, die Leute beachten einen einfach gar nicht. Das ist denen scheißegal.

Was halten Sie von den Vermarktungsbemühungen Splendids für die DVD Premiere des Filmes? Also die kleine Kinotour mit Q&A Panels?
Besser als nix. Allerdings war die Kinotour meine Idee. Ich hätte gerne einen größeren Kinostart gehabt. Trotzdem hat Splendid bei allen meinen Filmen immer gut gearbeitet.

Wird es einen zweiten Teil geben?
Ich stehe immer zur Verfügung. Aber wir müssen erst mal gucken, wie der Film jetzt so weiterläuft. Das ist natürlich heutzutage alles nicht so einfach. Aber die DVD wird sich hoffentlich gut verkaufen. Das ist aber wieder so ein Film, ähnlich wie „Postal“ oder „Rampage“, den deutsche Fernsehsender nicht kaufen. Ich war froh, dass Tele 5 mal „Tunnel Rats“ gezeigt hat, meinen Vietnamkriegsfilm. Ja, und die wollen vielleicht auch „Postal“ kaufen. Das wäre natürlich gut.

Scheißfilme und superpatriotischer Mist

Uwe Boll

Der zynischere Beitrag zum Thema Amok von Uwe Boll: “Rampage”

Wie stehen sie zur aktuellen Filmlandschaft?
Die Frage ist eben immer, wie viele Filme sollen noch gedreht werden, die auf Comicbüchern basieren? Immer diese Computereffekte, ein Ding nach dem anderen. Ich hab’s jetzt schon 5000 mal gesehen. Das interessiert mich nicht mehr. Dieses „Transformers“ Zeug. Irgendwann ist es auch mal wieder gut. Der letzte „Iron Man“ war auch scheiße. Ich bin dann diese Sachen auch irgendwann leid und ich finde es dann immer so lächerlich, wie die Kritiker diesen Filmen hinterher hecheln, weil sie da auf eine Premiere eingeladen werden. In den USA ist es noch schlimmer als in Deutschland. Und dann jubeln die solchen Filmen zu wie „Pacific Rim“, der absolut für Gehirnamputierte ist. Oder “White House Down” oder so was. Das sind einfach Scheißfilme. Die sind nur teuer gemacht und werden teuer vermarktet und dann läuft die ganze Clique hinterher und tut auch noch so, als ob die irgendwie wertvoll wären.

Ich fand Filme gut wie „There will be Blood“, „Drive“ mit Ryan Gosling, solche Filme. Die einfach ein bisschen anders sind – aber interessant. Aber solche Filme gibt es kaum. Das ist das Problem. Und deshalb bin ich ja auch so sauer auf die deutschen Regisseure wie Petersen und Emmerich. Weil die immer nur so superpatriotische Scheiße machen. Und mich kann die Branche in LA ja auch nicht so richtig leiden, weil ich eher antiamerikanisch bin und antiamerikanische Filme mache, weil ich mich da nicht unterordnen will.

Uwe Boll und das liebe Geld

Stimmt es, dass sie Filme mit Gold finanzieren?
*lacht* Die alte Nazigoldnummer. Habe ich ja schon bei „Postal“ gesagt, dass das stimmt. Da kann ich ja jetzt nichts anderes sagen. Aber im Ernst: Wäre schön, aber hey, der Goldpreis ist auch dramatisch gefallen. Das wird immer schwieriger. Wir sind auch schon mit der Straßenbahn eben her gefahren. So gut läuft’s also auch nicht mehr.

Apropos Geld bzw. Wall Street: Glauben sie dass Crowd Funding-Finanzierungsplattformen irgendwann auch im Filmbereich richtig greifen können/werden?
In den USA funktioniert es ja ganz gut. Wir werden es nun mit „Postal 2“ probieren. (Zur Kickstarter-Crowdfunding-Seite von Postal 2)

Das Actiongenre aus Sicht von Uwe Boll

Uwe Boll

Uwe Boll arbeitete schon mit einigen Größen des Actionfilmes, darunter Jason Statham, Ralf Möller, Eric Roberts, Dolph Lundgren, …

Ihre Filme transportieren immer auch sehr viel Action. Darum interessiert uns als Actionfans einmal Ihre Sicht auf das Genre. Wir haben den Eindruck, dass sich der Actionfilm in den letzten Jahren stark – und das nicht immer zu seinem Vorteil – verändert hat. Sehen Sie sich mehr als Fan von Old School Action a la „Rambo“ und Co. oder eher als Fan der neuen Actionproduktionen wie „Bourne“ und „Bond“ mit Daniel Craig?
Wenn sie gut gemacht sind und waren, finde ich sie gut. „Heat“ war super! Aber „Die Bourne Identität“ oder „Casino Royale“ mit Craig auch. „John Rambo“ war gut, weil er so brutal war. Aber was ich hasse, sind diese ganzen Comicfilme wie „The Avengers“ etc.

Welchen Actionfilm würden Sie als ihren Lieblingsfilm im Genre bezeichnen?
Da gibt es zu viele, aber „The Town“ war klasse. „Salt“ zum Beispiel war scheiße.

Sie haben mit Dolph Lundgren, Jason Statham, Eric Roberts, Ralf Möller und Michael Pare schon einige Stars der 80er und 90er Jahre Actionstreifen vor der Kamera gehabt. Wie ist es, mit den Stars der alten Actionriege zu arbeiten? Wie sind diese Leute im Umgang? Besonders interessieren uns dabei einmal Dolph Lundgren und Eric Roberts.
Dolph Lundgren ist sehr intelligent, kann aber kaum noch laufen. Er steht also meistens rum, wenn er einen verprügelt. Leider ist er kein begnadeter Schauspieler. Eric ist ein sehr guter Schauspieler, leidet aber darunter, dass er seinen Text immer vergisst.

Wo wir gerade beim Thema sind: Mit welchem Darsteller würden sie allgemein mal sehr gerne zusammenarbeiten?
Bruce Willis, Mel Gibson

Die heutigen Kinozuschauer wollen Eskapismus und gigantische Zerstörungsorgien, meist mit jugendlichen Helden und dickem CGI Einsatz. Was glauben Sie, sind Stallone und Co. für den DTV Markt vorgemerkt oder werden sie das Ruder noch einmal herumreißen können?
Es ist vorbei für die alte Garde, aber wenn sie alle zusammen sind, wie in „The Expendables“ funktioniert es noch. Oder wenn die mal wieder RICHTIG gute Filme machen würden…

Diese allgemeinen Entwicklungen haben unserer Meinung nach auch enorme Auswirkungen auf die B-Actionfilme. Als wolle sie eigentlich keiner mehr, wirken sie billig runtergekurbelt, lieblos erzählt und übernehmen die neuen Untugenden der modernen Actionfilme wie Wackelkamera und CGIs, nur eben um Klassen schlechter als die Vorbilder. Was glauben Sie, ist der B-Actionfilm noch zu retten?
Hier liegt der Ball vornehmlich im Feld der TV-Sender! Diese sollten endlich mal wieder mehr wagen und müssten auch mal wieder ordentlich Geld locker machen und solche Filme für ihr Programm kaufen. Denn ohne Budget kann man eben auch keine B-Actionfilme drehen.

Warum sind die Ostblocksettings in diesem Genre bzw. im B-Bereich plötzlich so populär, vor allem, wenn man bedenkt, dass die Zielgruppe meist die Nase voll davon hat?
Reine Geldgründe…

… und warum werden die Ostblocksettings immer so grau und trist inszeniert…?
… in meinem Streifen „Schwerter des Königs 3“ wird es anders aussehen!

Warum ersetzen CGIs immer mehr platzende Blutbeutel und Explosionen?
Man spart Drehzeit und das bringt Geld .

Uwe Boll

Uwe Boll bestritt eine sehr lebhafte Frage- und Antwortrunde. Zum Vergrößern klickern.

Haben Sie im Nachhinein auch schon einmal gedacht: Uuuh, da wäre eine reale Umsetzung wohl wirkungsvoller gewesen?
Absolut… Aber ich arbeite nach wie vor mehr mit realen Effekten.

Eine weitere Frage, die uns immer wieder bewegt: Wieviel von dem Feedback der Leute bekommt man als Filmschaffender eigentlich mit? Wieso zum Beispiel kommen immer noch soviele Actionfilme mit der Shaky Cam heraus, obwohl dieses Stilmittel unter Filmfans sehr unbeliebt ist.
Ich lese viel und bekomme viel mit, entscheide letztendlich aber von Fall zu Fall, was besser zu meinem Film passt…

Was wir von Actionfreunde gut fänden, wäre eine Art B-Expendables. Mit Helden wie Jeff Speakman, Michael Dudikoff, Don Wilson, Olivier Gruner, Cynthia Rothrock, Richard Norton, Frank Zagarino,… eben eine vollkommene B-Variante des „The Expendables“ Ansatzes. Allerdings dreckiger, rauer, brutaler. Könnten Sie sich vorstellen, ein derartiges Projekt zu stemmen? Glauben Sie, dafür wäre ein Markt da?
Klar …aber nur wenn man es für maximal zwei Millionen machen würde.

Das bringt die Zukunft

Es wird eine Fortsetzung zu „Seed“ geben, die sie „nur“ produzieren. Wieso haben Sie sich gegen die Regie entschieden?
Ich hätte nie „Seed 2“ gedreht, daher bin ich froh , dass Marcel Walz auf mich zukam.

Was dürfen wir ansonsten demnächst von Ihnen erwarten?
„The Nation“ … ein Film über die Ausrottung der Indianer in Kanada.

Ich danke Uwe Boll für das blitzartige kleine Interview als Ergänzung zu dem Q&A Panel. Für die Einladung zu diesem Panel bedanke ich mich herzlich bei Splendid Film.

Mehr über Uwe Boll

Ein altes Interview von Liquid-Love.de mit Uwe Boll
Die Crowdfunding Seite von „Postal 2“
Die Kritik zu “Assault on Wall Street” von Actionfreunde.de

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