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Gravity

Originaltitel: Gravity__Herstellungsland: Großbritannien, USA__Erscheinungsjahr: 2013__Regie: Alfonso Cuarón__Darsteller: George Clooney, Sandra Bullock, Paul Sharma u.a.
Gravity

George Clooney und Sandra Bullock brillieren in dem ultra spannenden “Gravity”

„Gravity“ beginnt mit einer kurzen Erläuterung, warum man im All nichts hören kann. Doch anstatt nun in der folgenden Einstellung auf vollkommene Stille zu setzen, setzt eine Kakophonie verstörender Töne ein, die an Intensität und Lautstärke immer weiter zunimmt und zu einem ohrenbetäubenden Lärm anschwillt. Dann, plötzlich, absolute Stille und unser blauer Planet schiebt sich ins Blickfeld. Es folgt eine der meines Erachtens nach besten Plansequenzen der Filmgeschichte (Regisseur Alfonso Cuarón belegte seine Meisterschaft in diesem Stilmittel ja bereits in „Children of Men“). 10-15 Minuten lang umkreist die Kamera ein Shuttle der Amerikaner im Orbit und zeigt welchen Aufgaben ein dreiköpfiges Team bei einem Weltraumspaziergang an einem Satelitten nachzugehen hat. Schon hier fällt auf, wie der Film mit seiner Tonspur spielt. Funksprüche gehen unter, werden überlagert … von absoluter Stille. Wunderschöne Ausblicke auf unseren blauen Planeten lassen kurz inne halten und zelebrieren die Schönheit der wohl lebensfeindlichsten Umgebung überhaupt.

Während zwei der Astronauten wissenschaftlichen Arbeiten und notwendigen Wartungsarbeiten nachgehen, testet Matt Kowalski einen Jetpack aus und durchpflügt den Raum. Er ist der alte Hase im Team, der vor allem Dr. Ryan Stone beinahe mentorartig unter seine Fittiche nimmt. Sie ist das erste Mal im All und wirkt dementsprechend alles andere als souverän. Die Kamera kreist derweil weiter um das Shuttle und wir vernehmen zunächst sehr leise eine Nachricht von einem Zwischenfall. Eine Rakete habe einen russischen Satelliten getroffen. Die entstandenen Trümmer würden die Umlaufbahn des Shuttles der Amerikaner aber nicht tangieren…

Plötzlich werden die Funksprüche schroffer, eindringlicher. Man mahnt zum eiligen Abbruch der Mission. Und schon schlagen die ersten Trümmer des russischen Satteliten im amerikanischen Shuttle ein. Doc Ryan wird ins Weltall geschleudert und treibt ziellos und trudelnd umher. Matt Kowalski erreicht sie jedoch bald mit seinem Jetpack und schleppt sie in Richtung Shuttle ab. Hier muss man feststellen, dass die Trümmer das Shuttle durchschlagen haben und die restliche Besatzung getötet wurde. Auch der dritte Weltraumspaziergänger wurde von den Trümmerteilen getroffen. Matt und Ryan sind allein. Matt beschließt, dass man mithilfe des Jetpacks zur russischen Weltraumstation Sojus fliegen will, um von dort mittels Rettungsshuttles gen Erde zurückzukehren…

Einfacher kann Spannungskino kaum sein. Zwei Menschen, eine lebensfeindliche Umgebung und der Kampf ums nackte Überleben. Das Ergebnis ist spannendstes Survivalkino, das alleine schon aufgrund seiner packenden Ausgangssituation zu begeistern vermag und immer neue Mittel und Wege findet, um die Spannungsschraube noch gnadenloser anzuziehen. Der Sauerstoff wird knapp, der Treibstoff des Jetpacks geht zu Ende, in der Raumstationen bricht Feuer aus und die Trümmerteile des russischen Satelliten, die auf ihrem Weg immer mehr Technik zerstören und damit das um die Erde rasende Trümmerfeld immer weiter vergrößern, kehren in periodischen Zeitspannen wieder und sorgen für fantastische Destruktionsorgien, die vor allem bei der unfassbaren Zerstörungskettenreaktion der Sojus einzigartige Bilder von nie gekannter Intensität und irgendwo auch Schönheit generieren. Der geniale, mit verstörenden Sounds arbeitende Score drückt den Desasterszenen noch einen ganz eigenen Stempel auf und steigert sich immer wieder in beinahe ohrenbetäubenden Lärm. Während die eigentliche Action, physikalisch korrekt, keinerlei Geräusche produziert. So scheinen sich die Raumstationen wie Pusteblumen förmlich in ihre Einzelteile aufzulösen. So mutiert Technik, die mehrere Millionen Tonnen schwer ist und eher funktional denn schön anzuschauen ist, zu etwas unfassbar Fragilem und Verletzlichem.

All das wird zelebriert in technisch makellosen, perfekt getricksten Bildern, die keinerlei Zweifel aufkommen lassen, dass hier Menschen im Weltall um ihr Überleben kämpfen. Was noch dadurch verstärkt wird, dass die Charaktere weitaus mehr Zeit im All als in Raumstationen usw. verbringen. Auch die Illusion der Schwerelosigkeit funktioniert auf den Punkt und sorgt auch aufgrund der fantastischen Kameraarbeit für Momente der Orientierungslosigkeit. In einer Szene etwa umkreist die Kamera die dahintrudelnde Ryan Stone und fliegt um sie herum, fährt näher an sie heran, durchdringt ihren Helm und nimmt plötzlich ihre Sichtweise ein. Aus Ryans Sicht sehen wir nun, wie es sich anfühlt, im All orientierungslos dahinzugleiten und keinerlei Möglichkeit zu haben, die Flugbahn irgendwie zu stabilisieren.

George Clooney („Three Kings“) ist als souveräner Matt absolut idealbesetzt. Alleine seine Gegenwart scheint eine Art Rettungsanker zu sein. Solange er da ist, scheint gar nichts schief gehen zu können. Er ist damit ein wichtiger Fixpunkt im Film, der an eine Rettung glauben lässt. Ein Fixpunkt, den Sandra Bullock („Demolition Man“) alias Ryan Stone dringend benötigt. Frau Bullock habe ich noch nie so präsent und präzise agieren sehen, wie hier. Konzentriert entwirft sie einen glaubhaften Charakter, der immer irgendwo zwischen Hoffnung und Verzweiflung laviert und mehr und mehr zum eigentlichen Bezugspunkt für den Zuschauer wird. Und egal ob Visionen, Überlebenskampf oder ein Selbstmordversuch … Bullock hält mit ihrer großartigen Performance den Film am Laufen.

Der eigentliche Star des Filmes aber bleibt immer die existentialistische, aufs absolut Wesentliche reduzierte Story. Warum schießt irgendwer Satelliten im All ab? Uninteressant! Was macht die Charaktere Matt und Ryan aus? Unwichtig! Wieso kann ein Hobbyfunker ins All funken, Houston aber nicht? Ein Logikbug, na und? „Gravitiy“ ist brillantes, fingernägelfeindliches Spannungskino, das selbst in seinen ruhigen Momenten niemals an Spannung einbüßt oder Desinteresse hervorruft. Des Weiteren ist „Gravity“ eine großartige Sandra Bullock Show und eine Meisterleistung der modernen Tricktechnik, die hier vollends im Dienste des Mediums Films steht und eine rein funktionale Aufgabe zu erfüllen hat. Eine Klasse für sich ist die unfassbare Kameraarbeit und der beinahe wahnsinnige Score. Kurzum: „Gravity“ ist ein fantastischer Film, wobei es „Film“ meiner Meinung nach in diesem Fall gar nicht mehr trifft. „Gravitiy“ ist vielmehr ein Erlebnis, das durch fantastische 3D-(Konvertierungs)Technik dem Kinozuschauer wortwörtlich neue Räume erschließt und beinahe am eigenen Körper erfahrbar macht, was es heißt, rettungslos im All zu sein. Ein leicht wankender Schritt könnte nach dieser Extremerfahrung die Folge sein. Was soll ich sagen? Derart aus der eigenen Welt herausreißen, dass kann einfach nur Kino!

Der Film läuft aktuell in den deutschen Kinos, hat eine FSK 12 Freigabe und kommt von dem Label Warner Bros.

In diesem Sinne:
freeman

Was meint ihr zu dem Film?
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Copyright aller Filmbilder/Label: Warner Bros.__FSK Freigabe: ab 12__Geschnitten: Nein__Blu-ray/DVD: Nein/Nein, seit 4. Oktober in den deutschen Kinos

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