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Kursk

Originaltitel: Kursk__Herstellungsland: Belgien, Luxemburg__Erscheinungsjahr: 2018__Regie: Thomas Vinterberg__Produktion: Luc Besson u.a.__Darsteller: Léa Seydoux, Colin Firth, Matthias Schoenaerts, Max von Sydow, Michael Nyqvist, August Diehl, Steven Waddington, Matthias Schweighöfer, Joel Basman u.a.
Kursk DVD Cover

“Kursk” zeichnet das Unglück um das gleichnamige Atom-U-Boot nach.

Die russische Flotte hat gut zehn Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhanges längst ihre Relevanz verloren. Dementsprechend rosten große Teile der ehemals stolzen russischen Marine in Trockendocks vor sich hin, wurden verschrottet oder gar ins Ausland verkauft. Und trotzdem zeigt die russische Flotte in regelmäßigen Abständen bei Manövern, dass noch mit ihr zu rechnen ist. So geschehen im Jahr 2000.

Unter den zum Manöver ausrückenden Kampfverbänden befindet sich auch das sowjetische Atom-U-Boot „Kursk“. Nicht nur aus technischer Sicht der Stolz der russischen Marine. Das U-Boot soll im Rahmen des Manövers einen Test-Torpedo abfeuern und unerkannt in den Heimathafen zurückkehren. Eigentlich kein Problem für die eingespielte Mannschaft, doch früh zeichnen sich Abweichungen von der Normalität ab.

Vor allem die Temperatur im Kern des Testtorpedos wächst aus unerklärlichen Gründen immer weiter an. Als der Kapitän einen vorzeitigen Abschuss des Torpedos verweigert, kommt es zur Katastrophe und der Torpedo explodiert. Die Kursk sinkt sofort wie ein Stein auf den Meeresboden. Kurz darauf explodieren auch noch die verbliebenen Torpedos und zerfetzen den Bug des Bootes. Dabei stirbt der größte Teil der Besatzung. Nur ein paar Matrosen gelingt es, sich vor den eindringenden Wassermassen in den hinteren Teil der Kursk zu retten.

Bar jedweder Kommunikationsmöglichkeiten dauert es eine Weile, bis die russische Marine überhaupt feststellen kann, dass Kameraden an Bord der Kursk überlebt haben könnten. Für die beginnt aufgrund von Sauerstoffknappheit, eindringenden Wassers und zunehmender Kälte ein brutaler Kampf ums Überleben. Was sie nicht ahnen: Die russische Marine ist technisch nicht in der Lage, ihnen zu helfen. Obendrein zeigt sie sich unwillig, ausländische Hilfe anzunehmen.

Schaut in das Unterseedrama hinein

Thomas Vinterberg war es laut eigener Aussage daran gelegen, mit seinem Film “Kursk” den verstorbenen Matrosen und deren Angehörigen ein Denkmal zu setzen. Dazu präsentiert er eine mögliche Version der dramatischen Ereignisse rund um das im August 2000 in der Barentsee gesunkene Atom-U-Boot. Diese Version beginnt er mit Einblicken in den Alltag der Matrosen. Wie sie mit ihren Kameraden, mit ihren Familien und vor allem mit ihren Kindern interagieren. Auf diesem Wege bringt er dem Zuschauer die wesentlichsten Figuren näher und macht ihn empfänglich für deren Schicksal.

Interessant ist, dass Vinterberg diesen Einstieg in einem sehr beengten Filmformat präsentiert. Welches er erst zum Widescreen-Format aufzieht, als die Kursk erstmals abtaucht. Die Weite und „Freiheit“ in der Hafenstadt zu beengen und die Enge in der Kursk so breit wie möglich zu inszenieren, entpuppt sich als interessanter inszenatorischer Kniff. Ein Kniff, der Kontraste betont. Und Kontraste werden fortfolgend noch eine große Rolle für die Handlung spielen.

Kursk mit Matthias Schoenaerts

Die Matrosen verabschieden sich kurz vom Auslaufen der “Kursk”.

Zum Beispiel, wenn die russische Admiralität im Rahmen mehrerer vollkommen absurd verlaufender „Pressekonferenzen“ im Namen der russischen Regierung Vertrauen von den Angehörigen der auf dem Meeresboden gesunkenen Matrosen einfordert und sich dabei selbst in Lügen, Halbwahrheiten und Vertuschungen verstrickt.

Vor Momenten wie diesen hat Vinterberg natürlich den Untergang der Kursk gesetzt. Und dank der finanziellen Power seines Produzenten Luc Besson („Valerian“) kann der Regisseur, einst Vorreiter des minimalistischen Dogma-Kinos, aus den Vollen schöpfen.

Dementsprechend zerreißt es die „Kursk“ in fetten Spektakelbildern in ihre Einzelteile. Ohne dass in dieser Szene Helden geboren werden würden oder Pathos regiert. Die Matrosen an Bord werden zum Spielball der Elemente und Knall auf Fall aus dem Leben gerissen. Und auch im weiteren Verlauf gebiert die Situation keinerlei Heldenmut. Es geht um das bloße Überleben. Fernab von üblichen U-Boot-Klischees um berstende Rümpfe oder durch die Gegend schießender Nieten. Stattdessen darben die Matrosen die meiste Zeit ohne viel Sauerstoff vor sich hin und werden immer lethargischer.

Das Atom-U-Boot kurz vorm Auslaufen

Das Atom-U-Boot Kursk kurz vorm Auslaufen.

Und obschon man nicht alle Figuren ausführlich genug kennt, fiebert man mit ihnen mit. Aufgrund der Ausnahmesituation. Wegen diesem irren Gefühl der Beklemmung. Und wegen der Ausweglosigkeit. All das steigert Vinterberg in einer eindrücklichen Szene ins Extrem. In dieser präsentiert er den wesentlichsten Abschnitt einer Tauchszene zweier Matrosen ohne einen sichtbaren Schnitt und mittels verblüffender Kamerawege und schnürt damit dem Zuschauer auf dem Sofa förmlich den Atem ab.

Der ist ansonsten nur baff angesichts der Geheimniskrämerei der russischen Regierung. Die obendrein freilich nicht gewillt ist, zuzugeben, dass sie der Situation nicht alleine Herr werden könnte. Ein eindeutiger Wink Vinterbergs in Richtung verkrusteter Kalter-Kriegs-Denkweisen und längst überkommener Nationalstolz-Behavourismen, die vermutlich niemals wirklich abgeschüttelt werden können.

Kursk mit Colin Firth

Ausländische Militärs würden gerne helfen, dürfen aber nicht.

Dem Leid der Matrosen gibt Matthias Schoenaerts („The Loft“) mit einer grandiosen Performance ein leidendes, ausgezehrtes Gesicht. Flankiert wird er unter anderem von den Deutschen August Diehl („Inglorious Basterds“) und Matthias Schweighöfer („You are Wanted“), die ihre Rollen überzeugend mit Leben füllen. Die größten Schwergewichte im Cast, Colin Firth („Kingsman: The Secret Service“) als britischer Commodore und Max von Sydow („Branded“) als russischer Admiral, kommen zwar ein wenig zu kurz, verleihen „Kursk“ aber ordentlich Gravitas. Und die einnehmend aufspielende Léa Seydoux („Die Schöne und das Biest“) steht als kämpferische Frau von Schoenaerts Figur stellvertretend für die im Ungewissen gelassenen Angehörigen der gesunkenen Matrosen.

Inszenatorisch ist „Kursk“ über jeden Zweifel erhaben. Die wackligen Kamerabilder zu Beginn erinnern ein wenig an Vinterbergs-Dogma-Vergangenheit. Im Inneren des U-Bootes setzt sein Kameramann Anthony Dod Mantle (Oscar für „Slumdog Millionaire“) auf eine ruhige, mit langen Einstellungen arbeitende Kameraarbeit. Obschon man vom Inneren des U-Bootes aufgrund der Isolation der Überlebenden im hinteren Bereich nicht viel sieht, überzeugen die präsentierten Sets durch die Bank und kommen absolut glaubwürdig rüber. Zum Erzählton passend fällt auch der Score von Alexandre Desplat sehr nüchtern und ruhig aus.

Nüchtern und dennoch sehr bewegend: “Kursk”

Es ist vor allem dem nüchternen Blick von Thomas Vinterberg anzurechnen sein, dass sein auf dem Roman „A Time to Die“ von Robert Moore basierender Film „Kursk“ nicht zu einer verklärenden Heldenmär geworden ist. Denn obschon Vinterberg den 118 gestorbenen Matrosen und ihren Hinterbliebenen ein Denkmal setzen wollte, bleibt er in seiner Schilderung der möglichen Ereignisse weitgehend sehr sachlich und verzichtet auf Szenen, die zu sehr emotionalisieren oder zu stark werten. In seiner Geschichte gibt es folglich weder Helden noch Bösewichter. Nur Ohnmächtige, die der Ausnahmesituation auf jeweils andere Art ausgeliefert waren.

Da waren die Matrosen, die einen aussichtslosen Kampf gegen die natürlichen Gewalten kämpften. Ihre Familien, die für allerkleinste Informationsfetzen gegen ein überkommenes System aus Lügen und Selbstbetrug ankämpfen mussten. Die ausländischen Helfer, die zur Tatenlosigkeit verdammt waren. Und ein System, das sich selbst ungläubig beim Versagen zuschaute. Das alles kulminiert in „Kursk“ in einem finsteren Ende. Ein Ende, das in seinen letzten Augenblicken, wenn das Bild wieder zu dem Ausgangsformat verengt wird, doch noch einen Helden gebiert: Einen kleinen Jungen.

08

Die deutsche DVD / Blu-ray zum Film erschien am 23. Januar 2020 von New KSM und Wild Bunch Germany. „Kursk“ kommt ungeschnitten mit einer Freigabe ab 12 und hat leider nur maue Extras zu bieten.

In diesem Sinne:
freeman

Was meint ihr zu dem Film?
Zur Filmdiskussion bei Liquid-Love

Copyright aller Filmbilder/Label: New KSM / Wild Bunch Germany__Freigabe: FSK 12__Geschnitten: Nein__ Blu-ray/DVD: Ja/Ja

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