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Possessor

Originaltitel: Possessor__Herstellungsland: Großbritannien / Kanada__Erscheinungsjahr: 2020__Regie: Brandon Cronenberg__Darsteller: Christopher Abbott, Andrea Riseborough, Jennifer Jason Leigh, Tuppence Middleton, Sean Bean, Kaniehtiio Horn, Hanneke Talbot, Rossif Sutherland, Christopher Jacot, Raoul Bhaneja, Deragh Campbell, Gage Graham-Arbuthnot u.a.

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Possessor Cover

Das Poster von “Possessor”

Zeitlebens verändert sich das menschliche Gehirn, die Art, wie es denkt, wie es Erfahrungen aufnimmt und verarbeitet. Man muss dazu bloß einen kurzen Blick in David Cronenbergs Filmografie werfen. Die Signatur des kanadischen Regisseurs ist in seinen Werken immer zumindest als Schatten erkennbar, aber der Ausdruck hat sich teils radikal gewandelt. Wenn er demnächst mit seinem neuen Projekt „Crimes of the Future“ an sein inzwischen mehr als 50 Jahre altes Frühwerk gleichen Namens anknüpft, ist nicht zu erwarten, dass immer noch dieselben Frequenzen davon ausgehen werden wie damals. Crimes of the Future wird nicht Crimes of the Past sein. David Cronenberg ist längst ein anderer Mann als David Cronenberg. Doch was, wenn es ein Implantat gäbe, das ihm Zugang zum jüngeren Gehirn seines eigenen Sohnes verschaffte? Würde er ähnliche Kunst erschaffen wie vor 50, 40, 30 Jahren?

Nach eigener Aussage wurde Davids Sohn Brandon durch die Promotion-Tour seines Debütfilms „Antiviral“ zur Idee von „Possessor“ inspiriert. Man versetze sich dazu in seine Situation: Ein Nachwuchstalent aus der namhaften Cronenberg-Familie, das die unumgängliche Prozedur der kommerziellen Vermarktung über sich ergehen lassen muss. Aus dem natürlichen Kontext gerissen wie eine Schildkröte, die man ins Weltall gestoßen hat anstatt ins Wasser, bar jeden künstlerischen Kontextes, wo man von fachfremden Journalisten mit oberflächlichen Fragen bedrängt und zu diplomatischen Stellungnahmen genötigt wird, die man vielleicht abends vor dem Spiegel bereut. Da denkt man eben automatisch an die Masken, die wir alle tragen in der Öffentlichkeit. Man schwebt aus dem eigenen Körper, der zur Marionette wird, die man mit Fäden kontrolliert, während man seine wahre Natur willentlich überschreibt. Man steuert von außen die Phoneme, die sich im Rachen zu Worten und dann Sätzen formen. So gesehen eine einleuchtende Inspiration für einen Film, in dem eine Auftragskillerin beruflich in die Identität anderer Personen schlüpft, während ihre eigene Identität langsam zu verschwimmen droht. Womöglich fehlt dieser Anekdote aber der finale Kniff, um den teils sehr expliziten Tauchgang des Films in das Meer der Neuropsychologie vollends erklären zu können.

Wer nämlich „Possessor“ sieht, der sieht in erster Linie den Familiennamen „Cronenberg“. Es werden direkte neuronale Zugänge gelegt wie in „eXistenZ“, drastische Gewaltspitzen entladen sich so unvermittelt wie in „A History of Violence“. Mileus werden infiltriert wie in „Eastern Promises“. Gigantische Bildschirme erstrecken sich über den Hintergrund, die einerseits dem aktuellen Stand der Technik entsprechen, andererseits schon jetzt so anachronistisch wirken, als stammten sie aus dem VHS-Universum von „Videodrome“. Die Ausstattung wird von Requisiten geprägt, die ein hybrides Dasein fristen zwischen Kunst und Funktionalität, so wie die Teleportationskabinen aus „Die Fliege“ oder die medizinischen Instrumente aus „Die Unzertrennlichen“. Optisch dominieren sterile Farbfilter mit Sepia-Stich, wie man sie in sämtlichen 70er und 80er-Arbeiten vom Senior zu sehen bekam. Ja, wenn der Vater hier mal nicht die Finger auf dem Prozessorkern des Sohnes hat – in welcher Art auch immer, durch telepathische Gedankenübertragung, durch psychologische Kontrolle oder einfach durch das erblühende Erbgut. In jedem Fall gab es bei all den unzähligen Versuchen anderer, nicht verwandter Filmemacher keine Replika der Cronenberg’schen Genese, die näher dran war am Original. Das kann wohl kein Zufall sein.

Der formale Gestus von „Possessor“ könnte allerdings auch fast aus einem Film von Christopher Nolan stammen. Spielbestimmend dafür ist womöglich der Umstand, dass der für das allgemeine Kino so zentrale Quell von Emotionalität wie abgestorben scheint und die Handlung durch steuerbare Hülsen vorangetrieben wird, die völlig dem Willen des Regisseurs und Autoren ausgeliefert sind. Ferner erinnert an spezielle Nolan-Werke („Inception“, zuletzt „Tenet“) die Nüchternheit, mit der die eigentümlichen Genre-Merkmale des Agentenfilms in einer Petrischale für metaphysische Experimente aufgelöst werden. Der Storybogen um tödliche Machenschaften im IT-Business ist das allzu durchschaubare Rahmengerüst, um darin weiterführende Thesen der spekulativen Science-Fiction auszubreiten. Die Establishing Shots, die ihre Bahnen durch die gläsernen Hochhausfassaden von Toronto ziehen, wirken traumartig und surreal, genau wie bei „Enemy“ von Landsmann Denis Villeneuve. Tote, gläserne Architekturlandschaften zeigen sie, menschenleer und kalt, schräg gefilmt und in Slow Motion der Zeit trotzend. Cronenberg etabliert damit für die Protagonistin ein Umfeld, das trotz seines Hyperrealismus so künstlich erscheint wie eine virtuelle Realität, in der gewisse Dinge von den Programmierern einfach vergessen wurden – hier mal ein Passant, dort das Rauschen eines Flugzeugs am Himmel. Alles ist auf das wesentliche Immersionsgefühl fokussiert.

Schaut in den Trailer von “Possessor”

Andrea Riseborough ist längst auf Rollen spezialisiert, die sich in einem solchen Ambiente heimisch fühlen. Anders als die Schachfiguren in den Fingern Nolans gelingt es ihr unter Cronenberg, das Menschliche hinter der wächsernen Maske in gewissen Momenten durchblitzen zu lassen. Das hat auch damit zu tun, dass ihr Regisseur eben, anders als Nolan, an genau diesen Augenblicken des unverhofften Widerstands des Lebens interessiert ist. Man könnte sie auch als Entgleisungen innerhalb der künstlich erschaffenen Umgebung bezeichnen, verräterische Zeichen einer unter der Oberfläche wuselnden Authentizität. Sämtliche Spezialeffekte im Film sind darauf ausgerichtet, den Moment der Verzerrung der perfekten Illusion in scharfen Intervallen zu untermalen. Beim Wechsel in das fremde Bewusstsein kommen beispielsweise Bodymelt-Effekte zum Einsatz, die nicht einfach nur Feuer ins Öl der ewigen „Body-Horror“-Diskurse um das Vermächtnis des Vaters gießen; sie spielen vor allem beeindruckend mit den graduellen Stufen der Realität, indem sie die wächserne Struktur von Kunststoff elegant in organische Haut mit ausgebildeten Poren und sprießendem Haar übergehen lassen. Dann wieder sind die Übergänge hart und betont artifiziell, etwa beim Zerdrücken eines Kopfes, der während der Zerstörung wie eine knautschige Prothese wirkt, oder bei der unter rotem Stroboskoplicht erfolgenden Abstoßung der Fremdkörper-Identität. Hier lebt die Effektschule der 80er Jahre noch einmal auf (schließlich haben auch Schreckgestalten wie Freddy Krueger oder die Cenobiten aus der „Hellraiser“-Reihe derartige psychosomatische Absorption am eigenen Körper durchlebt). Und wenn die Zielpersonen der Killer mit aller grafischen Härte eliminiert werden, dann wirkt das im Moment des Eindringens der Klinge ins Fleisch zunächst einmal wie ein unwirklicher Traum. Das Blut, das sich auf den Boden ergießt, muss berührt und sein metallisches Glitzern im fahlen Licht betrachtet werden, um seine Wahrhaftigkeit erkennen zu können.

Eine Zeit lang inszeniert Cronenberg diesen Spießrutenlauf zwischen Realität und Virtualität mit einem inzwischen spürbar geschulten Auge, das aus der Distanz die Entstehung eines offenbar meisterhaft geschnittenen Puzzles überwacht. Gegenüber dem Debüt scheint er vor allem formell eine ganze Menge dazugelernt zu haben. Jedes Bild ist mit Bedeutung belegt, der Schnitt setzt stets zur rechten Zeit ein, die Dialoge sind bis zur finalen Intonation perfekt austariert und ökonomisch exakt an die leere mise-en-scène angepasst, innerhalb derer Grenzen immer genug Raum zur eigenen Interpretation gelassen wird. Manchmal reichen Einblendungen von wenigen Sekunden Dauer, rudimentäre Informationsschnipsel bloß, um den Handlungsfortlauf wieder in ein neues Licht zu rücken. Das ist ökonomisches Filmemachen vom Fach. Selbst wenn sich Brandon im Fahrwasser Davids bewegt, von ihm bzw. seiner Schule womöglich sogar kompromittiert wird, selbst wenn dies am Ende vielleicht doch seine Abhandlung eines Sohnes über die Angst ist, in der Identität seines Erschaffers gefangen zu sein (anstatt einfach nur in einer unangenehmen Interview-Situation), so verspricht die souveräne Bildsprache und der kontrollierte Handlungsaufbau, dass hier in Zukunft eine eigene Mutation der Cronenberg-Identität entsteht, fast so, als würden die 70er Jahre in einer alternativen Zeitlinie mit Cronenberg II noch einmal neu beginnen.

Dass das Ziel der Reise noch nicht erreicht ist, sieht man dann im Mittelteil, wenn sich die Handlung etwas zu steif auf klassische Thriller-Wendungen fokussiert. Wo das Spiel mit Identitäten auf noch tiefere Ebenen hätte ausgelagert werden können, da bevorzugt es das Drehbuch, immer knapp unterhalb der Oberfläche zu verweilen, um sich die Möglichkeit zu bewahren, nach Belieben aufzutauchen. Der Zugang zu den ganz dunklen Geheimnissen bleibt somit vorerst verschlossen. Aber wir sind ja schließlich erst beim zweiten Film angelangt. Und es ist ja nun auch nicht so, dass „Possessor“ als Thriller versagen würde. Hauptdarsteller Christopher Abbott bleibt jedenfalls durch das Gerüst, das um ihn herum installiert wurde, permanent gefordert. Cronenberg zwingt ihn, beim Tanz zwischen den Identitätsebenen die Balance zu halten und doch genug Schwankungen zu erzeugen, damit der drohende Abgrund jederzeit spürbar bleibt. Für Riseborough gilt das trotz der gefühlt etwas geringeren Screentime umso mehr, ist sie doch letztlich der Schlüssel zur tief verborgenen emotionalen Ebene, die in einem vielschichtig arrangierten Finale freigelegt wird, das einiges über die menschliche Natur zu entlarven weiß.

Auch mit seinem zweiten Langfilm mag Brandon Cronenberg wieder „nur“ die Welt durchstreifen, in der sein berühmter Vater vor Jahrzehnten als Pionier unterwegs war, doch selten hat man jemanden so intuitiv darin interagieren sehen wie den leiblichen Sohn. Und ist es nicht das, wonach wir am Ende gieren – noch mehr Cronenberg? „Possessor“ ist eine moderne Variante der Werke des Altmeisters, durchaus beeinflusst und inspiriert nicht nur von der Vergangenheit, sondern auch von der Speerspitze des aktuellen psychologischen Meta-Kinos. Der Altmeister selbst könnte das heute so nicht mehr drehen, weil er längst zu einem anderen Ort weitergezogen ist. Deswegen benötigt das Kino solche Filme aber heute nicht weniger dringend als damals. Und je mehr Cronenberg Juniors Gene nun Wurzeln schlagen, desto mehr freut man sich über eine hoffentlich gesicherte Zukunft des Horrorfilms im Spannungsfeld von Technologie und Identitätswandel.

7 von 10

Informationen zur Veröffentlichung von “Possessor”

Seine Premiere feierte “Possessor” in Nordamerika in den Kinos. In einigen Ländern erschien “Possessor” inzwischen bereits auf Blu-ray. Zu beachten gilt, dass der Film in zwei Versionen veröffentlicht wurde – in der R-Rated-Fassung sowie der 44 Sekunden längeren Unrated-Fassung, die in vielen Sex- und Gewaltszenen expliziter wird. Diese Besprechung basiert auf der britischen Unrated-Blu-ray aus dem Hause Signature Entertainment, die neben dem Hauptfilm im englischen Originalton noch diverse Extras zu bieten hat, unter anderem auch Cronenbergs Kurzfilm “Please Speak Continuously and Describe Your Experiences as They Come to You” aus dem Jahr 2019.

In Deutschland sind wir leider noch nicht so weit. Hierzulande war der Psychothriller bislang lediglich auf dem Fantasy Filmfest zu sehen. Im März wurde eine FSK-Bewertung für eine Kinoauswertung vorgenommen. Zu sehen sein wird ab dem 1. Juli 2021 allerdings nur die R-Rated-Fassung, diese mit einer Altersfreigabe von 18 Jahren zumindest ungeschnitten. Planungen für einen deutschen Heimkino-Release stehen aktuell noch in den Sternen.

Bildergalerie

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