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Verraten in Vietnam

„Verraten in Vietnam“, das Mittelstück der nur durch die Filmtitel verbundenen „Eye of the Eagle“-Trilogie, ist das Treffen zweier Welten. Regisseur und Co-Autor Carl Franklin will einen kritischen Blick auf das US-Engagement in Vietnam werfen, muss aber die Mittel des kostengünstigen philippinischen Actionfilms nutzen, für den Produzent Cirio H. Santiago wie kein Zweiter steht.

Originaltitel: Eye of the Eagle 2: Inside the Enemy__Herstellungsland: USA/Philippinen__Erscheinungsjahr: 1989__Regie: Carl Franklin__Darsteller: Todd Field, Andy Wood, Ken Jacobson, Shirely Tesoro, Ronald William Carl Franklin, Leif Erlandson, John Falch, Cris Albert, Louanne Mercado, Adrianne Joseph u.a.
Verraten in Vietnam

Carl Franklins Versuch dem Filipino-Billigactionfilm höhere Ambitionen zu verpassen: “Verraten in Vietnam”

Die „Eye of the Eagle“-Reihe ist eine Trilogie an Vietnam-Actionfilmen, die alle von Cirio H. Santiago inszeniert und/oder produziert wurden. Hierzulande bekamen alle drei eigene Titel, wohl auch, da sie inhaltlich keine Verbindung haben. Der zweite „Eye of the Eagle“-Film erschien als „Verraten in Vietnam“ und ist die zweite Spielfilmregie von Carl Franklin.

Dabei merkt man schon Spuren von Franklins späteren Hollywoodarbeiten wie „One False Move“, „Teufel in Blau“ oder „Out of Time“, in denen Genrestoffe und gesellschaftskritischer Kommentar zusammengingen. So gehen auch die Ambitionen von „Verraten in Vietnam“ über den nächstbesten Filipino-Ballerfilm hinaus. Die anfänglichen Szenen, welche die Kumpane Anthony Glenn (Todd Field) und Scratch Richman (Ken Jacobson) bei der Ausbildung zeigen, haben das Flair einer Lightversion von „Full Metal Jacket“, etwa wenn die versuchte Auflehnung gegen einen Drillsergeant mit einer Faust in den Magen belohnt wird. Im Gegensatz zu Kubricks Meisterwerk wird das Ganze hier aber schnell und weit weniger drastisch abgehandelt.

In Vietnam treffen sich die beiden wieder und werden mit den negativen Seiten des Krieges konfrontiert: Bombenattentate auf US-Soldaten, tote einheimische Kinder in namenlosen Gräbern, minderjährige Prostituierte in den Städten. Auch ein Kampfeinsatz in einem vietnamesischen Dorf ist alles andere als heroisch: In ihrer Panik erschießen auch Anthony und Scratch im Kampfgetümmel Zivilisten, darunter Frauen und Greise, womit sie nur schwer leben können. Als ein Hubschrauber in die Luft gejagt wird, muss sich ein Teil des Platoons allein zur Basis durchschlagen, wobei Franklin den nächsten Tiefschlag parat hat: Der Trupp gerät in einen Hinterhalt, fast alle sterben und als Anthony den Mund des schwerverletzten Scratch zuhält, damit die Vietcong sie nicht bemerken, tötet er seinen Freund unabsichtlich.

Hoffnung spürt Anthony erst wieder, als er auf seiner Odyssee durch den Dschungel die Einheimische Mai (Shirley Tesoro) trifft, sich gemeinsam mit ihr durchschlägt und sich die beiden annähern. Als Mai nach ihrer Ankunft auf dem US-Stützpunkt in zwielichtige Kreise fällt, will Anthony sie befreien – koste es, was es wolle…

Man merkt das Zusammentreffen zweier Welten in „Verraten in Vietnam“. Auf der einen Seite ist da Regisseur und Co-Autor Carl Franklin, der einen ambitionierten Vietnamfilm im Blick gehabt haben dürfte, auf der anderen Seiten Filipino-B-Actionapparat, unter anderem vertreten durch Santiago und den zweiten Drehbuchautor Dan Gagliasso („Hells Angels in Vietnam“), die es vor allem zünftig krachen lassen wollten. Das Zusammenspiel ist nicht immer sauber, die Mischung aber durchaus interessant, und mit dem Ergebnis dürften beide Seiten leben dürfen. Natürlich merkt man die Budgetlimitierungen des Films, der sein Ding in weniger als 80 Minuten durchziehen muss. Dementsprechend hat nicht jede Szene gleich viel Zeit zum Atmen, etwa wenn die versehentliche bzw. umständebedingte Tötung des besten Kumpels eher schnell abgehandelt wird. Im Gegensatz zu manchen Santiago-Reißer passiert das aber nicht nur nebenbei, sondern ist tatsächlich ein Verlust für den Helden.

So arbeitet sich Franklin an diversen Vietnamtopoi ab und bebildert die amerikanische Enttäuschung in diesem unheroischen Krieg. Den eben noch notgeilen Soldaten vergeht die Lust auf Sex, wenn eine minderjährige Prostituierte vor ihren Augen zum Akt gedrängt werden soll. Kinder sprengen sich als Selbstmordattentäter in die Luft. Im Gefecht erkennt man Freund und Feind nicht mehr, tötet Unschuldige. Anthony erhält den Silver Star dafür, dass er und seine getöteten Kameraden angeblich freiwillig zurückblieben – eine hohle Foto-Operation, gegen die Anthony vergeblich protestiert. Auch seine späteren Nachfragen desbezüglich werden abgebürstet: Eine gute Geschichte ist den Offizieren wichtiger als die Wahrheit.

Wobei dies noch die beste Option ist, denn im Mainplot stellt sich heraus, dass einige hohe Tiere einen Ring mit Zwangsprostituierten am Laufen haben, der einheimische Frauen unter Drogen setzt – darunter auch Mai. Da übernimmt dann der Genrereißer, wenn der wütende und enttäuschte Anthony seine Herzensdame auf eigene Faust aus der Gewalt der Schurken retten will. Dieser Mainplot kristallisiert sich erst zur Halbzeitmarke heraus und ist ziemlicher Standard – es dürfte kaum ein actionerfahrener Zuschauer verwundert sein, wenn sich der arschige Vorgesetzte, Major Sorenson (Andy Wood), als Drahtzieher entpuppt.

Andy Wood („Rambo II“) spielt den Bösewicht dann immerhin herrlich hassenswert und veredelt die Produktion. Auch Todd Field („Twister“) und Ken Jacobson („Bad Raiders“) machen ihre Sache recht gut, gerade für einen Billigheimer von den Philippinen. Ansonsten gibt es wenig prägnante Rollen, eine davon spielt Regisseur Carl Franklin selbst, der seine Karriere als Schauspieler begann. Mit seinen Ambitionen setzt er sich von Cirio H. Santiago ab, der sowohl den Vorgänger „Jungle Force“ als auch den Nachfolger „Blutiges Lang Mei“ inszenierte, bleibt dem Erstling aber in einer Sache treu: Auch in „Jungle Force“ war nicht der Vietcong der große Feind, sondern verbrecherische US-Boys, die eine kriminellen Operation in den Kriegswirren aufzogen. Dort war es Schmuggel, hier ist es Prostitution.

Im Gegensatz zu Santiagos Filmen schraubt „Verraten in Vietnam“ den Actiongehalt herunter. Dafür ist die Kameraarbeit für die Produktionsumstände recht brauchbar und auch die Inszenierung der Actionszenen recht ansehnlich, die vor allem Feuergefechte setzen. Neben den Kriegsszenen sticht vor allem das Finale hervor, in dem sich Anthony und Mai über die Grenze retten wollen, jedoch von Sorenson und seinen Leuten verfolgt werden: Eine Autojagd gipfelt in einem Shoot-Out vor und in einer Lagerhalle. Denn so sieht der Kompromiss zwischen Franklin und seinen Produzenten aus: Auch eine Story von Liebe, Machtmissbrauch und Verrat durch die eigenen Leute lässt sich prima mit M16 und Granatwerfer erzählen.

Mit dieser Mischung aus Balleraction mit einigen blutigen Einschüssen und kritischer Betrachtung des US-Engagements in Vietnam dürfte „Verraten in Vietnam“ zu den ambitioniertesten Eighties-Filipino-Actionproduktionen gehören. Die Mischung ist nicht immer sauber, teilweise können die niederschmetternden Szenen angesichts des Tempos und der kurzen Laufzeit nicht nachwirken, aber der Mix gibt ein ganz gutes, auf seine Weise ziemlich interessantes B-Picture her, das irgendwo zwischen Actionreißer und versuchtem Antikriegsfilm pendelt.

Die deutsche DVD von „Verraten in Vietnam“ kommt von Movie Power/KNM. Der Film ist ungekürzt ab 16 Jahren freigegeben, in Sachen Bonusmaterial gibt es Trailer.

© Nils Bothmann (McClane)

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