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Kate

Originaltitel: Kate__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2021__Regie: Cedric Nicolas-Troyan__Darsteller: Mary Elizabeth Winstead, Woody Harrelson, Miku Patricia Martineau, Tadanobu Asano, Jun Kunimura, Michiel Huisman, Miyavi u.a.
Kate

In “Kate” geht Mary Elizabeth Winstead auf einen Rachefeldzug

Nach „Nobody“ der zweite Streich von 87North, einer Abspaltung der Produktionsfirma 87Eleven von Chad Stahelski und David Leitch, bei der nur noch der Letztgenannte an Bord ist. „Kate“ wurde im Gegensatz zu anderen Werken der beiden Action-Zampanos nicht mehr fürs Kino, sondern für den Streamingdienst Netflix produziert.

Jedoch egal, ob es nun „Nobody“, die „John Wick“-Reihe oder jetzt eben „Kate“ ist, das Thema der unbesiegbaren Superkiller und -agenten zieht sich durch die Werke besagter Produktionsfirmen. Hier ist es nun die titelgebende Kate (Mary Elizabeth Winstead), die für eine ominöse Organisation Auftragsmorde begeht, angeleitet von ihrem vaterhaften Mentor Varrick (Woody Harrelson), der oft nur V genannt wird. Auf nähere Infos zu der Organisation, deren Struktur und deren weiteren Mitarbeitern muss man verzichten, ein paar Rückblenden zu Kates Ausbildung müssen reichen. Hier wird gezeigt, wie sie von Kindesbeinen an zur Killerin gedrillt wurde, inklusive ein paar klar von „Nikita“ abgeguckten Momenten.

Nachdem Kate einen ranghohen Yakuza vor den Augen seiner kleinen Tochter erschießt, denkt sie ans Aussteigen. Zehn Monate später soll es so weit sein, nur noch der Yakuza-Boss Kijima (Jun Kunimura) soll dran glauben müssen, dann ist sie durch. Der berühmt-berüchtigte letzte Auftrag aus dem Genrekino also, der genregemäß nicht nach Plan läuft: Bei Abdrücken verkrampft Kate, verfehlt ihr Ziel und muss feststellen, dass der Grund für ihre Krämpfe eine Vergiftung ist. Mit Polonium-204, wie sie später im Krankenhaus erfährt.

Ihre Lebenserwartung beträgt nur noch ungefähr einen Tag und den will sie nutzen, um Rache an den Hintermännern zu nehmen. Auf ihrer Suche in Tokio muss sie bald Kijimas Nichte Ani (Miku Patricia Martineau) entführen und für ihre Dienste einspannen – jenes Mädchen, dessen Vater sie zehn Monate zuvor erschoss…

„Kate“ ist ein reichlich unorigineller Film, dessen Inspirationsquellen man deutlich durchscheinen sieht. Den Plot um die Rache des vergifteten Profimörders, der nur noch kurze Zeit zu leben hat, gab es schon in „Crank“ und „24 Hours to Live“, die unbesiegbare One-(Wo)Man-Army im Todesballett ist seit „John Wick“ wieder schwer gefragt und den Topos vom Actionhelden, der wider Willen zum Partner und Beschützer eines Kindes wird, kam in Vorbildern von „Terminator 2“ über „Das Mercury Puzzle“ bis hin zu „Ambushed“ vor. All diese altbekannten Klischees und Plotelemente füllt „Kate“ dann allerdings auch nicht mit Leben oder zumindest interessanten Variationen, sondern folgt stumpf bekannten Schemata. So ermetzelt sich Kate bei den Stationen ihres Rachefeldzugs jeweils einen Hinweis auf die nächste Kontaktperson und wenn sie nach zwei Dritteln des Films am vermeintlichen Ziel ist, dann ist klar, dass noch ein Twist kommen muss – und zwar einer, den man schon mit geringer Genreerfahrung meilenweit kommen sieht.

Kate

Kate (Mary Elizabeth Winstead) hat nach ihrer Vergiftung nur noch einen Tag zu leben

Noch dazu sind die Personenbeziehungen eher behauptet als wirklich gut vom Film aufgezeigt. Das komplizierte Verhältnis von Varrick und der Titelheldin kauft man „Kate“ noch ansatzweise ab, die Beziehung von ihr und Ani dagegen gar nicht. Warum Kate von der desinteressierten Rächerin urplötzlich zur Beschützerin der vorlauten Göre wird, ist kaum nachvollziehbar, ähnlich wie die Sinneswandel des Yakuza-Sprosses, der zwischen maulig, heulend und großkotzig fließend hin und her wechselt. So wirkt „Kate“ in allen Szenen zwischen den beiden reichlich unbeholfen und davon gibt es leider einige. Wesentlich stärker dagegen ist der Style des Ganzen, der sich an der japanischen Popkultur orientiert: Auf Hochhäuser werden Anime-Ausschnitte projiziert, der Soundtrack bietet J-Pop, J-Rock und J-Punk, während manche Szenen bewusst comic- oder videogameartig wirken, etwa eine CGI-Autoverfolgungsjagd, die man angesichts ihrer Künstlichkeit als Actionszene eigentlich vergessen kann, die aber so Flair gewinnt.

Ansonsten gibt es neben kleineren Schusswechseln und Hauereien vier große Set-Pieces, die unterschiedliche Actiongattungen bedienen. Das erste (und beste) zeigt einen Nahkampf, in der zwar auch eine Pistole, vor allem aber Messer und Schwerter zum Einsatz kommen, und in dem Kate sich durch eine Yakuza-Schar schlägt und schlitzt. Es folgt eine weitere One-Against-Many-Szene, in der sich Kate ein Feuergefecht in den Straßen Tokios liefert. Nummer drei ist ein Küchenfight gegen einen besonders schlagkräftigen Gegner. Im Finale tritt Kate dann gemeinsam mit mehreren Unterstützern gegen eine Gegnerschar an – leider ist dies die handelsüblichste und am wenigsten spektakuläre Szene, trotz einiger netter Einfälle durch den soliden Handwerker Cedric Nicolas-Troyan („The Huntsman & the Ice Queen“) auf dem Regiestuhl, etwa wenn grüne Laserzielstrahlen einen dunklen Raum durchschneiden oder Gegner in Superzeitlupe von einer Explosion durch die Gegend geschleudert werden. Nicht zuletzt dank der Fähigkeiten von Second-Unit-Regisseur und Stunt Coordinator Jonathan Eusebio („Deadpool 2“) sieht das Gebotene immer dynamisch und übersichtlich aus, doch es fehlt ein wenig an der Extravaganz und dem Einfallsreichtum, der beispielsweise die „John Wick“-Reihe auszeichnet.

Kate

Kate wird zur Beschützerin von Ani (Miku Patricia Martineau)

Neben dem erfahrenen Stunt- und Fight-Team und der stylischen Inszenierung hat „Kate“ noch einen Trumpf parat, nämlich seine Hauptdarstellerin. Schon mit ihren Auftritten in „Gemini Man“ und „Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn“ empfahl sich Mary Elizabeth Winstead als Action-Lady, hier erhält sie eine entsprechende Hauptrolle. Schauspielerisch ist sie begrenzt gefragt, doch sie verkörpert die coole Killerin überzeugt und langt in diversen Kampfszenen sichtlich selbst zu. Woody Harrelson („Venom“) ist eh Edelsupport, hat aber nur begrenzte Screentime, während Miku Patricia Martineau nur begrenzt überzeugend ist und sich eher als Störfaktor erweist. Jun Kunimura („Midway – Für die Freiheit“) und Tadanobu Asano („Mortal Kombat“) setzen in Yakuza-Rollen noch ein paar Akzente, aber der Film gehört eigentlich ganz seiner Titelheldin bzw. deren Darstellerin.

„Kate“ ist ein Déjà-vu-Erlebnis für den Netflix-Zuschauer: Ähnlich wie beispielsweise „The Old Guard“, „Project Power“ oder „Army of the Dead“ lockt das Ganze mit einer netten Genreprämisse, einer guten Besetzung und einem zackigen Trailer, doch dahinter verbirgt sich purer Durchschnitt. In diesem Fall muss man mit altbekannten und vorsehbar dargebotenen Storyelementen ebenso leben wie mit einer etwas nervigen Kinderdarstellerin und oberflächlichen Figuren, was durch seine starke Mary Elizabeth Winstead, eine stylische Inszenierung und gute Actionszenen dann wieder zum Mittelmaß aufgewogen wird.

 


© Nils Bothmann (McClane)


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Kate enthält eine Menge Bloody Mary

Genug von JOLT? Hier kommt KATE! Der neueste Cocktail aus der Netflix-Saftbar. Weniger Elektrolyte, weniger Zuckungen im Abgang. Dafür eine Extraportion Toxine für den stylishen Leuchteffekt in Tokioter Nächten. Holt sie euch im limitierten pinken Katzenbecher. Nur solange die Aufmerksamkeitsspanne reicht!

Anders als JOLT enthält KATE zwar keine Kate, aber dafür reichlich Bloody Mary. So kann die Auftragskillerin von Welt mal schön einen Abend lang die Rampensau geben, als gäbe es sowieso nur noch ein allerletztes Morgen unter Japans Sonne. Aber Achtung: Keine Haftung für Hautverfärbungen und Blutausscheidungen. Bei Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie nach einer Knarre und zielen Sie auf Ihren Arzt oder Apotheker.

Kate

Eine klassische Wick-Situation.

Neun von zehn Chemikern bestätigen, dass auch KATE über die bewährte Powerformel verfügt. Diesmal mit noch mehr Powerkristallen. KATE hat einfach alles, was auch JOLT hat. Aber in noch krasserer Konzentration, damit man auch mal richtig was schmeckt. Ihr wollt es doch auch (behauptet der Netflix-Algorithmus): Die Larger-Than-Life-Heldin, die ihre eigenen Marionettenfäden kappt und mit gutem Beispiel vorangeht. Dazu ein alter Vertrauter, der den weichen Kern unter eurer harten Schale kennt. Denn auch harte Frauen mögen’s manchmal zart. Genießt das kurze Hello & Goodbye mit Hollywoods sexiest Glatzenträger alive, Woodrow Tracy Harrelson. Wenn ihr sein kurzes Stelldichein bei einem Augenzwinkern verpasst, schaut euch einfach das Poster an oder kauft euch einen unserer limitierten Woody-Bobbleheads für den Rücksitz eures Pink-Vanilla-Trucks. Ja, Ladies, er wird eure Daddy Issues so richtig schön durch den Mixer drehen. Versprochen! Gönnt euch außerdem eine anstrengende Sidekick-Göre, die euch anhimmelt und gleichzeitig permanent ans Bein pinkelt, bis ihr das Gefühl bekommt, die nächste Popstar-Sensation zu sein. Als 37-jährige Berufskillerin mit heftigem Hautausschlag und nur noch einem verbliebenen Tag auf der Lebensuhr bei der Zielgruppe der 14- bis 16-Jährigen noch so abzuräumen… wenn das mal nicht Respekt verdient, Mary-Liz!

Was ihr aber eigentlich wollt, ist diese alles überstrahlende Ohnmacht, die euer Denken und Handeln komplett in Beschlag nimmt. Ihr wollt… blinde, saftige, kompromisslose Rache! Und ihr sollt sie bekommen. Rache an denen, die euer Handeln lenken, die euer Schicksal bestimmen, die Entscheidungen für euch treffen und die Regeln aufstellen. Ihr wollt Chaos, Anarchie, Entmachtung, die neue Ordnung. Darüber kann es nie genug Fantasien geben.

Kate

Da wird Vin ganz schön blass!

Wenn es um Rache geht, braucht ihr aber die nötige Ausrüstung. Ihr seid sicher die kurzen, unkontrollierten Spasmen leid, die JOLT in euch auslöst. Wie soll man bei dem ständigen Stop-and-Go auch ein vernünftiges Gemetzel zustande bringen. Gar kein Problem: Die Wirkung von KATE beginnt mit brummendem Bass im Magen und bäumt sich in den folgenden Stunden zu einer Pirouette auf, die euch Pistolenkugeln schlucken und Messerklingen absorbieren lässt, als würdet ihr aus Zuckerwatte bestehen. Der drohende körperliche Zerfall wird zum invertierten Countdown, den ihr in pure Energie umwandelt. Wahnsinnige Überschläge in hochgezüchteten Reisschüsseln lassen euch höchstens milde lächeln. Während die Neon-Unterbodenbeleuchtung eure lädierten Gesichtszüge umschmeicheln, winkt ihr Vin Diesel recht freundlich mit dem Mittelfinger, so dass er vor Neid sein letztes Haar verliert. Und was wäre so ein Amoklauf durch die japanische Hauptstadt schon ohne fiese Untergrundgestalten. Die könnt ihr mit Grummeln im Bauch nach allen Regeln der John-Wickeskunst filetieren, bis die Katana-Spitzen aus dem Nasenrücken ragen und gespaltene Schädeldecken und zarte Bluttröpfchen das Feng Shui in den eigenen vier Shoji aufwerten. Ein Tänzchen mit vier oder fünf mittelschwer bewaffneten Japanern lässt euch doch höchstens locker mit der Hüfte kreisen. Zu Eissäulen erstarrte Zeugen eurer Aufräumaktionen fordert ihr mit einem schelmischen Zwinkern zum Abgang und sie spuren auf der Stelle. Fun, fun, fun! Ihr gewöhnt euch so sehr an eure Rolle, dass ihr kurz das Schwarz am Ende des Tunnels vergesst und Spaß habt an dem, was ihr macht. Am Ende müsst ihr nicht einmal mehr selbst Hand anlegen. Wie Neo aus der Matrix setzt ihr euch einfach eine Sonnenbrille auf und geht lässig in Zeitlupe den marmorierten Catwalk einer Lobby entlang, während die Crazy 88 für euch die Kugeln fliegen lassen, denen auszuweichen völlig überflüssig wäre.

Kate

Jetzt ist alles egal.

Ja, das ist KATE, unsere heißeste Cocktail-Kreation. Nur diese Woche in den Top Ten unserer meistgefragten Bestellungen. Mit Liebe und Kalkül von unserem Barkeeper aus angebrochenen Flaschen zusammengestellt. Probier-Aktion: Eine Boom Boom Lemon als Absacker inklusive. Nicht erschrecken, wenn ihr auf halbem Weg auf einmal kurz die ein oder andere ungewöhnliche Note ertastet. Solltet ihr glauben, auf Abwege zu geraten: Don’t worry, 心配しないで, Unsere Grundformel bleibt selbstverständlich unangetastet und unsere Twists sollen den Gaumen nur kitzeln, nicht gleich den Rachen spalten. Also keine Sorge. Und wenn ihr im Nachgang doch einen bittersüßen Geschmack spürt, ein ungewöhnlich befriedigendes Aroma, eines, das beim Anblick der völlig fertigen Mary Elizabeth Winstead Assoziationen mit der jungen Sigourney Weaver zu Ripley-Zeiten erzeugt, zum Beispiel … dann haben wir vielleicht sogar eure Mom und euren Dad am Haken. Lasst sie doch mal probieren!

Ach ja, nicht vergessen: Schaut nächste Woche wieder vorbei, dann haben wir BLIZZ, FUZZ und SLURP im Programm!

Als Netflix-Produktion ist „Kate“ nur bei dem Streamingdienst zu sehen und nicht auf Blu-Ray oder DVD erhältlich. Er hat keine offizielle FSK-Freigabe und wird von Netflix ab 16 Jahren empfohlen.

© Sascha Ganser (Vince)

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