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The Pool

Originaltitel: Narok 6 metre__Herstellungsland: Thailand__Erscheinungsjahr: 2018__Regie: Ping Lumpraploeng__Darsteller: Theeradej Wongpuapan, Ratnamon Ratchiratham u.a.

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Cover

Mann gegen Krokodil: Das Cover von “The Pool”

Eine Armlänge nur! Die rettende Kante lässt sich bereits ertasten, aber nicht ergreifen. Es nützt alles nichts: Auch wenn der Ausweg noch so nah erscheint, er ist letztlich unerreichbar. Welch sadistische Ader der Verfasser eines Drehbuchs nur haben muss, damit er seine Figuren auf so unbarmherzige Art mit den physischen Grenzen des Erreichbaren konfrontiert…

Hierzulande kennt man ein solch zermürbendes Szenario vor allem durch den deutschen Survival-Thriller „Open Water 2“ (2006), in dem eine übermütige Gruppe von Inswasserspringern und Badeleitervergessern im offenen Meer Bekanntschaft mit Haien machte. Der thailändische Writer/Director Ping Lumpraploeng nutzt für „The Pool“ eine ähnliche Prämisse, greift aber dafür auf völlig unterschiedliche Parameter zurück.

Erstens dient statt des offenen Meers (wahlweise auch statt endloser Wälder – siehe “Backcountry“) ein Swimming Pool als Kulisse, dessen Wasserpegel langsam gen 0 sinkt. Begrenzter Raum also, der schnell erschlossen ist und die Handlung zum Kammerspiel geraten lässt. Das erlaubt zwar nicht die Bewegungsfreiheit einer Open World, eröffnet aber im Gegenzug ganz neue taktische Möglichkeiten, Spannung zu erzeugen. Die Angst vor der Verlorenheit im Nirgendwo und dem unsichtbaren Angreifer von unten mag auf einer abgesteckten Fläche von 200 Quadratmetern mit festem Boden unter den Füßen nicht zur Geltung kommen, doch unter diesen Bedingungen ergeben sich völlig neue Gelegenheiten.

Zweitens sind es diesmal nur zwei Figuren, die um ihr Leben kämpfen müssen. Ein Werbefilm-Produktionsdesigner gerät in die missliche Lage, weil er nach der Arbeit auf einer Luftmatratze schwimmend eindöst, seine Freundin gesellt sich zu ihm, weil sie die Lage fehlinterpretiert. Am Rand des Beckens bellt noch der angeleinte Hund des Unglücksvogels. Damit ist der harte Kern bereits abgezählt. Die fröhliche Runde „10 kleine Thailänder“ fällt dankenswerterweise ins Wasser und das Risiko handelsüblicher Stangenware wird dramatisch reduziert.

Drittens: Keine Haie, die im körper- und formlosen Schwarm um Schiffbrüchige kreisen, sondern ein einzelnes Krokodil. Ungewöhnlich eröffnet Lumbraploeng seinen Film aus dem Nichts mit einer Attacke, die eigentlich zum letzten Filmdrittel gehört. Angesichts der Umstände eine zumindest diskussionswürdige Entscheidung, denn mit der actionreichen Einführung des Krokodils wird die größte Schwäche von „The Pool“ schnell preisgegeben. Die Rede ist von der unausgegorenen Qualität der Computeranimation, die das begrenzte Budget ausgerechnet zu Filmbeginn besonders unbarmherzig offenlegt. In Sachen Beleuchtung, Schattenwurf und Oberflächenbeschaffenheit hätte das Reptil zweifellos noch eine Menge Feinschliff vertragen können.

Schaut in den Trailer zu “The Pool”

Das gilt umso mehr, da diesem Krokodil nicht etwa die Rolle des Klassenclowns nach „Sharknado“-Bauart zugedacht ist oder die des Rächers in einem mit anthropomorphen Verhaltensweisen aufgeblasenen Die-Natur-schlägt-zurück-Horrorfilm. Angepeilt wird stattdessen eine betont naturalistische Darstellung. Über weite Strecken verzieht sich der ungebetene Gast in seine Ecke, legt öfter mal eine Siesta ein und folgt auch mal seinem Fluchtinstinkt – um jedoch im richtigen Moment zu attackieren. Anfangs kann die Diskrepanz zwischen geschriebener und visualisierter Form dazu führen, dass die meist abrupt aufgebaute Bedrohung keine rechte Durchschlagskraft entfaltet. Man starrt sozusagen durch die leere Animationshülse hindurch in einen leeren Pool, was es erschwert, sich in die Situation hineinzuversetzen, zumal auch Close-Ups und Teilbereiche komplett über den Rechner gelöst wurden und nicht etwa mit prothetischen Effekten, um zumindest ein wenig die tatsächliche Präsenz des Reptils anzudeuten.

Der Regisseur bleibt aber konsequent bei seiner Linie und setzt sich mit seinem humorlos-realistischen Konzept durch. Gerade weil sich das Krokodil – ungeachtet seiner offensichtlichen digitalen Herkunft – wie ein Krokodil verhält und nicht wie eine außer Kontrolle geratene Killermaschine, eröffnen sich dem Skript ungeahnte Strategien, die Handlung stets in eine unerwartete Richtung zu kippen. Sämtliche Handlungsoptionen am Rand und am Grund des Beckens werden bis ins Detail analysiert und gemäß Trial & Error ausprobiert, Zufall und Physik werden nach Murphys Gesetz miteinander kombiniert, wechselnde Witterungsbedingungen spielen massiv in die Dynamik ein und sorgen auch optisch für die dringend nötige Abwechslung. Neunzig Minuten lang die Reflexion des gleißenden Sonnenlichts auf den weißen Fliesen betrachten zu müssen, wäre gegen Ende wohl in dezente Kopfschmerzen ausgeartet, zumal die visuellen Kontraste in diesen Momenten sehr steil angesetzt sind. Da tut es den Augen gut, wenn Nacht und Regen zwischendurch mal neue Akzente setzen – und gleichzeitig für die Gefangenen neue Herausforderungen bieten.

Wer es sich als Zuschauer in den Kopf gesetzt hat, um jeden Preis die Glaubwürdigkeit der kontinuierlichen Abfolge von teils haarsträubenden Rückschlägen bei der Flucht aus dem gefliesten Kerker in Frage zu stellen, wird vermutlich kein Problem haben, sein Haar in der Suppe zu finden. Die Dramaturgie jedenfalls tangiert dies nicht: „The Pool“ bleibt durchgehend spannend, einfallsreich und unberechenbar. Strategisch wird das minimalistische Set bis auf den letzten Zentimeter ausgereizt, so dass es gar nicht nötig ist, dem Zuschauer mit einer ausufernden Exposition auf die Nerven zu gehen. Der einzige Subplot hält sich dezent im Hintergrund und dient dazu, die Beziehung zwischen dem Darsteller-Paar zu vertiefen, das zugegeben nicht besonders progressiv geschrieben ist; letztlich wird ziemlich deutlich, dass Theeradej Wongpuapan als Problemlöser fungieren soll, während Ratnamon Ratchiratham als Damsel in Distress einen Teil ihrer Szenen sogar im Zustand der Bewusstlosigkeit verbringt.

Am Ende gilt: Mit zwei Schauspielern, einem verwaisten Swimming Pool und einem mäßig animierten Krokodil muss man erst einmal so umgehen können. Ping Lumpraploeng zeigt die Talente eines Straßenmusikers, dem man ein Stück Holz in die Hand drückt und der damit prompt ein ganzes Konzert veranstaltet. So etwas wie „The Pool“ ist allemal interessanter als das nächste Creature Feature, bei dem häppchenweise eine hirnlose Gruppe von Hysterikern dezimiert wird. Denn manchmal sind die Rahmenbedingungen interessanter als das Monster selbst.

6 von 10

“The Pool” ist seit Januar 2020 über Busch Media auf Blu-ray und DVD erhältlich. Enthalten ist die thailändische und deutsche Tonspur in DTS-HD MA5.1-Abmischung. Für die Originaltonspur können deutsche Untertitel hinzugeschaltet werden. Extras sind leider keine enthalten.

Bildergalerie von “The Pool”

The Pool

Die Dreharbeiten für einen Werbespot an einem verwaisten Swimming Pool bringen Day (Theeradej Wongpuapan) schon bald in eine missliche Lage.

The Pool

Koi (Ratnamon Ratchiratham) macht sich bereit, zu ihrem Freund ins Verderben zu springen.

The Pool

So nah und doch so fern…

The Pool

Krokodile schlafen gerne. Verständlich, dass es sein Sofa mit dem Leben verteidigt.

The Pool

Nützt nur alles nichts, wenn sich die Frau einmal in das Möbelstück verliebt hat.

The Pool

Das Kinderspiel “Kroko-Doc” scheint bei dieser Szene Pate gestanden zu haben.

The Pool

Achtung, Krokodile sind nachtaktiv.

The Pool

Vom Regen in den Kroko-Bauch?

Sascha Ganser (Vince)

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