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Electric Boogaloo

Originaltitel: Electric Boogaloo: The Wild, Untold Story of Cannon Films__Herstellungsland: Australien, Großbritannien, Israel, USA__Erscheinungsjahr: 2014__Regie: Mark Hartley__Darsteller: Dolph Lundgren, Molly Ringwald, Mimi Rogers, Alex Winter, Olivia d’Abo, Marina Sirtis, Bo Derek, Franco Nero, Richard Chamberlain, Robert Forster, Michael Dudikoff, Sam Firstenberg, Albert Pyun u.a.

Hören Actionfans den Begriff „Cannon Films“ purzeln sofort diverse Filmtitel: „Missing in Action“, „Delta Force“, „Bloodsport“, „Night Hunter“, „American Fighter“, „Death Wish 2“, „Double Force“ oder „Over the Top“. Dass „Cannon Films“ auch „Barfly“ oder Franco Zeffirellis „Otello“ produzierte, wird dabei häufig übersehen. Denn „Cannon Films“ hatte von jeher den Ruf, vor allem Schundfilme auf die Menschheit loszulassen. Die Dokumentation „Electric Boogaloo“ von Mark Hartley nimmt sich der bewegten Geschichte des Studios von Menahem Golan und Yoram Globus an.

„Filme zu drehen ist, als wäre man im Krieg!“ Menahem Golan

Electric Boogaloo

“Electric Boogaloo” fokussiert auf die wechselhafte Geschichte von “Cannon Films”.

Alles begann mit zwei Kinofans aus Tel Aviv: Menahem und Yoram. Diese gingen als Teenager bevorzugt ins Kino und flüchteten sich hier aus ihrer Realität. Und sie liebten, was sie da sahen. Vor allem Menahem Golan versuchte bald, selbst Filme wie jene zu drehen, die er als Teenager nur zu gerne in den israelischen Kinos sah: „Öfter mal was Junges“ (1969), „Operation Thunderbolt“ mit Klaus Kinski (1977) oder „Agenten kennen keine Tränen“ (1978) hießen einige seiner Filme. Seinen größten Erfolg feierte er jedoch zusammen mit seinem jüngeren Cousin Yoram Globus als Produzent der Sexklamotte „Eis am Stiel“ (1977). Ein absoluter Superhit des israelischen Kinos, der auch international Kasse machte. Spätestens jetzt hatten die beiden Blut geleckt. Das israelische Kino lag ihnen schnell zu Füßen und es wurde Zeit, zu expandieren…

Fortan dachten die beiden natürlich darüber nach, sich gen Hollywood zu orientieren. Sie stiegen in das 1967 durch Dennis Friedland und Christopher C. Dewey gegründete unabhängige Filmstudio „Cannon Films“ ein und produzierten billig heruntergekurbelte B-Filme für den amerikanischen Markt. Die Themen: Blut und nackte Haut. Solche Filme gingen eben immer. Langsam aber stetig bauten sie sich einen Ruf als Underdogs von Hollywood auf. Ihr Output wurde zwar weitgehend belächelt, doch die Zahlen begannen mehr und mehr für sich zu sprechen. Vor allem der allmählich boomende Videomarkt brachte „Cannon Films“ Millionenerträge.

Bald produzierte das Independent-Studio im Jahr mehr Filme als die große Konkurrenz insgesamt und man zelebrierte den Erfolg mit durchaus protzigem Gestus. Doch die richtig großen Superhits blieben genauso aus wie die künstlerische Anerkennung. Zudem begann man sich mit den ganzen parallel laufenden Filmprojekten zu verkalkulieren. Irgendwann machte die Börsenaufsichtsbehörde ihre Aufwartung und die Finanzprobleme waren nicht mehr weg zu lächeln. 1988 steigt Giancarlo Parretti als CEO bei „Cannon“ ein und verspricht Abhilfe. Doch der windige Typ erweist sich als Hochstapler, der zudem einen Keil in die Beziehung von Menahem Golan und Yoram Globus treibt. Eine Ära geht zu Ende…

„Es ist schwierig, ‘Cannon Films’ zu sagen, ohne zu lachen. Das Publikum war auf diesen Irrsinn nicht vorbereitet.“

„Electric Boogaloo“ beschreibt in hohem Tempo Aufstieg und Niedergang von „Cannon“ mittels vieler, rasant montierter Zeitzeugeninterviews, die vor allem auf Menahem Golans Wirken fokussieren. Er war die schillernde Gestalt hinter „Cannon“, während Yoram Globus eher als der zurückhaltendere Geschäftsmann dargestellt wird. Dessen Verdienste werden zwar nicht unterschlagen (so kaufte er ganze Kinoketten in Italien, Holland und England auf, fädelte eine Vielzahl an Immobiliendeals ein usw.), es wird aber überdeutlich, dass sein älterer Cousin die eigentliche Triebfeder hinter „Cannon“ gewesen zu sein scheint. Ein robuster, lauter, unangepasster Mann, voller Liebe zum Film und immer bereit Wagnisse einzugehen. Dem aber das grundlegende Talent ein Stück weit abging. Das bringt so mancher Interviewpartner wenig schmeichelhaft auf den Punkt. So wird Menahem irgendwann gar als Jabba the Hutt des Filmgeschäfts bezeichnet.

Electric Boogaloo

Charles Bronson sah mehrfach rot für Cannon…

Innerhalb von 107 Minuten wird der Zuschauer mit Informationen zu den verschiedensten Produktionen „Cannons“ versorgt. Von „Inga“, „Joe“ und „Happy Hooker“, die den Independent Geist noch in jedem einzelnen Bild atmeten, über „Schizoid“ bis zu dem ersten (und weitgehend einzigen) großen Blockbuster „Breakin’“, der sich dem damals erstarkenden Breakdance widmete, geht die wilde Reise. „Death Wish 2“ mit Charles Bronson wird gewürdigt und es wird genauer darauf eingegangen, wie „Cannon“ ganz nach dem Vorbild großer Studios wie MGM und Warner versuchte, einen Grundstock an studioeigenen Stars aufzubauen: Chuck Norris, Charles Bronson, Bo Derek, Sylvia Kristel oder Michael Dudikoff finden infolgedessen ebenso Erwähnung, wie die größenwahnsinnige Zusammenarbeit mit Sylvester Stallone bei „Over the Top“, dessen Gehaltsforderung die Gagenpolitik der amerikanischen Studios grundlegend und nachhaltig durcheinanderwirbelte.

Electric Boogaloo

Chuck Norris sollte zum Superstar des Studios aufgebaut werden.

Die Versuche „Cannons“ auch künstlerisch anerkannt zu werden, finden natürlich auch Erwähnung. So hört man witzige Anekdoten über die Dreharbeiten zu Jean Luc Godards „King Lear“ oder wie sich Menahem Golan von John Cassavetes übers Ohr hauen ließ. Franco Zeffirelli bezeichnet den unter „Cannon“-Mithilfe entstandenen Streifen „Otello“ als seinen besten Film überhaupt und auch „Barfly“ (mit Mickey Rourke) oder der großartige „Runaway Train“ (mit Eric Roberts) finden Eingang in die Dokumentation. Immer mit dem bitteren Unterton versetzt, dass diese Filme, wären sie von einem anderen Studio produziert worden, anders angenommen worden wären.

„Die beste Schule, wie man Filme nicht macht, ist Cannon!“

Allgemein ist der Ton der Dokumentation aber ein entspannter. Die Anekdoten sind wirklich witzig, die dargereichten Storys reichen von skurril bis unglaublich und nur wenigen Interviewten merkt man an, dass sie noch mit Groll auf die damalige Zeit zurückschauen. Wenngleich Aussagen wie folgende, eine deutliche Sprache sprechen:

„Sie überhäuften einen entweder mit Geschenken oder sorgten dafür, dass man um seine Karriere fürchten musste.“

Allgemein erkennen aber alle an, dass sich die beiden nicht an die damaligen Regeln halten wollten und wahre Schlitzohren ihrer Zunft waren, die wohl am besten verstanden hatten, wie sehr vor allem das Klappern zum Handwerk eines (unabhängigen) Filmproduzenten gehört. In der Folge sehen einige Interviewpartner die beiden Cousins als direkte Vorbilder für die Weinsteins, nur dass diese mehr auf die Qualität achten würden.

Electric Boogaloo

Van Damme kickte in “Bloodsport” und “Cyborg” für Golan/Globus.

„Electric Boogaloo“, benannt nach dem Sequel zu dem großen „Cannon“-Hit „Breakin’“, ist eine tolle, kurzweilige, sehr lebendige und für Filmfans äußerst interessante Reise in die Vergangenheit. Die allerdings durchaus auch etwas wehmütig stimmt. Vor allem, wenn man bedenkt, dass inzwischen nicht nur „Cannon“ sondern auch ihr wichtigster Markt – die Videotheken – in die vollkommene Belanglosigkeit verabschiedet worden. Anhand einzelner Filme wird der Weg des Studios von Wegbegleitern der beiden Filmverrückten Menahem Golan und Yoram Globus nachgezeichnet. Dabei wird ein ganzes Füllhorn an Informationen geliefert, die helfen, sich vor allem von Menahem Golan ein ziemlich plastisches Bild machen zu können. Die Interviewten (darunter Michael Dudikoff, Dolph Lundgren, Sam Firstenberg und Albert Pyun) wahren dabei einen respektvollen Grundton, können sich aber diverse Bissigkeiten nicht verkneifen. Dass Yoram dabei so außen vor bleibt, ist eine Schwäche der Dokumentation. Eine andere ist, dass die Werke „Cannons“ leider nicht in den zeitgenössischen Kontext eingeordnet werden. Vor allem die erzkonservative bis erzreaktionäre Ausrichtung der Actionstreifen des Studios wird nicht erwähnt oder hinterfragt. Auch hätte man sich mehr Zahlen und mehr über die Wahrnehmung des Studiooutputs durch das Publikum gewünscht. Eine grundsätzliche Darstellung der Entwicklung des Studios wäre definitiv auch sinnvoll gewesen. Leider versagten Golan und Globus dem Projekt ihr Mitwirken. Wodurch eine weitere große Lücke in der Doku klafft. Stattdessen unterstützten sie im Übrigen eifrig ein Konkurrenzprodukt „The Go-Go Boys: The Inside Story of Cannon Films“… Schaden können diese „kleinen Problemchen“ dem Unterhaltungswert von „Electric Boogaloo“ in keiner Weise.

Die deutsche DVD/Blu-ray der Dokumentation erscheint am 21. April 2015 von Ascot Elite und ist mit einer FSK 16 Freigabe trotz blutiger Ausschnitte indizierter Streifen uncut. Als Extras gibt es neben Trailern zur Doku und Menahem Golan Imitationen ein paar Deleted Scenes über Filme wie „10 to Midnight“, „Tough Guys don’t dance“, „Spider-Man“ und „Captain America“. Auf Blu-ray komplettiert eine 52-minütige Trailersammlung zu „Cannon“ Filmen das Extras-Paket.

In diesem Sinne:
freeman

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Copyright aller Filmbilder/Label: Ascot Elite__FSK Freigabe: ab 16__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Ja/Ja

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