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Motherless Brooklyn

Originaltitel: Motherless Brooklyn__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2019__Regie: Edward Norton__Darsteller: Edward Norton, Bruce Willis, Gugu Mbatha-Raw, Willem Dafoe, Bobby Cannavale, Ethan Suplee, Dallas Roberts, Leslie Mann, Fisher Stevens, Cherry Jones, Michael Kenneth Williams, Josh Pais, Robert Wisdom u.a.
Motherless Brooklyn

Neo-Noir von und mit Edward Norton: “Motherless Brooklyn”, in dem Bruce Willis den Mentor des Helden gibt

Noir- und Crime-Stoffe erzählen in ihren Thrillerhandlungen oft etwas über gesellschaftliche Probleme und Zusammenhänge, egal ob in der Gegenwart angesiedelt wie „Gone Baby Gone“ oder „Widows“ oder in die Vergangenheit verfrachtet wie „Chinatown“ oder „L.A. Confidential“. Edward Nortons Adaption des Jonathan-Lethem-Romans „Motherless Brooklyn“ verschiebt das eine ins andere: Der eigentlich in seinem Erscheinungsjahr 1999 spielende Roman wird nun in die 1950er umgebettet.

Norton hatte die Verfilmungsrechte bei Erscheinen des Buches gesichert, doch es dauerte 20 Jahre bis „Motherless Brooklyn“ das Licht der Leinwand erblickte. Das Ergebnis ist die volle Packung Edward Norton, denn der ist hier Regisseur, Drehbuchautor, Produzent sowie Hauptdarsteller in der Rolle des Tourette-geschädigten Lionel Essrog, manchmal auch Brooklyn genannt. Diesen Spitznamen hat er von seinem Mentor, dem Privatdetektiv Frank Minna (Bruce Willis), für den er mit seinen Kumpels Tony Vermonte (Bobby Cannavale), Gilbert Cooney (Ethan Suplee) und Danny Fantl (Dallas Roberts) arbeitet. Die spannende Auftaktsequenz, in der Lionel und Gilbert Frank bei Verhandlungen mit zwielichtigen Gestalten unterstützen sollen, etabliert Lionel und seinen Umgang mit seinen Ticks ebenso wie den Mainplot: Am Ende der Verhandlungen wird Frank von den Schurken über den Haufen geschossen und erliegt seinen Verletzungen.

Dass das Ganze eine große Sache sein muss, ist den Figuren ebenso klar wie dem Zuschauer – es wollen immerhin rund zweieinhalb Stunden Film gefüllt werden. Da Frank seiner Crew so gut wie nichts über den Job erzählt hatte, kommt ein besonderes Talent Lionels zum Tragen: Er kann sich Sachen extrem gut merken. Also geht er die Details noch einmal durch und stößt bald auf das Bauamt der Stadt als zentralen Punkt der Verschwörung. „Motherless Brooklyn“ führt den Immobilienhai Moses Randolph (Alec Baldwin), basierend auf dem tatsächlichen New Yorker Städteplaner Robert Moses, auch direkt als einschüchternden Machtmenschen auf, an dessen Verstrickung in krumme Geschäfte von seiner ersten Szene an kein Zweifel ist, was es dem Film allerdings auch erlaubt ihn direkt als majestätische Nemesis zu etablieren.

Moses besetzt gleich drei wichtige Posten in der neu konstituierten Stadtverwaltung, doch Lionel weiß nicht, was das alles mit dem Mord an Frank zu tun hat. Bei seinen Recherchen stößt er auf den etwas verwahrlosten, aber gut informierten Paul (Willem Dafoe) und die Sekretärin Laura Rose (Gugu Mbatha-Raw), die ebenfalls in den Fall verwickelt scheinen…

Motherless Brooklyn

Privatdetektiv Lionel Essrog (Edward Norton) stößt bei seinen Recherchen auf Laura Rose (Gugu Mbatha-Raw)

Die Verpflanzung des Lethem-Stoffs in die 1950er macht angesichts dieser Prämisse viel Sinn, denn „Motherless Brooklyn“ ist derart archetypischer Hard-Boiled-Noir-Stoff, das auch jederzeit Philip Marlowe oder Sam Spade vorbeischauen könnten. Der Slang, die Figuren, all das ist Genrekino in Reinform, wesentlich mehr Fifties als Nineties, wobei Norton da beim Drehbuch auch noch etwas nachgeholfen haben könnte. Für die Ausstatter ist „Motherless Brooklyn“ allerdings ein gefundenes Fressen, können sie die 1950er doch in all ihrem Glanz wieder zum Leben erwecken, mit den traditionellen Trenchcoats und Fedora-Hüten, mit den Automobilen, den Nachtclubs und den Münzfernsprechern jener Jahre. Norton inszeniert New York als Metropole im Auf- bzw. Umbau, wo Immobilienhaie ihre Geschäfte wie Mafiabosse abhalten und sich schon mal zum Gespräch mit Privatdetektiven in schummrigen Hallenbädern treffen.

„Motherless Brooklyn“ hat viel Stil, greift aber gleichzeitig reale (Bau-)Sündenfälle jener Jahre auf. Denn die Stadtplanung jener Jahre war sozialer Sprengstoff, gekennzeichnet von Rassismus und Ghettoisierung. Neue Highways wurden bevorzugt durch die Viertel armer und/oder schwarzer Mitbürger gebaut, zweifelhafte Umsiedlungsgarantien inklusive, Parks hingegen gab es fast ausschließlich in den Viertel gut betuchter weißer Mitbürger. Und bestimmte Brücken wurden gleichzeitig in einer Höhe konstruiert, die verhinderte, dass die Buslinien sozial schwache Mitbürger zu den Stränden fahren konnten, wenn sie schon keinen Park in der Nähe hatten. All diese Formen struktureller Diskriminierung und institutionellen Rassismus prangert „Motherless Brooklyn“ im Vorbeigehen an, ohne sich explizit als Sozialdrama zu verstehen.

Motherless Brooklyn

Frank Minna (Bruce Willis) ist Lionels Chef und Mentor

So wird aus dem Film trotz Lionels Zustand auch kein Behindertendrama. Mag ein Private Eye mit Tourette anfangs eher wie ein Stoff wirken, aus dem man eigentlich eine Parodie stricken sollte, so etabliert „Motherless Brooklyn“ ihn direkt als abgebrühten Ermittler, der trotz der Tourette-Beeinträchtigung Spürsinn und Cleverness beweist. So liegt ein Reiz von „Motherless Brooklyn“ dann auch in den nicht ganz gewöhnlichen Figuren, die ihm eine ganz eigene Nuance geben. Neben Lionel wäre da vor allem Moses zu nennen, der sich stets wie eine Art Gottkaiser benimmt, aber auch Lionels mehr oder weniger windige Kompagnons, ein riesenhafter Handlanger auf Schurkenseite oder ein cooler Jazz-Trompeter (Michael Kenneth Williams). All diese Figuren sind durch das umfassende Komplott hinter den Kulissen miteinander verbunden. In klassischer Noir-Manier ist Verbrechen ein Zustand, der fast alle betrifft, egal ob sie Täter, Ermittler oder Leidtragende sind.

Insofern ist „Motherless Brooklyn“ ein durchaus charmanter, reizvoller Film. Aber auch ein viel zu langer. Denn Norton will als Regisseur zu viel auf einmal, schwelgt in Jam Sessions im Jazz-Club ebenso wie in den Szenen, die Lionels Einsamkeit verdeutlichen. Man könnte sicher problemlos rund 20 Minuten aus dem Film kürzen und keine wichtigne Details verlieren, zumal Norton das Publikum dann doch eher als Betrachter eines Krimiplots ansieht, es nicht tiefenentspannt in eine vergangene Epoche eintauchen lässt wie etwa Quentin Tarantino in „Once Upon a Time in Hollywood“. Noch dazu verlässt sich „Motherless Brooklyn“ im Schlussviertel auf enttäuschend flache, konventionelle Elemente, etwa eine Rettung in letzter Minute, bei der eine Nebenfigur einem potentiellen Mörder schnell noch einen über den Schädel gibt, ehe der Held dran glauben muss. Vor allem wirken solche 08/15-Mätzchen irgendwie unpassend angesichts des sonst ruhigen Tons des Crime-Dramas, als ob man nach der Beschreibung einer Gesellschaft, die dem Verbrechen ohnmächtig gegenübersteht, doch noch einen klischeehaften Sieg für den Helden einfahren wollte.

Motherless Brooklyn

Eine echte Schau: Alec Baldwin als Immobilienhai Moses Randolph

Man kann allerdings gut verstehen, was Edward Norton als Schauspieler an der Hauptrolle reizte: Schon in „Zwielicht“ und „The Score“ hatte er Menschen mit geistiger Behinderung in Genrestoffen gespielt, hier ist gleichzeitig cooler Private Eye und Versehrter, was ihm die Möglichkeit bietet die komplette Bandbreite seines Könnens zu zeigen. Bruce Willis („Surrogates“) wird als Mentor zwar an zweiter Stelle genannt, kehrt aber nach der Auftaktszene nur für ein, zwei Visionen des Helden zurück – aber Willis hat sichtlich Spaß an der Rolle des Hard-Boiled-Detektivs und spielt diese mit wesentlich mehr Elan und Verve als quasi alle anderen seiner Rollen der jüngeren Vergangenheit. Alec Baldwin („Mission: Impossible – Fallout“) ist eine Augenweide als megalomaner Schurke, der den Bürgermeister in dessen Büro zur Sau macht, während Gugu Mbatha-Raw („The Cloverfield Paradox“) als undurchsichtige, aber nicht diabolische Frau im Zentrum des Films ebenfalls toll aufspielt, als eine Art Seelenverwandte des Helden. Und dann sind da noch die bekannten Gesichter in den Nebenrollen, die alle tolle Arbeit leisten: Bobby Cannavale („Ant-Man and the Wasp“), Ethan Suplee („Deepwater Horizon“) und Dallas Roberts („Mayhem“) als Privatschnüffler, Leslie Mann („Der Sex Pakt“) als Ehefrau Minnas, Michael Kenneth Williams („Superfly“) als Jazzmusiker, Willem Dafoe („John Wick“) als geheimnisvoller Informant, Josh Pais („Joker“) als schmieriger Kompagnon Randolphs, Cherry Jones („Der Sturm“) als engagierte Kämpferin für die sozial Schwachen sowie Robert Wisdom („The Loft“) als Nachtclubbesitzer.

Besetzung, Ausstattung und Noir-Flair von „Motherless Brooklyn“ sind wirklich zum Zungeschnalzen, weshalb man schnell in den Film einsteigt, der famosen Auftaktszene sei Dank. Würde Edward Norton den Rest des Films genauso ökonomisch erzählen, sich nicht in Details verlieren und auf einen weniger konventionellen Schlusspart setzen, so wäre vielleicht ein Juwel des Neo-Noir aus „Motherless Brooklyn“ geworden. So ist es nur solide Genrekost für all jene, die gern James Ellroy und Walter Mosley lesen, in deren Retrothrillern Crimeplot und soziale Analyse ebenfalls immer Hand in Hand gehen.

Warner bringt „Motherless Brooklyn“ ab dem 12. Dezember 2019 in die deutschen Kinos.

© Nils Bothmann (McClane)

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Copyright aller Filmbilder/Label: Warner__FSK Freigabe: ab 12__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Nein/Nein, ab 12.12.2019 in den deutschen Kinos

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