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Swing Vote – Die entscheidende Stimme

Originaltitel: Swing Vote__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 1999__Regie: David Anspaugh__Produktion: Jerry Bruckheimer, Andy Garcia u.a.__Darsteller: Andy Garcia, Harry Belafonte, Robert Prosky, Ray Walston, James Whitmore, Kate Nelligan, Milo O’Shea, Albert Hall, Bob Balaban, John Aylward, LisaGay Hamilton, Margaret Colin u.a.
Swing Vote

Das von Jerry Bruckheimer produzierte Justizdrama “Swing Vote” greift das Thema Abtreibung auf

Ende der 1990er verbreiterte Produzentenmogul Jerry Bruckheimer („Bad Boys for Life“) sein Portfolio, stieß neben seinen Kinogroßproduktionen auch ins TV-Geschäft vor, wo er mit der Serie „C.S.I.“ und ihren Ablegern bald einen Megaerfolg haben sollte. Der TV-Film „Swing Vote“ gehört dabei zu seinen ersten Fernseharbeiten.

Das Thema ist eines, das auch mehr als 20 Jahre nach dem Erscheinen von „Swing Vote“ noch aktuell ist, mit Blick auf aktuelle Vorgänge in den USA sogar noch aktueller. In dem Was-wäre-wenn-Szenario der Drehbuchautoren Ronald Bass („Schnee, der auf Zedern fällt“) und Jane Rusconi („Eisige Stille“) hat der Supreme Court der USA, der aus neun Richtern besteht, das Grundsatzurteil Roe vs. Wade gekippt, welches Abtreibung erlaubt. Die Fraktion Pro Choice, die sich für das Selbstbestimmungsrecht der Frauen einsetzt, steht in den USA traditionell den Demokraten nahe, die Fraktion Pro Life, für die das Leben ab Zeugung beginnt, traditionell den Republikanern. Allerdings erließ der Supreme Court in „Swing Vote“ keine klaren Regeln, legte die Gesetzgebung in die Hände der Bundesstaaten und muss sich ein Jahr später erneut einfinden, weil Alabama eine Frau, Virginia Mapes (LisaGay Hamilton), nach einer Abtreibung wegen Mordes anklagen will.

Bei der ersten Entscheidung stimmte das Gerichte 6 zu 3 gegen Abtreibung, nun hat sich einer der Pro-Choice-Richter zurückgezogen und der vergleichsweise junge Joseph Michael Kirkland (Andy Garcia) nimmt als Neubesetzung seinen Platz ein. Joseph gilt als moderater Republikaner, will aber an seinen ersten Arbeitstagen keine große Welle machen, weshalb er auf eine klare Entscheidung hofft, bei der seine Stimme egal ist. Doch Pustekuchen: Beim Meeting der obersten Richter steht es am Ende 4 zu 4, er hat die entscheidende Stimme, die das Pendel in die eine oder andere Richtung schwingen lassen kann – daher der Titel „Swing Vote“.

Joseph ist von der Situation überrumpelt, will aber nicht aus dem Bauch entscheiden, sondern erst alle Seiten zu dem Thema anhören. Dazu bleiben ihm etwas mehr als zwei Tage, in denen verschiedene Parteien Einfluss auf ihn nehmen wollen…

Swing Vote

Joseph Michael Kirkland (Andy Garcia) ist beim Supreme Court gleich bei seiner ersten Entscheidung das Zünglein an der Waage

Gerade mit Blick auf die anhaltende Aktualität des Themas ist „Swing Vote“ ein ambitionierter Film, der alle Positionen zu dem Thema zu Wort kommen lassen will. Da gibt es den knarzigen Oberkonservativen unter den Richtern, für den Abtreibung mit Mord identisch ist und der hohe Strafen verlangt. Da gibt es den eher libertären republikanischen Richter, der zwar an sich gegen Abtreibung ist, aber die persönliche Freiheit hoch stellt, weshalb er milde Strafen und Ausnahmen in Fällen wie Vergewaltigung oder Bedrohung des Lebens der Mutter durch die Schwangerschaft möchte. Da gibt es die weibliche Richterin, die selbst eine Abtreibung hatte, erst Pro Life stimmte, im zweiten Anlauf aber ihrem Gewissen folgen und Pro Choice stimmen möchte. Dabei arbeiten beide Seiten durchaus manipulativ: Die Pro-Choice-Aktivisten haben Virginia als eloquente, willensstarke Frau bewusst ausgewählt, während Josephs Pro-Life-Ehefrau Linda (Margaret Colin) ihm daheim eindeutig sagt, welche Entscheidung sie von ihm erwartet, gerade zu erpresserisch auf die eigene Tochter verweist und mit dieser sogar bei Gericht als Zuschauerin auftaucht.

Denn in dieser Hinsicht erweist sich „Swing Vote“ passagenweise als überdeutlich konstruiert: Jenny (Hallie Eisenberg) ist ein Adoptivkind der Kirklands, wäre von ihrer Mutter beinahe abgetrieben worden. So hört man gelegentlich die Drehbuchseiten rascheln, wenn jede Position und jede Variante durchgespielt werden muss, wenn manche Komplikation forciert wird, etwa wenn das Publikum erfährt, dass sich Kirklands bekanntester Fall um die Unterstützung eines Pro-Life-Aktivisten drehte. Auch manche eher dramatisch gedachte Szene erscheint etwas gekünstelt, etwa wenn Joseph einen Gefühlsausbruch gegenüber dem Pro-Choice-Richter Will Dunn (Harry Belafonte) hat und brüllt, dass es ihm doch nur um das Wohl der Kinder gehe, der ungewollten Kinder.

Swing Vote

Die Richter Will Dunn (Harry Belafonte) und Hank Banks (Albert Hall) gehören zur Pro-Choice-Fraktion

Denn auch diese Frage bezieht „Swing Vote“ mit ein: Was ist eigentlich mit ungewollten Kindern, die nur aufgrund von staatlichem Zwang auf die Welt kommen und danach eventuell im Heim landen? Dementsprechend salomonisch fällt dann auch das endgültige Plädoyer aus, das sich zwar für eine Seite entscheidet, aber beiden gerecht werden will. Man kann das sicher als marktfreundliche Konsenssuche sehen, um kein Publikum so wirklich zu vergrätzen, aber viel wahrscheinlicher ist, dass „Swing Vote“ allen Ansichten in einer emotional aufgeladenen Debatte gerecht werden will. So ist der Film auch immer dann am stärksten, wenn es um die Sache geht, indem er unterschiedliche Ansichten aufzeigt, aber auch das Wesen des Justizsystem mit seinen Hinterzimmerdeals und Politisierungen. Etwa wenn der vorsitzende Richter Joseph im Zwiegespräch zu verstehen gibt, dass er in erster Linie für den Posten ausgewählt worden sei, um die konservative Seite zu stärken. Schwächer wird der von Routinier David Anspaugh („Wise Girls“) solide inszenierte Film immer dann, wenn es zu sehr um seinen Protagonisten geht. Sicherlich ist die Grundidee eines Mannes, der unglaubliche Verantwortung aufgebürdet bekommt und daher im Kreuzfeuer der Interessengruppen steht, einerseits reizvoll und eine gelungene dramaturgische Zuspitzung, andrerseits bekommt Joseph sehr heldenartige Züge, die von dem wichtigen Thema abzulenken drohen – zumal sein Privatleben eben etwas gekünstelt gescriptet wurde.

Mit Andy Garcia („Cash Truck“) hat man dann auch ein Schauspielschwergewicht gefunden, dass diese komplexe Rolle tragen kann und es auch über weite Strecken tut. Problematisch wird es immer dann, wenn Garcia besonders dramatisch sein will und ist Overacting verfällt, vor allem bei seinen Gefühlsausbrüchen, die eher gespielt als wirklich empfunden wirken. Sonst macht er aber einen guten Job und wird von einem hochkarätigen Ensemble unterstützt. Die meiste Screentime erhalten seine mit prominenten Namen und Gesichtern besetzten Richterkollegen, darunter Robert Prosky („D-Tox – Im Auge der Angst“) als manipulativer oberster Richter, Harry Belafonte („The Player“) als edler Streiter für Bürgerrechte, John Aylward („Gangster Squad“) als konservativer Hardliner, Kate Nelligan („Auf der Jagd“) als innerliche zerrissene Richterin und Bob Balaban („I Am the Pretty Thing That Lives in The House“) als Verteidiger der persönlichen Freiheit.

„Swing Vote“ hat ein brisantes Thema, das vielschichtig beleuchtet wird, auch wenn die Umsetzung manchmal hakt, gerade wenn der dialoglastige Film etwas thesenhaft wirkt oder manche Entwicklung forciert erscheint. Die Darstellerleistungen sind jedoch meist stark, es wird allen Seiten Raum gelassen und zum Nachdenken angeregt. Ein vielleicht nicht perfektes, aber ambitioniertes und trotz seiner Schwächen sehens- wie diskussionswertes Justizdrama abseits üblicher Gerichtsfilmstandards.

„Swing Vote“ ist in Deutschland bei Columbia Tristar auf VHS erschienen und ungekürzt ab 6 Jahren freigegeben. Auf DVD gibt es ihn in den USA, in Deutschland ist er als kostenpflichtiger Video-on-Demand-Titel bei Portalen wie Maxdome streambar.

© Nils Bothmann (McClane)

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Copyright aller Filmbilder/Label: Columbia Tristar__FSK Freigabe: ab 6__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Nein/Nein

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