Der Survivalthriller „Tower Block“ ist das Spielfilmdebüt von James Nunn und Ronnie Thompson alias David Beton. Darin weigern sich die Bewohner des obersten Etage eines Hochhauses trotz Verkaufs des verwahrlosten Immobilie im sozialen Brennpunkt auszuziehen. Ihre Not wird noch größer, als ein Scharfschütze das Gebäude ins Visier nimmt und es augenscheinlich auf alle verbliebenen Mieter abgesehen hat.
| Originaltitel: Tower Block__Herstellungsland: Großbritannien__Erscheinungsjahr: 2012__Regie: James Nunn, David Beton__Darsteller: Sheridan Smith, Jack O’Connell, Ralph Brown, Russell Tovey, Jill Baker, Montserrat Lombard, Loui Batley, Steven Cree, Nabil Elouahabi, Christopher Fulford, Julie Graham, Tony Jayawardena, Jamie Thomas King u.a. |

Der Thriller „Tower Block“ ist das Spielfilmdebüt von James Nunn und Ronnie Thompson alias David Beton
In den 2000ern und frühen 2010ern etablierte sich eine Gruppe zuverlässiger britischer Genrefilmer, die in der Folgezeit mal mehr, mal weniger groß rauskamen, darunter Neil Marshall („Compulsion“), M.J. Bassett („Red Sonja“), Ben Wheatly („Normal“) und Julian Gilbey („A Lonely Place to Die“). Auch James Nunn („Wildcat“) kann man (mit Abstrichen) dazu zählen, der vor allem im B-Action- und Horror-Bereich blieb und sein Spielfilmdebüt „Tower Block“ gemeinsam mit Ronnie Thompson alias David Beton („I Am Soldier“) inszenierte.
Der Titel gibt das Setting vor, ein paar einleitende Texttafeln schmücken es aus: Die früher als soziale Utopien geplanten Hochhäuser in London wurden Hochburgen von Armut und Kriminalität, weshalb Investoren sie lieber verscherbeln und ummodeln, auch wenn die Bewohner sich dagegen wehren. So wie im Falle des Serenity House, dessen Lage die Eingangsszenen in aller sozialer Kälte vorführen. Ein verzweifelter Junge flieht vor vermummten Angreifern, findet aber nur verschlossene Türen vor. Als Becky (Sheridan Smith) dies sieht, greift sie ein, wird aber selbst zusammengeschlagen und der Junge totgeprügelt. Als die Polizei den Fall untersucht, macht sie es wie ihre Nachbarn und behauptet nichts gesehen zu haben.
Drei Monate später hat sich die Lage nicht entspannt, als das Publikum mehr über das oberste Stockwerk und die letzten verbliebenen Bewohner des Serenity House erfährt. Der Eigentümer will sie rauswerfen, um den Verkauf abschließen zu können, doch die Mieter wehren sich, auch vor Gericht. Neben Becky sind darunter der Alkoholiker Paul (Russell Tovey), das ältere Ehepaar Neville (Ralph Brown) und Violet (Jill Baker), die alleinerziehende Partymaus-Proll-Mum (Jenny Montserat Lombard) und der Kleinkriminelle Kurtis (Jack O’Connell), der Schutzgeld von seinen Nachbarn kassiert. In der Tradition klassischer B-Pictures setzt „Tower Block“ auf archetypische Charaktere, die mit wenigen Pinselstrichen relativ präzise gezeichnet werden, vom Ex-Soldaten Neville bis hin zu Kleingangstern, die in Kurtis‘ Schatten stehen und sich ein Apartment teilen.
An einem Samstagmorgen eröffnet urplötzlich ein Scharfschütze das Feuer auf den Wohnbunker und tötet mehrere Menschen, wonach sich die Überlebenden im Flur wiederfinden, außerhalb seiner Sichtlinie. Sie planen die Flucht, müssen aber feststellen, dass der unbekannte Täter vorgesorgt und sich auf solche Eventualitäten vorbereitet hat…
Schaut euch den Trailer zu „Tower Block“ an
„Tower Block“ erinnert an Scharfschützenthriller wie „Zwei Minuten Warnung“, das größte Vorbild ist aber sicherlich John Carpenters „Assault on Precinct 13“, auch wenn statt einer ganzen Horde von Gegner hier nur ein Angreifer Tod und Verderben sät. Doch auch dieser schließt seine Opfer ein und schneidet sie durch Blockade aller Kommunikationswege auch sonst von der Außenwelt ab, auch dieser benutzt einen Schalldämpfer für seine Missetaten. Vor allem wird er aber ähnlich horrorfilmartig überhöht wie die zombiehafte Straßengang in Carpenters Klassiker: Mit dämonischer Weitsicht hat er offensichtlich jede Wohnung gleichzeitig im Auge und kann seine Opfer direkt erschießen, sobald sie nur für Sekundenbruchteile am Fenster zu sehen sind. Neben Fallen hat er auch noch kryptische Hinweise auf sein Motiv vor Ort hinterlassen, als wäre er ein Mastermind im Stil der „Saw“-Filme und artverwandter Genrereißer. Durch diese horrorartige Ausrichtung glaubt man auch, dass der Killer nie schlafen muss und dass auch die Überlebenden daher nie daran denken, dass man ihn durch Abwarten bezwingen könnte, Wie in „Assault on Precinct 13“ zwingt seine Anwesenheit seine Opfer in eine Art Zweckgemeinschaft, in der alle Differenzen zugunsten des Überlebenskampfes überwunden werden müssen.
In der Tradition des Carpenter-Klassikers gewinnt „Tower Block“ manchen Figuren auch Facetten ab, die über den Archetyp hinausgehen. Es erwischt auch Sympathieträger, andere überleben merklich länger als erwartet. Außerdem wird ein glaubhaftes Repertoire an Optionen durchgespielt: Eine Figur geht freiwillig in den Tod, eine andere glaubt sich (trotz der Beteuerungen ihrer Mitbewohner) in Sicherheit usw. Nicht alle Charaktere sind gleich gut ausgearbeitet und die eigenschaftloseren sind dann auch als frühe Scharfschützenopfer prädestiniert. Die Motive des Schützen bleiben bis ungefähr zur Halbzeitmarke im Dunkeln, wobei sich eigentlich nur zwei Lösungen anbieten (und eine von denen ist es dann auch), die Enthüllung seiner Identität kurz vor Schluss ist eine Semi-Überraschung, die erfahrene Genrezuschauer dann allerdings schon kommen sehen können. Doch insgesamt arbeitet das Drehbuch von David Moran, der mit „Severance“ und „Cockneys vs Zombies“ zwei relativ populäre britische Horrorkomödien jener Zeit verfasste, doch recht ökonomisch im 90-Minuten-Rahmen, ohne das Genre neu zu erfinden, bedient es aber recht versiert und nicht allzu abgegriffen.
Im Gegensatz zu Morans populärsten Arbeiten gibt es hier keinen Humor, stattdessen wird es grimmig. Zu den ersten Opfern (deren Tod man allerdings nur im Dialog erfährt) gehören Jennys kleine Kinder, die Samstagmorgen-Cartoon-Schauen erschossen werden, viele Bewohner sehen ihre Liebsten vor ihren Augen sterben. Vieles geschieht im Off oder wird durch Wackelkamera und ultrakurz zu sehende Effekte nur angedeutet, was sicherlich auch am Low-Budget-Rahmen von „Tower Block“ liegt. Tatsächlich leidet das Ganze unter Kinderkrankheiten eines Debütfilms, ist nicht immer sauber inszeniert, denn gerade die Attacken des Scharfschützen sind mal schockierend, mal etwas stümperhaft montiert. Die wenigen CGI-Einlagen sehen auch entsprechend kostengünstig aus, der brau-graune Look des Films dagegen unterstreicht die Trostlosigkeit des Lebens im Block ganz gut. Immerhin hält das Regieduo seinen Film weitestgehend fettfrei, auch wenn er nach bekanntem Schema verläuft: Die Bewohner überlegen sich einen Fluchtweg, der Killer hat vorgesorgt, die Gruppe wird eventuell dezimiert, dann geht das Spielchen von vorne los, bis zum möglicherweise erfolgreichen Finish.

Der Kleinkriminelle und Schutzgelderpresser Kurtis (Jack O’Connell) muss mit seinen Nachbarn zusammenarbeiten
Besetzt ist das Ganze mit einer ganzen Reihe von Schauspielern aus der zweiten bis dritten Reihe, was schon einmal dafür sorgt, dass man die Überlebenschancen nicht direkt am Starstatus ablesen kann. Dazu gehören als Sheridan Smith („The Huntsman & the Ice Queen“) als resolute Hauptfigur, Jack O’Connell („28 Years Later: The Bone Temple“) als rüpelhafter Schläger, Russell Tovey („Grabbers“) als sozial inkompetenter Alkoholkranker, Ralph Brown („Gemini Man“) als unerschrockener Ex-Soldat und Jill Baker („Lachsfischen im Jemen“) als seine hilfsbereite, medizinisch geschulte Ehefrau. Die Performances sind manchmal etwas uneben, vielleicht auch das Resultat einer Schauspielführung durch zwei Neulinge, aber doch gelingen den Darstellern memorable Momente, etwa wenn Tovey als Paul Probleme im Kontakt mit Mitmenschen offenbart oder O‘Connell recht sympathische Seiten inmitten von Kurtis‘ Arschloch-Persona zutage treten lässt.
„Tower Block“ ist kein Juwel seines Genres, inszenatorisch teilweise als Erstlingswerk erkennbar und in seinem Handlungsverlauf auch eher Standard. Doch erst ist angenehm fettfrei umgesetzt, gestaltet seine Charaktere in überschaubarem Rahmen facettenreich und lebt von seiner hoffnungsarmen Stimmung, egal ob es um den sozialen Raum oder die Gnadenlosigkeit des Killers geht. Kein perfektes Debüt, aber doch so respektabel, dass man verstehen kann, dass es der erste Karriereschritt für seine Macher war.
Knappe:
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„Tower Block“ ist in Deutschland bei Universum Film auf DVD und Blu-Ray erschienen, ungekürzt ab 18 Jahren freigegeben. Als Bonusmaterial gibt es Behind-the-Scenes-Interviews und Trailer.
© Nils Bothmann (McClane)
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