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H.P. Lovecraft’s Necronomicon

Die Horror-Anthologie „H.P. Lovecraft’s Necronomicon“ basiert auf Geschichten und Motiven des berühmten Autors. In drei Storys, die von Brian Yuzna, Christophe Gans und Shûsuke Kaneko inszeniert wurden, machen Menschen auf mal eher unheimliche, mal eher splattrige Weise Bekanntschaft mit dem Übernatürlichen und Unaussprechlichen des kosmischen Horrors.

Originaltitel: Necronomicon__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 1993__Regie: Brian Yuzna, Christophe Gans, Shûsuke Kaneko__Darsteller: Jeffrey Combs, Tony Azito, Juan Fernández, Bruce Payne, Belinda Bauer, Richard Lynch, Maria Ford, Vladimir Kulich, David Warner, Bess Meyer, Dennis Christopher, Gary Graham, Signy Coleman, Obba Babatundé, Don Calfa, Judith Drake u.a.
H.P. Lovecraft's Necronomicon

Die Anthologie “H.P. Lovecraft’s Necronomicon” beinhaltet drei Storys, die von Brian Yuzna, Christophe Gans und Shûsuke Kaneko inszeniert wurden

Dass Brian Yuzna ein Faible für H.P. Lovecraft hat, ist unverkennbar. Zu seinen ersten Arbeiten als Produzent gehören „Re-Animator“ und „From Beyond“, das Sequel „Bride of Re-Animator“ inszenierte er direkt selbst. Insofern verwundert es nicht, dass er maßgeblich daran beteiligt war, die Horror-Anthologie „H.P. Lovecraft’s Necronomicon“ aus der Taufe zu heben.

Die Hauptfigur der Rahmenhandlung ist sogar der gute H.P. Lovecraft selbst, verkörpert von Horror-Kultstar und Yuzna/Gordon-Spezi Jeffrey Combs („Doctor Mordrid“). Der recherchiert bei einem Mönchsorden für seine Storys, klaut einem von ihnen den Schlüssel und gelangt damit ein verschlossenes Archiv, in dem er das titelgebende Buch, das Necronomicon, findet. Er liest darin, schreibt auf Basis dessen Geschichten, doch seine Lektüre öffnet verbotene Türen. Eine relativ handelsübliche Rahmenhandlung, die zum Filmende nochmal netten FX-Budenzauber auffährt und von Yuzna selbst inszenierte wurde, der zudem eine Gastrolle als Taxifahrer spielt. Wichtig sind jedoch die drei Geschichten, die entweder auf direkte Lovecraft-Storys oder zumindest dessen Konzept des kosmischen Horrors zurückgehen.

Den Auftakt bildet „The Drowned“ von Christophe Gans („Pakt der Wölfe“), der noch am ehesten das klassische lovecraftsche Unbehagen verbreitet. Edward De Lapoer (Bruce Payne) hat das Familienanwesen geerbt, Notarin Nancy Gallmore (Belinda Bauer) ihn nach langer Suche aufgespürt, will ihn aber überzeugen das von feuchten Höhlen unterzogene Gemäuer zu verkaufen. Edward findet einen Brief seines Vorfahren Jethro (Richard Lynch), der bei einem Schiffsunglück Frau und Sohn verlor. Auch Edwards große Liebe ertrank nach einem Autounfall. Da stößt er auf einen Hinweis, dass Jethro einen Weg fand die Liebsten zurückzubringen.

Bruce Payne („Passagier 57“) und Richard Lynch („Die Barbaren“), beide vor allem als Schurkendarsteller bekannt, sehen sich tatsächlich ähnlich, und können ihre charismatischen Gesichter in die Waagschale werfen, müssen jedoch damit kämpfen, dass ihre Verluste eher erzählt als wirklich spürbar sind – die jeweiligen Liebsten sind schon verstorben, wenn man die Figuren trifft, nur in ein paar ultrakurzen Erinnerungsfetzen zu sehen, da wird es mit der Empathie schwer. Dafür erweist sich Gans als meisterhafter Erzeuger von Atmosphäre, der viel aus der Location des alten Hotels herausholt. Gegen Ende gibt es dann ziemlich schick designte Monster aus dem Cthulhu-Kosmos zu sehen, was auch darüber hinwegtröstet, dass die Pointe mit Ansage kommt, zumal sich das Ganze durch die beiden Zeitebenen etwas doppelt. Aber „The Drowned“ kann Unbehagen erzeugen, fährt in Nebenrollen B-Film-Aktrice Maria Ford („Blood Hunter“) als verstorbene bessere Hälfte und Vladimir Kulich („The Debt Collector 2“) als Dorfbewohner auf.

H.P. Lovecraft's Necronomicon

In “The Drowned” von Christophe Gans tritt Edward De Lapoer (Bruce Payne) ein verhängnisvolles Erbe an

Interessant ist, dass Yuzna für die zweite Story, „The Cold“, den Japaner Shûsuke Kaneko engagierte, im Westen ein unbeschriebenes Blatt und kaum horrorfahren. Am Drehbuch schrieb Kazunori Itô mit, der kurz darauf das Script für den Anime-Klassiker „Ghost in the Shell“ lieferte, Regisseur Kaneko drehte später mehrere „Gamera“-Filme, „Godzilla, Mothra and King Ghidorah: Giant Monsters All-Out Attack“ sowie die beiden ersten beiden „Death Note“-Realfilme. „The Cold“ handelt von der jungen Emily Osterman (Bess Meyer), die nach London kommt, da sie sich als Flötistin betätigen und gleichzeitig ihrem gewaltigen Stiefvater entfliehen will. Im gleichen Haus wie sie wohnt auch der Wissenschaftler Dr. Richard Madden (David Warner), der es stets kalt haben muss, was mit seiner Forschung zu tun hat, die sich Emily nach und nach erschließt.

„The Cold“ ist die Story in „Necronomicon“, die sich am meisten an Charakterzeichnung versucht, eine Entwicklung von Emily nachzeichnen will, die angesichts der Kürze aber recht sprunghaft wirkt: In sein knappes Filmdrittel muss Kaneko nicht nur die Vergangenheitshandlung um Emily hineinquetschen, sondern auch eine in der Gegenwart spielende Story, in der eine Nachfahrin Emilys Besuch von dem Reporter Dale Porkel (Dennis Christopher) bekommt. Der ist einer brandheißen Story auf der Spur und geht dieser in klischeehaftester B-Film-Tradition ohne Verstärkung oder Vorsichtsmaßnahmen nach – das Ende der Gegenwartshandlung kann man sich denken. Die Vergangenheitsgeschichte liefert recht gute Darstellerleistungen von Bess Meyer („Heathers“) und David Warner („Scream 2“), hat Gary Graham („Robotjox“) als wahrhaft schmierigen Stiefvater zu bieten, der sich in nur einer Szene als Ekelpaket deluxe etablieren kann, und einen derben Body-Melt-Effekt am Ende. Sonst ist es die alte Leier vom Mad Scientist, der es eigentlich nur gut gemeint hat und der Frau bzw. den Frauen in seinem Leben. Alles solide gemacht, aber alles auch reichlich vorhersehbar.

H.P. Lovecraft's Necronomicon

In der Rahmenhandlung ist H.P. Lovecraft (Jeffrey Combs) selbst die Hauptfigur

Die Inszenierung der dritten Episode „Whispers“ übernahm dann wieder Brian Yuzna. Der Auftakt könnte auch aus einem der zur Drehzeit sehr beliebten Cop-Actionfilme sein, wenn Polizistin Sarah (Signy Coleman) und ihr Partner Paul (Obba Babatundé) in einer Autojagd mit quietschenden Reifen einen Verdächtigen verfolgen, an deren Ende ein Crash des Polizeiwagens steht. Sarah, die von Paul schwanger ist und eigentlich keine Mutter sein will, muss sehen, wie jemand ihren Partner in ein leerstehendes Gebäude schleift. Sie verfolgt den Täter, doch wird im Keller mit dem Grauen konfrontiert.

Signy Coleman („Land of the Free“) als Polizistin irgendwo zwischen Final Girl des Horrorfilms und Actionheldin des Cop-Genres macht sich gut in der Hauptrolle, hervorragenden Support gibt es von Don Calfa („Stay Tuned“) und Judith Drake („Angel Heart“), die ein eigenwilliges Obdachlosenpärchen darstellen. Ansonsten liefert Yuzna eine sehr eigenwillige Interpretation des kosmischen Horrors von Lovecraft ab, die sich auf Wendungen verlässt, die so durchgedreht sind, dass man den Storyverlauf des Ganzen ganz sicher nicht vorausahnen kann. In bester Yuzna-Tradition kommt „Whispers“ dabei auch entsprechend gory und effektreich daher. Von subtilem Grusel ist hier wenig zu merken, „Whispers“ ist straighter Splatterhorror, der aber mit Leichenbergen, phantasievollen Kreaturen und derben Bluttaten dann auch liefert. Das bedeutet allerdings auch, dass die Exposition bis dahin ein wenig wie eine Pflichtübung wirkt, die Yuzna mit der anfänglichen Autojagd etwas aufzupeppen versucht, ehe er dann so richtig in seinem Element ankommt.

Unterm Strich sind alle drei Episoden von „Necronomicon“ solide Horrorware, mal mehr, mal weniger frei nach Lovecraft erzählt, aber alle klar von ihm inspiriert, wobei die Gans die Nadel leicht nach oben, Kanoke sie leicht nach unten ausschlagen lässt. Allen fehlt der letzte Schliff zur Großartigkeit, weil die Figuren mal zu wenig entwickelt sind, der Verlauf manchmal etwas zu vorhersehbar daherkommt. Eine ganz nette Anthologie ist aber schon dabei herausgekommen und die Beteiligten scheinen sich auch gut verstanden zu haben: Brian Yuzna und Samuel Hadida produzierten kurz darauf Christophe Gans‘ erste Langfilmregie „Crying Freeman“.

Auf VHS war „Necronomicon“ trotz FSK-18-Freigabe um diverse Szenen erleichtert, fast ausschließlich in der dritten Episode. Die deutsche Fassung basierte immerhin auf der Unrated-Version. 2007 erschien „Necronomicon“ ungekürzt auf DVD bei Kinowelt und bot als Bonusmaterial Trailer, eine Fotogalerie und ein „Der Ruf des Cthulhu“-Hörbuch. 2019 veröffentlichte Wicked Vision den Film auf DVD und Blu-Ray im Mediabook. Als Extra gibt es mehrere Featurettes, Trailer, Bildergalerien, ein langes Interview mit Brian Yuzna sowie gleich zwei Audiokommentare (Brian Yuzna und Christophe Gans; Jörg Kopetz und Daniel Perée).

© Nils Bothmann (McClane)

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